Corona bei Kindern:Mehr Infektionen zulassen?

Coronavirus - Selbsttest an Berliner Schule

Regelmäßige Selbsttests gehörten lange zum Schulalltag. Einige Wissenschaftler wollen sie abschaffen.

(Foto: Jörg Carstensen/dpa)

Neben mehr Corona-Fällen befürchten Mediziner an Schulen noch eine Welle anderer Atemwegserkrankungen. Warum einige deutsche Experten dennoch einen lockeren Umgang mit dem Virus fordern.

Von Felix Hütten

Dutzende US-amerikanische Kinderärzte und Kinderinfektiologen haben in einem offenen Brief vor einer Überlastung der Kinderkrankenhäuser in den Vereinigten Staaten gewarnt. "Tragischerweise bringen die steigende Zahl der Covid-19-Infektionen bei Kindern, die zunehmenden Fälle von Atemwegserkrankungen (...) und die anhaltenden Auswirkungen der Pandemie auf die psychische Gesundheit unsere Kinderkliniken an ihre Kapazitätsgrenzen", heißt es darin. In Verbindung mit einem erheblichen Personalmangel sei das pädiatrische Sicherheitsnetz in noch nie dagewesener Weise bedroht, schreiben die Autoren in einer ganzseitigen Anzeige, die auch in der New York Times und der Los Angeles Times erschienen ist.

Nach Daten der American Academy of Pediatrics stiegen die Infektionszahlen unter Kindern und Jugendlichen in den USA von etwa 38 000 Fällen in der letzten Juliwoche auf knapp 204 000 Fälle in der letzten Augustwoche an. Allerdings: In jenen Bundesstaaten, die solche Daten übermitteln, zeigt sich, dass nur etwa ein bis drei Prozent aller im Krankenhaus behandelten Covid-Patienten Kinder sind. Seit Ausbruch der Pandemie waren unter den mehr als 600 000 Menschen, die in den USA an Covid gestorben sind, gerade mal 361 Kinder und Jugendliche. Doch auch wenn Kinder im Verhältnis deutlich seltener schwer erkranken, sorgen sich viele Eltern und Experten um mögliche Langzeitschäden einer durchgemachten Infektion mit Sars-CoV-2.

Manche Ärzte befürchten zugleich eine Welle anderer Atemwegserkrankungen

Das Statement erscheint just in einer Zeit, in der in vielen Ländern die Frage immer präsenter wird, wie Kinder unter zwölf Jahren, die noch nicht geimpft werden dürfen, sicher in Schule und Kindergarten gehen können. Ähnlich wie in Deutschland reicht auch in den USA die bisherige Impfquote nicht aus, um das Virus flächendeckend in Schach zu halten und ungeimpfte Personen mit zu schützen. Außerdem könnte sich schon bald eine weitere Infektionswelle bemerkbar machen. So warnen Infektiologen vor einer Schwemme schwerer weiterer kindlicher Atemwegsinfektionen, verursacht etwa durch das Influenza- oder das Humane Respiratorische Synzytial-Virus (RSV). Bei manchen Kindern bleibt es nach diesen Infektionen nicht bei Schnupfen und Fieber, sie müssen mit einer Lungenentzündung stationär behandelt werden. Nach Lockdown und Schließungen zahlreicher Betreuungseinrichtungen könnten diesen Winter nun mehrere Jahrgänge auf einmal erstmals mit RSV oder Influenza in Kontakt kommen.

In Medienberichten aus den USA und Großbritannien äußern bereits erste Kinderkliniken Sorgen vor steigenden Zahlen von Patienten mit RSV-und anderen Atemwegsinfekten. Noch aber liegen keine validen Daten dazu vor. Gleiches gilt für Deutschland. Ohnehin ist die Situation in den USA nicht unmittelbar auf Deutschland übertragbar.

Doch auch in Deutschland nimmt die Debatte über den richtigen Umgang mit Kindern und Corona im Zuge des Wahlkampfs und des Schulstarts wieder an Fahrt auf. In sozialen Netzwerken organisieren sich erste Eltern, die eine sogenannte Off-Label-Impfung für Kinder unter zwölf Jahren fordern. Das hieße, dass Ärzte die Vakzine trotz fehlender Zulassung in bestimmten Fällen trotzdem verabreichen würden. Die Rechtslage hierzu ist knifflig. Viele Kinderärzte lehnen eine solche Impfung zumindest für gesunde Kinder mit Verweis auf noch lückenhafte Daten ab. Die Pharmafirmen Pfizer und Biontech prüfen derzeit in Studien Wirksamkeit und Verträglichkeit ihres Covid-Impfstoffs für Kinder unter zwölf Jahren. Expertinnen und Experten erwarten für den Winter eine Zulassung.

Die Schulen starten aber jetzt wieder - was also tun? "Man muss in irgendeiner Art und Weise jetzt einen Schulbetrieb hinkriegen, der nicht dazu führt, dass es zu einem exponentiellen Anstieg der Infektionstätigkeit in dieser nicht geschützten Altersgruppe führt", sagte der Charité-Virologe Christian Drosten im Deutschlandfunk. Für besonders gefährdete Kinder, etwa für chronisch kranke, müsse man sich bis zur Zulassung daher "mit einer Off-Label-Anwendung" helfen, um sie vor einer Infektion zu schützen. Jetzt seien die Fachgesellschaften der Kinderärzten aufgerufen, "Empfehlungen zu machen für den Umgang mit dieser Situation", sagte Drosten. Er warnte zugleich davor, auf Schutzmaßnahmen für Kinder zu verzichten, solange mögliche Komplikationen und Spätfolgen durch eine Infektion mit Sars-CoV-2 nicht eindeutig geklärt seien.

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Ein Team von Kinderärzten, Infektiologen und Virologen argumentiert in einem aktuellen Gastbeitrag in der Zeit, dass es nicht mehr verhältnismäßig sei, möglichst jede Infektion unter Kindern zu verhindern. Es gehe vielmehr nun darum, mit engmaschigen Tests, Quarantäne und Kontaktnachverfolgung zielgerichteter als bisher zu arbeiten.

Eine weitere Gruppe von Kinderärzten, Virologen und Epidemiologen - darunter auch einige, die in der Fachwelt aufgrund wissenschaftsferner Meinungsäußerungen eher kritisch gesehen werden - wandten sich unterdessen mit einem offenen Brief "an die Kanzlerkandidat*innen, Kultus- und Familienminister*innen". Aus ihrer Sicht sollte es eine "Gleichstellung aller Kinder und Jugendlichen mit geimpften und genesenen Erwachsenen" geben. Es sei notwendig, "ineffektive, in der Masse extrem kostenintensive und belastende Testungen bei asymptomatischen Kindern ohne einen konkreten Anlass" zu beenden. Nach Vorstellung der Autorinnen und Autoren sollen Kinder und Jugendliche nach Kontakt mit einem Infizierten nicht mehr in häusliche Quarantäne versetzt werden. Wie sich Kinder dann konkret vor einer Infektion schützen können, beantwortet das Team allerdings nicht.

Trotz der Unterschiede sind sich US-amerikanische wie deutsche Experten einig: Erwachsene schützen mit einer Impfung auch Kinder unter zwölf Jahren. Überall dort, wo Infektionsketten durch die Impfung durchbrochen werden, haben Kinder gute Chancen, ohne Erkrankung durch den Herbst zu kommen.

© SZ
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