Facebook-Chef Mark Zuckerberg Was hinter Zuckerbergs Aussage zur Holocaustleugnung steckt

  • In einem Interview sagt Mark Zuckerberg, er glaube, dass Facebook Holocaustleugnung nicht löschen sollte.
  • Alle Menschen sagten versehentlich falsche Dinge. Auch einige der Holocaustleugner wüssten es nicht besser.
  • Die Aussagen haben viel Empörung ausgelöst - zur Beurteilung sollte man allerdings die Hintergründe bei dem sozialen Netzwerk kennen.
Von Simon Hurtz

Am Mittwoch hat Mark Zuckerberg 82 Minuten lang mit Kara Swisher gesprochen, der Chefredakteurin der Webseite Recode. Es ist ein in Teilen bemerkenswertes Interview. Wer wissen will, was einen der mächtigsten Menschen der Welt bewegt, sollte es lesen oder den Podcast hören.

Seit gestern Abend deutscher Zeit macht jedoch vor allem eine Aussage von Zuckerberg die Runde: "Ich bin jüdisch, und es gibt eine Gruppe von Menschen, die bestreiten, dass der Holocaust stattgefunden hat", sagt er. "Ich finde das extrem abstoßend. Letztendlich glaube ich trotzdem nicht, dass unsere Plattform das löschen sollte." Er denke nicht, dass alle Menschen, die den Holocaust leugnen, dies wider besseres Wissen täten.

An dieser Stelle unterbricht ihn Swisher und wirft ein, dass die meisten Holocaustleugner wohl durchaus mit Vorsatz lügen würden. Zuckerberg antwortet, dass es schwer sei, ihnen Absicht zweifelsfrei nachzuweisen. Holocaustleugnung sei ein abstoßendes Beispiel, aber auch er selbst sage versehentlich falsche Dinge, wenn er öffentlich spreche. Er glaube nicht, dass Facebook Menschen von der Plattform verbannen solle, wenn diese falsche Dinge sagten.

Facebook So löscht Facebook Holocaustleugnung, Hass und Rache-Pornos
Recherche in internen Dokumenten

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In Deutschland ist es verboten, den Genozid an Juden abzustreiten - fast alle anderen Länder erlauben diese Aussage. Interne Dokumente zeigen nun, wie Facebook seine eigenen Regeln macht.  Von Simon Hurtz und Hannes Munzinger

Die Aussage hat ein lautes Echo ausgelöst. "Mark Zuckerberg hat unrecht", sagt Rabbi Abraham Cooper, führendes Mitglied des Wiesenthal-Zentrums, das mit der weltweiten Suche nach untergetauchten Nazi-Verbrechern bekannt geworden ist. Der Holocaust sei "das am gründlichsten dokumentierte Verbrechen der Geschichte".

Auch in sozialen Netzwerken und deutschen Medien gab es Kritik an Zuckerberg. Ob es eine gute Idee ist, dass Deutsche einen US-amerikanischen Juden belehren, wie er über Holocaustleugnung zu denken habe, ist dabei nur ein Nebenaspekt. Entscheidender ist die Frage: Was bringt Zuckerberg zu dieser Aussage, die aus deutscher Perspektive befremdlich erscheint?

Holocaustleugnung ist in Deutschland und etwa einem Dutzend weiterer Länder strafbar, in den USA aber legal. Aus internen Dokumenten, die der Guardian und die Süddeutsche Zeitung im vergangenen Jahr einsehen konnten, geht hervor, dass Beiträge, in denen die Verbrechen der Nazis in Abrede gestellt werden, nur in Deutschland, Israel, Frankreich und Österreich entfernt werden. Insofern deckt sich Zuckerbergs persönliche Meinung mit Facebooks Richtlinien für US-amerikanische Nutzer. In Deutschland werden Facebooks Moderatoren weiter angehalten sein, Holocaustleugnung zu löschen, da es hierzulande als Volksverhetzung gilt.

