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USA vs. China:Trumps Plan für Tiktok sah anders aus

Die Video-App Tiktok für Teenager ist in den USA und China zum Politikum geworden.

(Foto: NICOLAS ASFOURI/AFP)

Der US-Präsident will die App nach Amerika drängen, China wehrt sich - nun haben Tiktoks Eigner und der amerikanische Konzern Oracle einen überraschenden Vorschlag. Fragen und Antworten zu den brisanten Verhandlungen.

Von Jannis Brühl, Christoph Giesen, Claus Hulverscheidt und Helmut Martin-Jung

Während Großmächte und Konzerne über Tiktok streiten, läuft der endlose Strom 15-sekündiger Videos aus Sketchen, Tänzen und Playback-Gesang unbeeindruckt weiter. Am Montag verkündete Tiktok, die App habe nun 100 Millionen Nutzer allein in Europa. In den USA sollen es ebenso viele sein.

Die App ist nicht nur bei ihren Nutzern begehrt.

Mehrere US-Konzerne begehren Tiktok, eine der am schnellsten wachsenden Apps auf dem Planeten, Herausforderer des Silicon Valley und Zielscheibe von Donald Trump. Wie in der Nacht zum Montag durchsickerte, wird erst einmal niemand diesen Preis abstauben. Zwar gibt es eine Einigung zwischen Bytedance, dem chinesischen Eigentümer der Kurzvideo-App, und dem US-Konzern Oracle. Doch wird Tiktok nicht an Oracle verkauft, wie von US-Präsident Donald Trump gewünscht, die zwei Unternehmen gehen lediglich eine "Technologie-Partnerschaft" ein. Nun ist fraglich, ob diese Einigung den Konflikt um die App löst, der die USA vorwerfen, ein Spionagewerkzeug Chinas zu sein. Zu den Verhandlungen kam es überhaupt nur, weil Trump Tiktok zum nationalen Sicherheitsrisiko erklärt hat und mit einem Verbot gedroht hat - wenn Bytedance die App nicht verkauft.

Wer ist noch im Rennen?

Microsoft bot zusammen mit dem Einzelhändler Walmart und galt als Favorit. Doch Microsoft ist raus. Bytedance habe den Konzern wissen lassen, dass man nicht ins Geschäft kommen werde, teilte dieser mit. Dabei habe man gute Vorschläge gemacht, die Sicherheit der App und den Privatsphäre-Schutz der Nutzer zu stärken. Das Unternehmen hatte seit Wochen über eine Übernahme des Tiktok-Geschäfts in den USA, Kanada, Neuseeland und Australien verhandelt. Stattdessen hat Bytedance entschieden, in den USA mit dem Softwareunternehmen Oracle zusammenzuarbeiten. Das berichten mehrere Medien, darunter das Wall Street Journal (WSJ) und die Washington Post. Weder Tiktok noch Oracle wollten sich bislang dazu äußern.

Wie soll Tiktok in Zukunft aussehen?

Zunächst sieht es aus, als sei der politisch gewollte Verkauf der App vom Tisch - zumindest aus Sicht der verhandelnden Unternehmen. Offensichtlich versucht Bytedance mithilfe von Oracle, Tiktok zu behalten und seine Konzernstruktur umzubauen. So soll dem Misstrauen der US-Regierung Rechnung getragen werden. Dem WSJ zufolge soll es nicht mehr um eine Übernahme durch Oracle gehen, sondern um eine "Technologie-Partnerschaft". Oracle würde dann Reuters zufolge die Hoheit über die Daten von US-Nutzern haben.

Wozu braucht es überhaupt einen Deal?

