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Technologie:"Dumm und schädlich": Huawei-Manager kritisiert US-Handelspolitik

Richard Yu bei einer Präsentation auf der Elektronikmesse Ifa in Berlin.

(Foto: AFP)
  • Die USA werfen Huawei Technologiediebstahl und Spionage vor. Nun kontert das Unternehmen mit eigenen Spionagevorwürfen - ebenfalls ohne Belege zu liefern.
  • Produktchef Richard Yu schimpft auch über den Handelsstreit und wirbt in Europa für mehr Kooperationen.
  • Unter Idealbedingungen könne man Deutschland in einem Jahr mit 5G-Technologie ausstatten, sagt er.

Wer auf dem Messegelände der Internationalen Funkausstellung Ifa in Berlin die Halle 6 betritt, landet in einer ganz eigenen Welt: Handys und Ohrhörer hängen wie Kunstwerke an glänzenden, weißen Wänden und liegen auf Vitrinen. Am Stand des chinesischen Telekomkonzerns Huawei mit 180 000 Mitarbeitern und fast 100 Milliarden Euro Jahresumsatz stellt der Konzern seine Vision vor, wie die Technik den Alltag der Menschen verändert. "Rewrite the Rules" - definiere die Regeln neu, gibt der Konzern seinen Kunden per Slogan auf den Weg.

Die Regeln ganz neu bestimmen - nur zu gerne würde der Konzern das wahrscheinlich selbst machen. Denn die Regeln der internationalen Politik bedrohen gerade die Zukunft des Konzerns. US-Präsident Donald Trump hat die Chinesen wegen Spionagerisiken zur Gefahr für die nationale Sicherheit erklärt. Und auch in Deutschland läuft die Diskussion, wie weit die Bundesregierung Huawei beim Aufbau des neuesten Mobilfunkstandards 5G zulassen darf. Topmanager Richard Yu braucht beim Interview in Berlin nur ein paar Minuten, um zu zeigen, wie angespannt die Nerven wegen der US-Vorwürfe bei Huawei längst sind. "Das ist eine echt dumme Politik", sagt Yu der Süddeutschen Zeitung. US-Präsident Trump schade mit den Sanktionen gegen Huawei vor allem der eigenen Wirtschaft.

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Der Streit zwischen beiden Seiten eskaliert mit der freimütigen Wortwahl des Chefs des Huawei-Managers aufs Neue. Dabei lässt die Affäre eigentlich kaum noch Raum zur Steigerung. Erst vergangene Woche warfen US-Staatsanwälte Huawei Technologiediebstahl vor. "Frei erfunden", entgegnet Yu, der Chef der Handysparte. Es gehe um eine unfaire Kampagne von US-Politikern, allen voran Präsident Donald Trump. "Sie sagen einfach, Ihr seid kriminell, aber legen keine Beweise vor", klagt Yu. Huawei legte seinerseits vergangene Woche mit schweren Vorwürfen nach. Justizbehörden seien von der US-Regierung angewiesen worden, Huawei-Mitarbeiter mit Drohungen und Nötigungen zur Kooperation gegen den Konzern zu bewegen. Auch Cyber-Angriffe zur Infiltrierung von IT-Systemen soll es angeblich gegeben haben. FBI-Agenten hätten Mitarbeiter bei Hausbesuchen unter Druck gesetzt, um an Informationen zu gelangen. Belege? Ebenfalls Fehlanzeige.

Verbraucher spüren die Folgen vor allem bei Handys

Er kenne die Fakten, wolle sich dazu aber nicht äußern, sagt Yu nun in Berlin. Der Fall Huawei wird damit noch undurchsichtiger. Auch für die Bundesregierung wird das zum Problem. Sie hat sich entschieden, den umstrittenen Hersteller nicht vom Markt zu verbannen. Stattdessen arbeiten Experten verschiedener Behörden an einem neuen Katalog mit schärferen Sicherheitsanforderungen, der für alle Ausrüster gelten soll. Die Regierung hat versprochen, Deutschland zum Leitmarkt für 5G zu machen, und jüngst die notwendigen Frequenzen versteigert - für 6,55 Milliarden Euro. Unter idealen Bedingungen könne Huawei in einem Jahr ein 5G-Netz in Deutschland aufbauen. Ohne Huawei werde es länger dauern, sagt Yu voraus.

Die Auseinandersetzung auf höchster politischer Ebene hat längst auch Folgen für Verbraucher - vor allem auf dem Handymarkt, wo Huawei bei den weltweiten Verkaufszahlen zuletzt auch Apple hinter sich gelassen hat. Schon in ein paar Tagen, am 18. September wollen die Chinesen in München ein neues Handy präsentieren. Das Mate 30 sollte für Produktchef Yu von Huawei ein weiterer Schritt bei der weltweiten Expansion seines Konzerns sein - doch selbst er kann das wohl inzwischen nicht mehr so sehen. Denn das Handy wird einen gewichtigen Mangel haben, für den Huawei zwar nichts kann, der den Konzern aber trotzdem entscheidend trifft. Es wird ohne wichtige Software von Google verkauft.

Wegen des US-Handelsembargos sind die Programme, die zahlreiche Smartphones im Alltag erst wirklich praktisch werden lassen, nicht für das neueste Huawei-Handy freigegeben, wie Yu zugibt. Unter anderem fehlen Google Maps, der Chrome-Browser und der Google Play Store, über den Nutzer mit wenigen Klicks die neuesten Apps installieren können. Ohne diese Programme dürfte das Handy für die meisten Kunden wenig attraktiv sein. "Für uns wird das ein Experiment. Vielleicht werden die Kunden das Telefon lieben, wir werden sehen", sagt Yu. Statt einer triumphalen Präsentation, dürfte der Termin zur Randnotiz in der Technikwelt werden.

Die neue Handelsstrategie von Huawei: Vergessen wir die USA

Das zeigt, wie sehr internationale Konzerne bei Mobilfunktechnik längst aufeinander angewiesen sind. Nur wenige andere Branchen sind so abhängig von offenen Märkten. Auch Huawei hat sich jahrelang auf Technik aus dem Silicon Valley verlassen. Sowohl wichtige Chips kamen aus den USA, vor allem aber das von Google entwickelte Betriebssystem Android, ohne das der Erfolg der Huawei-Handys weltweit kaum denkbar gewesen wäre. Lange galt Yu als einer der konzerninternen Verfechter einer Partnerschaft mit Google. Eine Entwicklung eines eigenen Betriebssystems soll er nicht weiter verfolgt haben, sondern gehofft haben, dass die Sanktionen die Zusammenarbeit mit Google nicht verhindern. Doch inzwischen ist der Beziehungsstatus zwischen Huawei und Google kompliziert. Bei Telefonaten oder Meetings sollen inzwischen Anwälte dabei sein, die sicherstellen, dass die Gespräche nicht die Sanktionen verletzen.

So lautet die neue Handelsstrategie von Huawei: Vergessen wir die USA. "Jetzt machen wir eben Geschäfte mit Japanern, Koreanern oder Europäern", sagt Yu. Auch bei einem neuen Smartspeaker musste man eine Zusammenarbeit mit Google auf Eis legen, bestätigt Yu. Nun denke man für die Zukunft über eine Kooperation mit Amazon nach. So rückt auch Europa in den strategischen Fokus. Huawei schlug Anfang September vor, dass man zusammen mit europäischen Partnern ein eigenes Handybetriebssystem entwickeln könne, um damit angeblich gleich noch das Problem der fehlenden digitalen Souveränität Europas zu lösen. Xu konnte immerhin eins versprechen: Mehr Unabhängigkeit von den USA.

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