Binge-Eating-Störung Exzesse am Kühlschrank

Essen bis zur Übelkeit: In den USA ist die Binge-Eating-Störung als eigenständige Diagnose anerkannt worden. Etablierung einer neuen Modekrankheit oder überfälliger Schritt?

Von Berit Uhlmann

Plötzlich fand sich der Versicherungsvertreter in einem Lebensmittelgeschäft wieder. Er trug schwer an Unmengen von Essen und doch fehlte ihm - so sein Arzt - "jegliche Erinnerung, wie er überhaupt dort hingekommen war". Kaum hatte der junge Mann seine Einkäufe verschlungen, setzte er zu einer "verstohlenen Runde durch die umliegenden Lokale an, wo er jeweils nur kurz blieb und, in beständiger Angst vor Entdeckung, lediglich kleine Mengen verzehrte". Bis zu 20.000 Kilokalorien kamen so an einem Tag zusammen. "Es bereitet mir nicht den geringsten Genuss", bekannte der Mann. "Es passiert einfach, und wenn es passiert, dann gibt es nur noch das Essen und mich - mutterseelenallein."

Bereits 1959 schilderte der amerikanische Psychiater Albert Stunkard das Leiden des 30-jährigen A. A., das heute als die erste Beschreibung einer Binge-Eating-Störung gilt. Was in dem Fall noch anekdotisch und ein wenig seltsam klingt, ist nun erstmals als eigene Krankheit anerkannt.

Als die US-Psychiater vor Kurzem die neue Ausgabe ihres Diagnosekatalogs DSM veröffentlichten, hoben sie die unkontrollierbaren Heißhungerattacken aus dem Sammelbecken der "nicht anderweitig spezifizierten Essstörungen" heraus und stellten sie auf eine Stufe mit Bulimie und Magersucht. In Deutschland gibt hingegen das Diagnosehandbuch der Weltgesundheitsorganisation vor, was als psychisch krank gilt. Das Binge Eating war bislang offiziell nicht dabei.

Völlerei als Krankheit?

Der US-Psychiater Allan Frances, prominenter Kritiker des neuen amerikanischen Diagnose-Handbuchs, hält die Aufwertung der Binge-Eating-Störung für eine der zehn schlimmsten Verfehlungen seiner Kollegen: Es genüge, innerhalb von drei Monaten nur zwölfmal exzessiv zu essen, um als psychisch krank zu gelten. Was also haben sich die Amerikaner da ausgedacht? Die seit Jahrhunderten bekannte Völlerei soll plötzlich eine Krankheit sein?

Tatsächlich ist orgiastisches Schlingen keine Entwicklung der Moderne. "Glaubt man historischen Quellen, gab es im Mittelalter heftige Fressgelage", sagt Hans-Christoph Friederich, Leiter der Arbeitsgruppe Essstörungen an der Klinik für Psychosomatik der Universität Heidelberg. Das Essen großer Mengen mag in früheren mageren Zeiten mitunter sogar sinnvoll gewesen sein. Neu ist jedoch, dass heute das Überangebot an Nahrung und der Mangel an Bewegung solche Essanfälle zum offenkundigen und weitreichenden Problem machen. Wer unkontrolliert isst, legt in der Regel deutlich an Gewicht zu und steigert sein Risiko für Gelenkprobleme, Bluthochdruck und Diabetes.

Dies ist kein theoretisches Problem: "Die Patienten sind da, auch in Deutschland", sagt Martina de Zwaan, Direktorin der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover. Epidemiologischen Erhebungen zufolge leiden in den westlichen Ländern etwa zwei bis 3,5 Prozent aller Frauen und 0,3 bis zwei Prozent aller Männer einmal in ihrem Leben an den gehäuften Essanfällen. Für die deutschen Patienten gibt es offiziell nur die Diagnose "nicht näher bezeichnete Essstörung". Das reicht den Krankenkassen, nicht aber den Betroffenen. "Wir nennen das Leiden daher im Gespräch mit den Patienten längst Binge-Eating-Störung", so de Zwaan.