Die App mit den spielerisch-harmlosen Inhalten geriet in den Sog des Konflikts zwischen den USA und China. Trump hatte den Verkauf der App forciert, mit präsidialen Dekreten zwang er Bytedance, Tiktok schnell abzustoßen. Entweder werde die App bis dahin von einer US-Firma übernommen oder die App in den USA verboten - vermutlich mit Auswirkungen auf ihre Verfügbarkeit auf der ganzen Welt. Die US-Regierung argumentiert mit der nationalen Sicherheit, weil Tiktok dem chinesischen Staat den Zugriff auf Daten und Kommunikation seiner Nutzer ermögliche - auch US-amerikanischer. Chinas Sicherheitsgesetze erlauben dortigen Behörden tatsächlich den Zugriff, Bytedance argumentiert jedoch, Sitz der Holding, zu der Tiktok gehört, seien die Cayman Islands, nicht China. In der Volksrepublik selbst gibt es Tiktok nicht, sondern nur eine chinesische Zwillings-App namens Douyin.

Wie torpediert China einen Verkauf?

Für China ist Tiktok ein nationaler Schatz, eine Social-Media-App, die den Silicon-Valley-Plattformen Facebook, Instagram und Snapchat gefährlich geworden ist. Deshalb wollte man in Peking die App nicht kampflos aufgeben. Ende August schaltete sich das Handelsministerium ein und legte fest, dass in China programmierte Algorithmen nur noch mit Zustimmung der Behörden an ausländische Firmen verkauft werden dürfen. Und Algorithmen, Quellcodes, Software sind schließlich das Herz von Tiktok. Kaum hatten die chinesischen Behörden ihre Weisung verkündet, veröffentlichte Bytedance eine knappe Nachricht: Man werde sich selbstverständlich an die neuen Vorgaben aus Peking halten. Spätestens da war klar, der Verkauf wird nicht so schnell einzutüten sein, wie man es sich in Washington erhofft hatte. Auch eine Übereinkunft mit Oracle ist damit noch längst nicht sicher, letztlich entscheidet der chinesische Staat. Die Drohung in Richtung Bytedance, die niemand offen aussprechen mag, lautet: Wenn ihr gegen unseren Willen an die Amerikaner verkauft, ist euer China-Geschäft in Gefahr: Kein Toutiao und kein Douyin mehr, das sind die beiden Apps, die Bytedance höchst erfolgreich in China betreibt. Um zu ermessen, wie gut derzeit die Chancen für eine Übernahme von Tiktok durch Oracle stehen, muss man nur Nachrichten im chinesischen Staatsfernsehen verfolgen. Dort heißt es: "Bytedance wird weder die US-Aktivitäten von Tiktok an Microsoft oder Oracle verkaufen, noch wird das Unternehmen den Quellcode an US-Käufer weitergeben."

Was will Oracle mit Tiktok?

Große Datenbanken halten die Welt am Laufen, doch dass das so ist, merkt man erst, wenn einmal etwas nicht funktioniert. Dann stehen Flughäfen still oder Banken können kein Geld mehr ausgeben. Die meisten Handelstransaktionen auf der Welt durchlaufen irgendwann Systeme von Oracle. Große Datenmengen zeitkritisch und sicher zu verarbeiten, das hat die Firma des schillernden Milliardärs Larry Ellison Ende des 20. Jahrhunderts groß gemacht. Den Sprung ins Zeitalter der Cloud aber hat die Firma verpasst, Konkurrenten wie Microsoft oder Amazon sind weit enteilt. Durch die neue chinesische Software-Politik sieht es nicht mehr so aus, als dürfte Oracle das Erfolgsgeheimnis von Tiktok nutzen: den Algorithmus, der bestimmt, wer welches Video zu sehen bekommt. Er gilt als Tiktoks geheimes Erfolgsrezept. Falls sie lediglich die Daten amerikanischer Nutzer verwalten dürfen, als technischer Dienstleister sozusagen, ihnen der Zugriff auf den Algorithmus aber verwehrt wird, wäre Tiktok bloß noch eine zwar bunt blinkende, aber leere Hülle ohne große Aussichten auf Erfolg. Der Nutzen für das eigene Werbegeschäft, eine mögliche Option für Oracle, wäre dann begrenzt.

