bedeckt München
vgwortpixel

Reden wir über Geld: Charles Schumann:"Wie in einer schlechten Ehe"

SZ: Gibt es Konkurrenten, die Ihre Barkeeper umwerben, weil sie dann sagen können, der kommt vom "Schumann's"?

Schumann: Jaja, die gibt's. Aber es ist so: Wer im "Schumann's" gearbeitet hat, kann nicht mehr woanders arbeiten.

SZ: Das verstehen wir nicht.

Schumann: Es gibt nur eine Möglichkeit: entweder hier oder selbständig. Das ist jetzt keine Arroganz, das ist einfach so. Bei mir arbeiten Leute seit 20 Jahren.

SZ: Wie ist das, 20 Jahre mit Mitarbeitern zusammenzuarbeiten?

Schumann: Wie in einer schlechten Ehe. Was willst du jemandem sagen, mit dem du 20 Jahre zusammenarbeitest? Dem kannst du gar nichts mehr sagen. Aber es ist beruhigend, wenn man weiß, dass man sich auf denjenigen verlassen kann.

SZ: Wie in einer Familie.

Schumann: Ich bin kein Familienmensch. Die wenigen Stunden, die ich privat habe, bin ich am liebsten allein.

SZ: Warum?

Schumann: Weil ich Zeit brauche. Ich habe eine Freundin und einen Sohn, der in Wien studiert. Das ist schön, aber Alleinsein ist auch schön.

SZ: Wie schafften Sie es, die Bar zu führen und gleichzeitig den Sohn großzuziehen?

Schumann: Das ist doch selbstverständlich. Ich bin immer um Mitternacht nach Hause gegangen, damit ich mit ihm aufstehen konnte.

SZ: Ihre Frau hat Sie verlassen, als Ihr gemeinsamer Sohn gerade mal fünf Jahre alt war. Wie sehr schmerzte das?

Schumann: Es sind immer beide schuld. Sie wollte nach Amerika und Karriere machen. Und ich hab nie Zeit gehabt. Wir haben uns im Guten getrennt, uns nicht beschimpft oder gestritten. So, Jungs, das reicht jetzt, oder?

SZ: Wie finden Sie es hier im Laden nach all den Jahren?

Schumann: Schön, sonst hätte ich ja aufgehört. Ich würde gern woanders hin, irgendwo ans Meer. Wenn ich nur wüsste wohin, wäre ich schon längst weg.

SZ: Das sagen Sie seit 30 Jahren.

Schumann: Stimmt, aber ich hoffe, ich sage das nicht, bis ich sterbe.

SZ: Gibt es eine biologische Grenze?

Schumann: Mitte 70. Aber noch bin ich fit, ich gehe zu keinem Arzt.

SZ: Sie haben Angst vor der Diagnose.

Schumann: Wenn ich fühlen würde, dass es zu Ende geht, hoffe ich, dass ich noch in der Lage wäre, Entscheidungen zu treffen.

SZ: Das bringt dann auch nichts mehr.

Schumann: (lacht) Stimmt, aber ich will nicht zuschauen, wie ich selbst zerfalle.

Zur SZ-Startseite