Filmfest mit Antonio Banderas "Auf den Latin Lover habe ich schon lange keine Lust mehr"

Der Latin Lover war gestern: Antonio Banderas wird nächstes Jahr 60 Jahre alt und freut sich über Charakterrollen. In seinem neuen Film Leid und Herrlichkeit ist er so gut wie nie zuvor.

(Foto: Brynn Anderson/dpa)

Mit fast 60 erlebt Antonio Banderas einen Karriereschwung: Der spanische Schauspieler wird mit dem Cinemerit-Award ausgezeichnet und stellt in München seinen neuen Film vor.

Von Josef Grübl

Vor Wochen wurde er schon angekündigt, sein Name stand in allen Zeitungen. Das Kino ist bis auf den letzten Platz gefüllt, doch der Künstler lässt auf sich warten. Genauer gesagt ist er noch gar nicht losgefahren. Er sitzt auf seinem Bett, trägt etwas seltsam Buntes, außerdem hat er etwas eingeworfen. Für die Veranstalter ist das natürlich furchtbar peinlich, ständig fragt jemand: "Kommt er noch?" Als man ihn endlich telefonisch erreicht, geht ein Mitarbeiter kurzerhand mit dem Handy auf die Bühne und hält es ans Mikro: Das Publikumsgespräch müsse nun eben auf diese Weise stattfinden ...

Wer nun befürchtet, dass die Cinemerit-Preisverleihung zu Ehren von Antonio Banderas genauso ablaufen könne, dem sei versichert: Die geschilderte Szene mit ihm hat zwar genauso stattgefunden, aber nur im Film. Im wahren Leben hat der Spanier fest zugesagt, nach München zu kommen: Er wird am Samstag, 29. Juni, erwartet, um 18 Uhr findet im Carl-Orff-Saal im Gasteig die Preisverleihung sowie die Vorstellung seines neuen Films Leid und Herrlichkeit statt. Freuen darf sich Antonio Banderas (außer über den Cinemerit-Award) derzeit über einiges: Für Leid und Herrlichkeit wurde er in Cannes mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet, die Kritiker sprechen von einer Karrierebestleistung und prophezeien ihm sogar eine Oscar-Nominierung. Banderas spielt einen berühmten Regisseur in der Krise, die eingangs beschriebene Szene stammt ebenfalls aus diesem Film. Da soll er bei der Wiederaufführung einer vor 32 Jahren entstandenen Regiearbeit von ihm dabei sein, doch die Geister der Vergangenheit lassen ihn nicht los.

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Vor ziemlich genau 32 Jahren änderte sich auch das Leben von Antonio Banderas: Bis dahin war er ein junger Schauspieler, den es aus dem andalusischen Malaga nach Madrid verschlagen hatte. Er spielte Theater und kleinere Filmrollen, unter anderem schon früh für einen exzentrischen Regisseur namens Pedro Almodóvar. Das Gesetz der Begierde hieß der Film, den die beiden 1987 drehten; es war der erste Almodóvar-Film, der auch in Deutschland ins Kino kam. Ein Jahr später folgte der Welterfolg Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs, kurz darauf die schrille Komödie Fessle mich. Danach war Banderas ein Star, er ging nach Amerika, wo man ihn am liebsten in der Rolle des Latin Lovers besetzte. Schwierig waren diese Anfangsjahre in Hollywood für ihn aber nicht nur wegen der Reduzierung auf sein gutes Aussehen, wie er vor ein paar Jahren im SZ-Interview gestand: "Ich habe bis zu meinem 31. Lebensjahr kein Wort Englisch gesprochen." Er musste die für ihn fremde Sprache erst erlernen, das sei sehr hart gewesen: "Ich musste mir meine Sätze immer erst übersetzen."

Das kann man in seinen ersten amerikanischen Filmen auch sehen: In Mambo Kings, Miami Rhapsody oder Interview mit einem Vampir wirkt er etwas gehemmt, erst im Laufe der Jahre wurde er auch in englischsprachigen Produktionen souveräner. Das dürfte auch etwas mit seinem Privatleben zu tun haben: 1996 heiratete er seine Schauspielkollegin Melanie Griffith, die beiden bekamen eine Tochter und waren lange ein Paar - die Ehe wurde 2015 geschieden. Die aus New York stammende Schauspielerin, einer der größten Stars im Hollywood der Achtziger- und Neunzigerjahre und bereits im Jahr 2012 in München mit dem Cinemerit-Award ausgezeichnet, übernahm auch die Hauptrolle im Regiedebüt ihres Mannes: Verrückt in Alabama entstand 1999, in jenen Jahren feierte Banderas seine größten kommerziellen Erfolge.

In den letzten Jahren kamen die Charakterrollen

Er spielte in Kinohits wie Evita oder Die Maske des Zorro mit (beide Filme werden auch im Rahmen einer kleinen Banderas-Hommage gezeigt), drehte mit Regiegrößen wie Robert Rodriguez, Woody Allen oder Brian De Palma und freute sich über die ersten grauen Haare: "Auf den Latin Lover habe ich schon lange keine Lust mehr", sagte er im Interview, "da hilft mir das Älterwerden sogar, weil sich das Ganze irgendwann von selbst erledigt." 2010, der Spanier war gerade 50 Jahre alt geworden und nach Filmdebakeln wie Bordertown oder My Mom's New Boyfriend auf dem besten Weg, sich selbst ins Karriere-Abseits zu schießen, kam ein alter Bekannter auf ihn zu: Pedro Almodóvar bot ihm eine Rolle in Die Haut, in der ich wohne an.

In dem melodramatischen Thriller spielt er einen skrupellosen Arzt, der Frankenstein-ähnliche Experimente mit künstlicher Haut anstellt. Die beiden hatten seit zwei Jahrzehnten nicht mehr miteinander gearbeitet: "Das war aber wie eine Heimkehr zu meiner alten Familie", sagte Banderas. "Pedro und ich haben uns über all die Jahre regelmäßig gesehen, der Kontakt ist nie abgebrochen." So kam es auch, dass Almodóvar ihm ein paar Jahre später die Hauptrolle in seinem wohl persönlichsten Film anvertraute: In Leid und Herrlichkeit nimmt er die Eckpunkte seiner eigenen Biografie zum Anlass, um über das Leben, die Lieben und die Krisen eines alternden schwulen Künstlers zu erzählen. Deshalb sieht der Schauspieler in diesem Film auch so aus wie sein Regisseur, mit grauem Bart, stachliger Frisur und knallig bunten Lederjacken und Sakkos.

"Ihr Schauspieler wollt immer Tränen, das macht die Sache aber nicht besser", sagt er im Film einmal. Deshalb spielt Banderas diese Rolle sehr emotional und gleichzeitig ganz zurückgenommen. Vielleicht ist jetzt die Zeit der großen Charakterrollen gekommen, erst letztes Jahr spielte er in der Serie Genius Pablo Picasso, bereits abgedreht ist ein Film, in dem er den Autobauer Ferruccio Lamborghini mimt. Antonio Banderas wird nächstes Jahr 60, er ist schon lange im Geschäft, pendelt zwischen Spanien und Amerika, produziert und will wieder Regie führen. Da fällt es nicht immer leicht, den Überblick zu behalten. Die Freundschaft zu Pedro Almodóvar ist ihm aber besonders wichtig: "Wenn er mich anruft, dann komme ich."

Antonio Banderas kommt am Samstag, 29. Juni, 16 Uhr, zu Filmmakers Live in die Black Box/Gasteig.