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Netzkolumne:Joe Biden, die Ukraine und die Rolle von Social Media

Laut einer Studie des Pew Research Center glauben neun von zehn konservativen Amerikanern, dass Social-Media-Plattformen ihr Lager zensieren.

(Foto: AP)

Facebook und Twitter befördern reaktionäre Inhalte. Wie glaubwürdig ist da ihre angebliche Neutralität im US-Wahlkampf?

Kolumne von Michael Moorstedt

Sollten die vergangenen Wochen und Monate nur eine Wahrheit ans Licht gebracht haben, dann ist es wohl die folgende: Die Fähigkeit mächtiger Männer, sich ungerecht behandelt zu fühlen, ist unerschöpflich. Aktueller Anlass ist eine Geschichte in der New York Post, in der die Ukraine-Geschäfte des Sohnes des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden einmal mehr ausgebreitet wurden. Der Text warf allerdings mehr Fragen nach seiner Seriosität und der Herkunft seiner Fakten auf als nach tatsächlichen Unregelmäßigkeiten des demokratischen Lagers.

Überraschend schnell beschränkten Twitter und Facebook deshalb die Verbreitung des Artikels. Und noch viel schneller beschwerten sich mächtige Republikaner daraufhin über die vermeintliche Zensur und vermuteten eine Parteilichkeit der digitalen Plattformen zugunsten der Demokraten. Der Vorwurf ist nicht neu. Seit Jahren schon bezichtigen Donald Trump und seine Vasallen die großen Tech-Unternehmen, die eigenen Botschaften mutwillig zu unterdrücken. Die republikanische Basis nimmt diese Erzählung auf: Laut einer Studie des Pew Research Center glauben neun von zehn konservativen Amerikanern, dass Social-Media-Plattformen ihr Lager zensieren.

Der aktuelle Vorfall bietet also eine gute Gelegenheit, um zu überprüfen, ob diese Behauptungen irgendeine Verwurzelung in der Realität haben. Um es kurz zu machen: So gut wie alle Untersuchungen legen nahe, dass eher das Gegenteil der Fall ist. Mithilfe von Datenanalyse-Apps wie Crowdtangle kann man sehr genau nachvollziehen, welche Inhalte auf Facebook am besten beim Publikum ankommen und welche Themen viral gehen. Gemessen werden die üblichen Kennzahlen zur Nutzerbindung und Weiterverbreitung: Kommentare, Gefällt-mir-Angaben und Emoji-Reaktionen.

Die Plattformen verstärken Angst und Wut - und rudern jetzt halbherzig zurück

Anhand dieser Berechnung postet der Twitter-Bot @facebookstopten täglich die aktuell zehn erfolgreichsten Links auf Facebook. Das Ergebnis: In einer nicht enden wollenden Strähne liegt Donald Trump selbst auf den ersten Plätzen, gefolgt von hyperreaktionären Meinungsmachern wie Ben Shapiro, Franklin Graham oder Dan Bongino. Nur sehr vereinzelt verirrt sich mal ein liberaler Absender wie CNN oder NPR in die Rangliste. Laut der Analysefirma Newswhip ist Shapiros Nachrichtenangebot The Daily Wire auch das mit Abstand erfolgreichste Medium auf Facebook. Im September heimste die Website, die für ihren, nun ja, eher großzügigen Umgang mit der Wahrheit bekannt ist, beinahe 80 Millionen Interaktionen ein. Beinahe dreimal so viel wie etwa die liberale New York Times. In den Vormonaten sieht die Reihenfolge kaum anders aus.

Bei Facebook erklärte man diese Überrepräsentation lange damit, dass die Plattform ein Spiegel der Gesellschaft sei und die Geschichten aus dem konservativen Spektrum die Menschen eben auf einer sehr viel basaleren Ebene ansprächen als die des liberalen Lagers. Die Narrative von Angst, Wut und Heimat hallen demnach in den Echokammern der sozialen Netzwerke deutlich lauter nach. Die Linke müsse Feuer eben mit Feuer bekämpfen, sagte ein hochrangiger Facebook-Angestellter letztens der Website Politico. Die eigene Rolle redet das Netzwerk dagegen gerne klein. Wer könnte auch ahnen, dass populistische Themen gut bei Algorithmen ankommen, die explizit dazu entwickelt wurden, die Nutzerbindung zu maximieren?

Eine neue Recherche des Wall Street Journals legt nun sogar nahe, dass durch Facebooks Algorithmus linke Inhalte in den vergangenen Jahren gezielt ausgeblendet wurden. Wenn aber nun in den letzten Wochen vor der US-Wahl die Plattformen tatsächlich einen leisen Hauch ihrer gesellschaftlichen Verantwortung spüren und beginnen, diese wie bei der Unterdrückung der erwähnten Biden-Geschichte auch umzusetzen, ist das leider kein Grund zum Feiern. Es zeigt letztlich nur das Niveau, auf dem sich die politische Diskussion inzwischen bewegt. Heutzutage wird es schon als Erfolg gefeiert, dass die Leugnung des Holocaust und deren Verbreitung nicht mehr unbeschränkt möglich ist. Und von mancher Seite wird es schon als unfair empfunden, in der Öffentlichkeit nicht mehr ohne Konsequenzen lügen zu können.

© SZ vom 19.10.2020
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