Welche Rolle spielt das persönliche Verhältnis von Trump zu Oracle-Chef Larry Ellison bei dem sich abzeichnenden Deal?

Trump und Ellison gelten seit einigen Monaten als neue Männerfreunde, wobei man sicher darüber streiten kann, ob Freundschaft in einem Fall wie diesem die korrekte Kategorie ist. Fakt ist: Ellison richtete im Februar auf seinem Anwesen im kalifornischen Rancho Mirage ein Wahlkampf-Spendendinner für Trump aus und erklärte wenig später zudem, er unterstütze den Präsidenten: Dieser sei schließlich "nicht der Teufel". Für Trump sind solche Gesten Grund genug, jemanden in den Freundesstand zu erheben - und fortan politisch zu begünstigen. Zufall oder nicht: Am selben Tag, an dem Ellison sein Haus zur Verfügung stellte, ergriff die US-Regierung in einem Rechtsstreit zwischen Oracle und Microsoft vor dem Obersten Gerichtshof öffentlich Partei für Ellisons Konzern. Auch dessen Freundschaftsbezeugungen gegenüber Trump dürften deshalb von ordentlich Kalkül geleitet sein. So ist Ellison etwa Amazon-Chef Jeff Bezos und dessen Cloud-Computing-Geschäft in herzlicher Feindschaft verbunden - und der Feind seines Feindes ist: Trump.

Was bezweckt Trump mit dem angedrohten Verbot von Tiktok?

Eine App, über die sich Dreizehnjährige mit Tanzvideos versorgen - nicht einmal Trump selbst glaubt wohl ernsthaft, dass ein solches Programm die nationale Sicherheit der USA bedroht. Zwar gibt es tatsächlich Fragen, was Bytedance mit den Daten ihrer US-Kunden anstellt. Im Kern aber geht es Trump um etwas anderes: Er will sich im Präsidentschaftswahlkampf als kraftvoller Macher inszenieren, der dem politischen und wirtschaftlichen Weltmachtstreben Chinas entschlossen Einhalt gebietet. "Wenn ich die Wahl gewinne, gewinnt Amerika. Siegt Joe Biden, gewinnt China", so der Schlachtruf des Präsidenten. Dass er mit seinem politischen Kalkül den Chinesen zudem Technologiewissen abspenstig macht und der US-Tech-Industrie Konkurrenten aus dem Weg räumt, ist für Trump ein schöner Nebeneffekt. Diesen erzwungenen Wissenstransfer versucht China zu verhindern, indem es den Export des Algorithmus blockiert.

Wie geht es nun weiter?

Ob sich Trump mit den Plänen von Bytedance und Oracle zufrieden geben wird, ist fraglich, zumal er kurz vor der Präsidentschaftswahl Anfang November besonders unter Druck steht. Sein Ziel war, das Unternehmen einem US-Konzern zuzuschustern - und den USA mit einer juristisch fragwürdigen Forderung einen Anteil am Kaufpreis zu sichern - und der soll in die Milliarden gehen. Er hatte noch am Freitag eine Verlängerung der bis zum 15. September - oder 20. September, Trumps Aussagen sind widersprüchlich - laufenden Frist für Tiktok abgelehnt und gesagt: "Es wird entweder geschlossen oder sie verkaufen es." Das Komitee für ausländische Investitionen, das von der US-Regierung kontrolliert wird, muss nun entscheiden, ob das Angebot von Bytedance und Oracle seinen Ansprüchen genügt. Die Export-Blockade für Tiktoks Software deutet darauf hin, dass sich die chinesische Führung entschieden hat, einen Verkauf der App an ein US-Unternehmen notfalls scheitern zu lassen. Besser kein US-Geschäft mehr und keine Milliarden für die chinesischen - und US-amerikanischen - Eigentümer der App, als Trump zu einem Sieg zu verhelfen.

© SZ/mri
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