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Nach dem Ausstieg:Whatsapp-Gründer rechnet mit Facebook ab

Whatsapp-Gründer Brian Acton

Whatsapp-Gründer Brian Acton hat von seiner Zeit bei Facebook erzählt. (Archivbild)

(Foto: REUTERS)
  • Whatsapp-Gründer Brian Acton hat im US-Magazin Forbes erstmals erklärt, wie seine Idee eines werbefreien Messengers im Facebook-Konzern unterging.
  • Acton hatte Whatsapp, das zu Facebook gehört, vor einem Jahr verlassen.
  • Er beschreibt zwei völlig unterschiedliche Kulturen, die in Sachen Privatsphäre und Werbung nicht zueinanderfinden konnten.
  • Aus den Reihen von Facebook kommt Widerspruch. Acton habe alle Möglichkeite gehabt, er brauche nicht "passiv-aggressiv" aufzutreten.

Anfang August kündigte Whatsapp an, Werbung in der App schalten zu wollen. Das bedeutete auch, dass Brian Actons Vision endgültig gescheitert war. Der Gründer von Whatsapp hatte Facebook, den Mutterkonzern des Messengers, schon ein Jahr zuvor verlassen. Er hatte seinen Dienst immer frei von Anzeigen halten wollen, er hält sie für die Pest der digitalen Welt. Doch die Facebook-Chefs Mark Zuckerberg und Sheryl Sandberg haben sich durchgesetzt.

Sie wollten endlich viel Geld mit ihrer Tochter Whatsapp verdienen. Acton ging - und verzichtete durch seinen abrupten Abgang auf 850 Millionen Dollar (Milliardär ist er trotzdem). Das Geld hätte ihm in Form von Aktien zugestanden, wäre er länger bei Facebook geblieben. Das hat Acton nun dem Magazin Forbes erzählt.

Er schildert in dem Gespräch erstmals, wie Whatsapps Kultur des Respekts vor dem Nutzer mit Facebooks Werbegeldmaschine kollidierte. Es gab Streit über die Themen Verschlüsselung und Werbung, beides hält er für nicht verhandelbar. Actons Sicht bietet Einblicke in die internen Kämpfe um Ethik und Geld innerhalb des Facebook-Konzerns.

Es gilt als einer der größten Deals des Silicon Valleys: Facebook hatte Whatsapp 2014 für am Ende etwa 22 Milliarden Dollar gekauft. Die Gründer Acton und Jan Koum wurden zu mehrfachen Milliardären - ein Teil des Kaufpreises in Facebook-Aktien sollte an sie aber erst vier Jahre nach der Übernahme fließen. Koum blieb lange genug dafür, er ging erst in diesem Jahr. Dem ehemaligen Yahoo-Ingenieur Acton hatten 20 Prozent an Whatsapp gehört.

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Acton, heute 46, war der Erste in einer Reihe von Gründern, deren Unternehmen Facebook übernommen hatte, die Facebook später verließen, weil sie den neuen Kurs nicht mittragen wollten. Nach Acton ging auch Koum - er gibt seine Milliarden Forbes zufolge unter anderem für eine Yacht im Mittelmeer aus und redet nicht mit Reportern. Erst an diesem Montag verließen die Instagram-Gründer Kevin Systrom und Mike Krieger Facebook. Die Foto-App und Whatsapp gelten als entscheidend für die Zukunft des Konzerns, als wichtiger als das "blaue" Facebook-Netzwerk selbst.

Zuckerberg drängte auf die Monetarisierung von Whatsapp

Acton erklärte, die Grundprinzipien von Facebook und Whatsapp hätten ständig in Konflikt gestanden. Bei Whatsapp habe man in Ruhe und überlegt gearbeitet, während Facebook meist nach seinem alten Motto "Move fast and break things" gehandelt habe. Konzern-Chef Zuckerberg habe trotz gegenteiliger Abmachungen schnell darauf gedrängt, mit Whatsapp Geld zu verdienen. Aus Facebooks Sicht konnte das nur eines bedeuten: Anzeigen schalten.

Das galt Acton und Koum als Todsünde. Sie hatten ihren Nutzern versprochen, sie nicht mit Anzeigen zu nerven. Nun sagte Acton: "Ich habe die Privatsphäre meiner Nutzer für einen größeren Nutzen verkauft. Ich habe eine Wahl getroffen und einen Kompromiss gemacht. Und ich lebe jeden Tag damit." Er bezeichnet sich auch als " sellout".

