SXSW-Festival Warum die Bundeswehr junge Gründer umgarnt

Beim SXSW-Festival in Austin tummeln sich junge Gründer aus aller Welt und pitchen ihre Geschäftsmodelle. Auch die Bundeswehr will dort Ideen abgreifen, um nicht abgehängt zu werden.

(Foto: David Paul Morris/Bloomberg)

Deutsche Soldaten suchen auf einer Tech-Konferenz in den USA nach innovativen Ideen. Den Start-ups winken lukrative Militäraufträge.

Von Kathrin Werner, Austin

Marcel Yon und seine Kameraden fallen auf in Austin. Sie sind auch in Berlin, wo sie zu Hause sind, eine ungewöhnliche Erscheinung in der legeren Welt der Start-ups. Aber auf dem Digital-, Musik- und Filmfestival South By Southwest (SXSW), auf dem alle anderen in Turnschuhen, Jeans und T-Shirt herumlaufen, sticht ihre Kleidung besonders ins Auge. Yon trägt Uniform, genauer gesagt den "Dienstanzug Sandfarben" der Bundeswehr, dazu die blauen Schulterklappen und goldenen Streifen seines Rangs von früher, Fregattenkapitän, und das Barett des Kommandos "Cyber- und Informationsraum".

Die Bundeswehr hat ein kleines Team zur SXSW nach Austin in Texas geschickt. Sie sollen die großen Trends der digitalen Wirtschaft beobachten und sich bei Start-ups aus der ganzen Welt bekannt und beliebt machen. Sie sollen sich unter die coolen, jungen Gründer mischen - trotz "Dienstanzug Sandfarben".

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Yon hat dazu ein "Coworking-Space" im Stadtzentrum gemietet, Sitzsäcke auf dem Boden, und zehn junge Unternehmen dazu eingeladen, ihre Geschäftsmodelle zu präsentieren. Jeder hat fünf Minuten Zeit dazu. Wenn es ihnen gelingt, Yon und sein Team von sich zu überzeugen, haben sie die Chance auf lukrative Militäraufträge. Alle Start-ups haben Ideen, die für die Bundeswehr nützlich sein könnten.

Die Technik entwickelt sich schneller, als es die Armee gewohnt ist

"Lasst mich euch zuerst unsere Perspektive auf Innovationen erklären", sagt Yon zur Begrüßung. "Es ist so schwierig für uns, exponentielles Wachstum vorherzusehen. Niemand weiß doch, wie die Welt in 20 Jahren aussehen wird." Technik entwickele sich so viel schneller als früher, exponentiell schnell eben, schneller, als es das Militär gewohnt sei, das für neue Technik früher Jahrzehnte im Voraus geplant hat.

Es dauert lange, moderne Kampfjets oder Panzer zu entwickeln, die Budgets und Genehmigungen aufzutreiben und sie schließlich zu bauen. Wer so lange plant, kommt aber in der digitalen Wirtschaft nicht mehr hinterher, in der jede Erfindung nach wenigen Jahren veraltet ist. "Große Organisationen tun sich sehr schwer damit, mit disruptiven Technologien zu planen", sagt Yon. Die Gründer nicken, sie sind ja Treiber der Schnelligkeit, des "Disruption" genannten Durcheinanderwirbelns alter Technik und Industrien.

Yon ist Chef des erst Mitte vergangenen Jahres gegründeten Cyber Innovation Hubs. Dieses neue Zentrum für Internet-Erfindungen soll genau das Problem in Angriff nehmen: Die Geschwindigkeit der Veränderung in der Bundeswehr soll sich der Geschwindigkeit der Veränderung in der digitalen Technik anpassen. Für Start-ups könnte der Cyber Innovation Hub bedeuten, dass sie Zugang zu den riesigen Summen bekommen, welche die Bundeswehr in Zukunft in die Digitalisierung investieren wird. 80 Prozent der Technik kaufe das Heer bislang bei 20 bis 30 Großzulieferern ein, erzählt Yon. Für Start-ups sei der Zugang immer schwer gewesen. "Wir werden das einfacher machen."