Den Amerikanern ist Meinungsfreiheit heilig

In den USA herrscht ein anderes Verständnis von Meinungsfreiheit. Den Amerikanern ist "Free Speech" heilig. Der erste Zusatzartikel der Verfassung garantiert dieses Grundrecht, und Gerichte legen es deutlich weitgehender aus, als es in Deutschland der Fall ist. Wer nicht zu Gewalt aufruft, darf in den USA so ziemlich alles behaupten. Dementsprechend ist es nachvollziehbar, dass Facebook Inhalte nicht löschen will, nur weil sie Unwahrheiten enthalten. Andere Plattformen wie Youtube handhaben das genauso.

Fragwürdig ist dagegen Zuckerbergs Erklärung: "Ich glaube nicht, dass sie absichtlich falsche Aussagen machen", sagt er über Holocaustleugner. Dem widerspricht etwa die Soziologin Zeynep Tüfekçi: "Es ist schwer, eine Gruppe zu finden, die eine Gräueltat leugnet, um den Weg für noch mehr Gewalt zu ebnen, und sich darüber bewusster ist als Holocaustleugner", schreibt sie auf Twitter. Der Genozid an den Juden sei besser dokumentiert als fast alle anderen Massenmorde.

Ein Teil dieser Menschen glaubt den Unsinn, den sie verbreiten, wohl tatsächlich. Die Erde sei eine Scheibe, Aliens hätten die Menschheit versklavt, Hillary Clinton betreibe ein Pädophilen-Netzwerk - es gibt keine Verschwörungstheorie, die so abstrus ist, dass sie keine Anhänger findet. Natürlich ließe sich argumentieren, dass Holocaustleugnung ein so eindeutiger Fall ist, dass Facebook löschen sollte. Doch damit ergäben sich eine Reihe weiterer Fragen, die sich weniger leicht beantworten lassen. Wo zieht man die Grenze? Wann ist eine Behauptung offensichtlich falsch? Und sollte Facebook darüber entscheiden?

Facebook schränkt die Reichweite falscher Behauptungen ein

Facebook hat sich für einen anderen Weg entschieden. Statt selbst festzulegen, wo Meinungsfreiheit endet, beschränkt die Plattform die Reichweite erwiesenermaßen falscher Behauptungen. Dafür arbeitet Facebook auch in Deutschland mit unabhängigen Faktenprüfern zusammen, die Inhalte markieren, die eindeutig nicht der Wahrheit entsprechen. Nutzer sehen die Beiträge dann kaum oder gar nicht mehr, wenn sie Facebook öffnen.

Zuckerberg erklärt das Vorgehen in einer E-Mail, die er Swisher kurz nach dem Gespräch schickte. Anlass waren wohl die zahlreichen Berichte über seine Aussagen. Er habe Holocaustleugner absolut nicht verteidigen wollen. Jedoch gehe es nicht darum, Menschen davon abzuhalten, unwahre Dinge zu sagen. Vielmehr wolle Facebook verhindern, dass Falschnachrichten und Desinformationen allzu viele Nutzer erreichten.

Hass verschwindet nicht aus den Köpfen, wenn man ihn im Netz löscht

Solange Seitenbetreiber nicht zu Gewalt anstifteten, dürften sie Inhalte veröffentlichen, auch wenn andere sich daran störten. "Aber das bedeutet nicht, dass wir dafür verantwortlich sind, diese Inhalte prominent im Newsfeed anzuzeigen", sagt Zuckerberg im Interview. Wenn Facebooks Faktencheck-Teams einen Inhalt als falsch einstuften, verliere dieser den Großteil seiner Verbreitung. "Das ist sehr herausfordernd, aber ich glaube, dass es oft der beste Weg ist, hasserfüllte, schlechte Rede mit guter Gegenrede zu bekämpfen", schreibt er in seiner E-Mail.

Aus Facebooks Sicht ergibt das auch wirtschaftlich Sinn: Statt emotionale Inhalte, die viele Menschen teilen und liken, zu löschen, will Zuckerberg, dass andersdenkende Nutzer in den Kommentaren antworten - und damit noch mehr Interaktion auslösen. Dennoch hat der Facebook-Chef teilweise recht: Hass verschwindet nicht aus den Köpfen, wenn man ihn im Netz löscht. Facebook macht nur für alle sichtbar, was viele Menschen denken.

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