Bei der Übernahme sei Acton und Koum weitreichende Autonomie zugesagt worden, sagte der Gründer. Zuckerberg fürchtete, Google könnte Whatsapp kaufen; die Verhandlungen waren hektisch. Die Whatsapp-Gründer hätten mit dem Facebook-Chef vereinbart: Fünf Jahre lang solle es null Druck auf Whatsapp geben, Geld zu verdienen. Allerdings sei von Facebook-Seite schon nach wenigen Jahren unter anderem vorgeschlagen worden, Werbung in der Status-Anzeige der Nutzer zu platzieren. Das sei bei den Whatsapp-Gründern auf heftigen Widerstand gestoßen.

Acton hatte einen kreativen Plan

Irgendwie musste sich der teure Kauf für Facebook lohnen. Acton hatte einen kreativen Plan: Nutzer sollten einen Kleinstbetrag zahlen, etwa einen Zehntel Cent, wenn sie eine bestimmte Menge an Nachrichten verschickt hätten. Das hätte sich summiert, sagte Acton. Facebooks Geschäftsführerin Sandberg habe seinen Plan jedoch durchkreuzt. "Das skaliert nicht", habe sie gesagt - ein Totschlagargument im Silicon Valley, wo Skalierbarkeit von Geschäftsmodellen ein Mantra ist. Acton erzählte, er habe Sandberg widersprochen und ihr indirekt vorgeworfen, sie mache seine Idee nur schlecht, weil ein Anzeigenmodell noch mehr Geld einspielen würde. Ein indirekter Vorwurf der Gier.

Mit Konzernchef Zuckerberg sei er nie warm geworden, erzählte Acton. Der habe ihm in Meetings unmissverständlich klargemacht, dass Whatsapp nur eine weitere Produktgruppe für ihn sei, wie Instagram. Dementsprechend könne Acton keine Vorzugsbehandlung erwarten.

Er habe auch befürchtet, dass Whatsapps Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, die Nachrichten schützt und als sehr sicher gilt, bei der Kommunikation zwischen Nutzern und Unternehmen aufgeweicht werden könnte. Dass Unternehmen mit Nutzern chatten, habe Zuckerberg als weitere Möglichkeit gesehen, Geld mit der App zu verdienen. Es gibt bisher keinerlei Hinweise, dass Facebook die Verschlüsselung geschwächt hat.

"Sie sind gute Geschäftsleute", sagte Acton über Facebooks Führungsriege. "Sie stehen nur für eine Reihe von Geschäftspraktiken, Prinzipien und Ethik, mit denen ich nicht unbedingt einverstanden bin."

Sauer zeigte sich Acton über Facebooks Vorgehensweise bei der Prüfung der Whatsapp-Übernahme durch die EU-Kommission. Er sei "gecoacht" worden, um zu erklären, dass es technisch sehr schwierig wäre, die Daten von Whatsapp und Facebook zu verschmelzen. Er selbst habe gesagt, er und Koum hätten keine Pläne dazu. Erst später habe er erfahren, dass anderswo bei Facebook daran gearbeitet worden sei. Eineinhalb Jahre später wurde dann eine entsprechende Verknüpfung der Nutzerdaten angekündigt. Es mache ihn immer noch wütend, allein sich daran zu erinnern, sagte Acton. Facebook erklärte Forbes, "Fehler" in der damaligen Kommunikation seien nicht absichtlich gewesen.

Das Magazin porträtiert Acton als moralisch reinen Unternehmer, der seine Prinzipien des Datenschutzes und des Respekts vor Nutzern zumindest eine Zeit lang gegen den Konzern zu verteidigen versuchte. David Marcus, bei Facebook für die Messenger-Apps zuständig, widersprach in einer Stellungnahme: Zuckerberg habe Gründern übernommener Apps bemerkenswert viel Eigenständigkeit zugestanden und sie gegen irritierte Facebook-Mitarbeiter verteidigt. Die Verschlüsselung von Whatsapp habe er nie in Frage gestellt und in diversen Führungstreffen verteidigt - abgesehen davon, dass sie ja erst nach der Übernahme eingeführt worden sei. Zum Thema Geschäftsmodell wirft Marcus Acton vor, sich nicht genug darum bemüht zu haben, seine Micropay-Idee auch durchzusetzen - da brauche er gar nicht "passiv-aggressiv" zu reagieren.

Mit Material von dpa

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