"Unsere Sensoren funktionieren bei Schlamm, Blut und Schweiß"

Entsprechend Mühe geben sich die Gründer. Storro aus den Niederlanden will eine der sichersten Methoden entwickelt haben, große Datenmengen abzuspeichern. Die Daten werden verschlüsselt und in Pakete aufgeteilt. "Hacker würden höchstens ein einzelnes Puzzleteil bekommen", sagt Gründer Yori Kamphuis.

Tabea Wilke, Gründerin von Botswatch aus Berlin, bewirbt ihre schlaue Technik, die Profile in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter identifiziert, hinter denen keine Menschen stecken, sondern Computerprogramme. Sie sind eine treibende Kraft von Propaganda und Falschnachrichten im Netz. Sempulse aus den USA hat Sensoren entwickelt, die Soldaten auf der Haut tragen und die ihre Vitaldaten übertragen - ein großer Vorteil, wenn es darum geht, Sanitäter zu den Opfern zu schicken, die Hilfe am dringendsten benötigen. "Unsere Sensoren funktionieren bei Schlamm, Blut und Schweiß", wirbt Sempulse-TechnikChef Kurt Stump.

All die Ideen passen gut zur Mission des Cyber Innovation Hubs, Yon ist zufrieden. Und selbst wenn wohl die meisten der Start-ups aus der Vorstellungsrunde in Austin vorerst keine Bundeswehr-Aufträge bekommen, lohnen sich ihre Vorträge trotzdem. Der Hub legt gerade eine internationale Start-up-Datenbank an. Auf der Suche ist das Innovationsteam der Truppe zum Beispiel nach Technik für die Analyse großer Datenmengen, künstlicher Intelligenz oder "Blockchain"-Technologie.

Im vergangenen Jahr hat es bereits vier Projekte mit Start-ups gestemmt, unter anderem zur Analyse von verzerrenden Einflüssen in sozialen Medien. Mit welchen Jungfirmen die Bundeswehr nun neu zusammenarbeitet, ist noch geheim. Auch ein Pflaster-Start-up hat das Interesse geweckt, obwohl es mit der digitalen Wirtschaft nichts zu tun hat. Die Kaltplasma-Pflaster beschleunigen die Heilung und bekämpfen resistente Bakterien und Viren.

Erst Banker, dann Gründer, jetzt Cyber-Stratege bei der Bundeswehr

Der Cyber Innovation Hub sitzt in Berlin, "in Europas Start-up-Metropole", sagt Yon - und zwar nicht auf Bundeswehrgelände, sondern mitten in der Stadt. Offen, transparent und zugänglich soll der Hub sein, ein bisschen selbst wie ein Start-up: ohne steile Hierarchien, mit viel Freiheit und kurzen Entscheidungswegen - ganz anders als die Bundeswehr. In anderen Ländern gibt es ähnliche Einrichtungen, zum Beispiel Afwerx, die Innovationseinheit der US Air Force, die zusammen mit einem Start-up-Förderer junge Unternehmen sogar mit Beratung und Geld unterstützt.

Mit den 13 000 Soldaten der Cyber-Armee, die Angriffe aus dem Internet abwehren, hat Yons Hub nichts zu tun. 47 Leute arbeiten für ihn: Berufssoldaten sowie Unternehmensgründer, die mit dem Heer nichts zu tun hatten. Yon war Investmentbanker und Seriengründer, er hat sich viel mit künstlicher Intelligenz beschäftigt. Nachdem er seine letzte Firma verkauft hat, half er dem Verteidigungsministerium, die Strategie für den Cyber Innovation Hub zu entwickeln. 40 Prozent seiner Mitarbeiter sind Frauen, was für das Militär und die Internetwirtschaft sehr viel ist. Yon sucht weiter Leute. Die dürfen sich dann unter die Gründer in Austin mischen - mit oder ohne Uniform.

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