Medizin:Studie: Asylsuchende haben zu wenig Zugang zu Zahnbehandlungen

Medizin: Die Behandlung von fortgeschrittener Karies ist teurer als eine Therapie im Frühstadium.

Die Behandlung von fortgeschrittener Karies ist teurer als eine Therapie im Frühstadium.

(Foto: David Fuentes via www.imago-images.de/IMAGO/Addictive Stock)

Friedrich Merz behauptete unlängst, dass Asylsuchende sich die Zähne auf Kosten des Sozialsystems sanieren ließen. Nun zeigen Forscher, wie es wirklich um die Versorgung dieser Menschen steht.

Von Berit Uhlmann

Man kann es ja mal probieren. Einen markigen Satz in die Diskussion werfen und hoffen, dass ohnehin keiner weiß, ob er eigentlich korrekt ist. So zumindest wirkte es, als CDU-Chef Friedrich Merz im vergangenen September in einer Talkshow über Asylsuchende konstatierte: "Die sitzen beim Arzt und lassen sich die Zähne neu machen, und die deutschen Bürger nebendran kriegen keine Termine." Wer weiß schon so genau, wie die Wartezimmer der Dentalmediziner und die Gebisse der Geflüchteten aussehen?

Tatsächlich hatten Fachleute damals schnell darauf hingewiesen, dass Geflüchtete nur sehr eingeschränkten Zugang zu zahnmedizinischer Versorgung haben. Aber wie oft sie wirklich auf dem Zahnarztstuhl sitzen, war unklar. Nun haben Forscher und Forscherinnen um Kayvan Bozorgmehr von der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld erste Daten vorgelegt. Ihre Befragung von fast 900 Asylbewerbern aus Berlin und Baden-Württemberg ergab, dass knapp 40 Prozent von ihnen in den zurückliegenden zwölf Monaten einen Zahnarzt in Deutschland aufsuchten.

Ungefähr ebenso viele hatten noch nie eine hiesige Dentalpraxis von innen gesehen, obwohl sich die Mehrzahl von ihnen bereits länger als ein Jahr in Deutschland aufhielt. Damit unterscheidet sich die Versorgung der Asylsuchenden deutlich von der der deutschen Gesamtbevölkerung. Nach Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) suchen binnen eines Jahres mehr als 80 Prozent der hier Lebenden einen Zahnarzt auf.

Die Zähne von Geflüchteten werden im Gegenteil nicht ausreichend versorgt

Die im Journal of Health Monitoring veröffentlichten Zahlen sind allerdings nur eingeschränkt miteinander vergleichbar. Sie stammen aus unterschiedlichen Erhebungen; die Stichproben waren nicht identisch zusammengesetzt. Zudem sind die Daten zu den Asylsuchenden nicht sehr umfangreich.

Dennoch lässt sich die Tendenz ausmachen, dass Asylsuchende seltener in eine Zahnarztpraxis gelangen als die Gesamtbevölkerung in Deutschland. Auch Studien aus anderen Ländern ergaben, dass geflüchtete Menschen einen erschwerten Zugang zu zahnmedizinischer Versorgung haben, sagt Hauptautor Kayvan Bozorgmehr in einer Pressemitteilung der Universität Bielefeld.

Das ist umso bemerkenswerter, als sowohl internationale als auch deutsche Studien zeigten, dass es um die Mundgesundheit Geflüchteter eher schlecht steht. Angesichts der Strapazen einer Flucht, den belastenden Lebensbedingungen und der teils geringeren Bildung der Betroffenen ist dies nicht verwunderlich.

Nichts an den nun präsentierten Erkenntnissen spricht dafür, dass Asylsuchende hierzulande mit strahlenden Gebissen beschenkt werden. Im Gegenteil: Die Autoren gehen davon aus, dass Geflüchtete nicht ausreichend versorgt werden.

Denn während den Bundesbürgern regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen offenstehen, bekommen Asylsuchende dem Gesetz nach in aller Regel nur dann eine Zahnbehandlung, wenn es unaufschiebbare medizinische Gründe dafür gibt. Das heißt, dass die Menschen erst dann Hilfe erhalten, wenn ihre Probleme bereits weit fortgeschritten und womöglich schon Folgeschäden eingetreten sind.

Das ist nicht nur für die Betroffenen belastend, sondern womöglich auch für das hiesige Gesundheitssystem. Denn durch die späten Behandlungen könnten am Ende hohe Kosten anfallen, argumentieren die Autoren. Sie verweisen auf eine Studie, wonach die Behandlung von fortgeschrittener und schmerzhafter Karies doppelt so teuer ist wie eine Therapie im Frühstadium.

Die Autorinnen und Autoren erwähnen die Einlassungen von Friedrich Merz nicht explizit, schließen ihre Arbeit allerdings mit der Bemerkung, dass es bessere Daten zur Versorgung Geflüchteter brauche - auch um "faktenfreien Diskussionen zu Migration und Gesundheit rational zu begegnen".

Deutlicher wird der Bielefelder Konfliktforscher Andreas Zick, den die Universität in ihrer Pressemitteilung ebenfalls zu Wort kommen lässt. "Wenn Politiker Geflüchteten ohne Sachgrundlage unterstellen, Sozialleistungen zu missbrauchen, wird ein tatsächliches oder subjektiv empfundenes Wissensdefizit von Bürgern ausgenutzt. Das verstärkt Unsicherheiten durch Scheinsicherheiten und dient vielleicht nur dazu, Wahlstimmen zu erreichen".

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