Digitalisierung in Deutschland "Ich brauche nur noch mein Smartphone"

Nicht alle denken wie die Deutschen. Die USA überlassen alle Daten Privaten; China dagegen hat alle Daten verstaatlicht, um die Entwicklung zu steuern. Ist das ein Wettlauf der Systeme?

Eindeutig ja. Dahinter steht ein riesiger Wettbewerb; es geht darum, was wir aus den neuen Möglichkeiten machen. Aus der Rechenleistung, die uns zur Verfügung steht; aus den Daten, die wir gewinnen können. Es geht um die wirtschaftliche Erschließung und Besetzung des neuen digitalen Kontinents. Unternehmen und Forschungsinstitutionen versuchen, in diesem neuen Raum Geschäftsideen zu entwickeln. Wir in Deutschland und Europa sind dabei aber nicht so gut wie die Genannten.

Warum nicht?

Vielleicht, weil es uns zu gut geht und viele Menschen gar nicht so einen großen Bedarf an Fortschritt und Veränderung haben. Veränderungen erzeugen Unsicherheit und machen Angst. Andere Länder, die nicht über den Wohlstand verfügen, sind gieriger. Sie sehen die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft als ihre große Chance, um aufzuschließen und uns vielleicht sogar zu überholen.

Welche Länder meinen Sie?

Vor allem China, Indien, aber auch andere Staaten in Asien und Südamerika.

Und die USA?

Der angelsächsische Raum mit einem mehr freiheitlichen Gesellschaftsmodell ist traditionell offener für Innovationen. Daher auch die vielen erfolgreichen Geschäftsideen von dort. Sie probieren aus. Sie suchen andauernd selbst ihr Glück. Und das mit der unglaublich wichtigen Einstellung, dass man mit einer Idee auch mal scheitern kann. Wie viele spätere Milliardäre haben am Anfang Dinge in den Sand gesetzt? Und dann kamen eben doch die zündenden Ideen und mit ihnen der Geschäftserfolg. Der Unterschied zu früher ist nur, dass das in der digitalen Welt rasend schnell und mit globaler Resonanz geht. Dass man nicht nur Ideen schnell in neue Produkte und Dienstleistungen verwandeln kann, sondern auch Kunden weltweit binnen Sekunden erreichen kann. Und dass dadurch schnell Monopole entstehen.

Monopole hat es immer mal gegeben.

Richtig. Solche Effekte gab es auch in der frühen Phase der Elektrifizierung, mit Konzernen wie General Electric und Siemens. Aber selbst in den USA wird mittlerweile die Frage gestellt, wer Unternehmen wie Amazon, Google, Apple noch kontrollieren und bändigen kann. Gleichzeitig sind das die wirtschaftlich innovativsten Lokomotiven, die wir auf der Welt haben. Ob Alibaba in China oder eben Google in den USA.

Können sie genauso schnell verschwinden, wie sie gekommen sind?

Es gibt bei technischen Entwicklungen immer heiße Phasen, denen eine Abkühlung folgt. Gerade sind wir in einer sehr heißen Phase. Denken Sie nur an die verschiedenen Rechengeräte, die man zu Hause hatte und alle paar Jahren ersetzt werden mussten. Mit dem Cloud-Computing kommt es hier zu einer Konsolidierung. Die Rechner verschwinden wie hinter einem Vorhang und müssen uns Nutzer nicht mehr beschäftigen. Damit müssen sich nur noch die Profis befassen. Wir alle können dank Internet und Cloud darauf bauen, an jedem Ort auf die Rechenkraft und Speichermöglichkeiten zuzugreifen, die wir gerade brauchen.

Welche Folgen hat das?

Ich brauche nur noch ein Anzeigegerät, keinen PC mehr, der alles selbst rechnet. Ich brauche nur noch mein Smartphone. Die Rechnerentwicklung, die uns bislang beschäftigt und auch immer etwas verunsichert hat - dass sich die Speichermedien ändern, Betriebssysteme, Anwendungsprogramme, Architekturen - das betrifft uns nun nicht mehr. Wenn Sie an die Anfangsphase zurückdenken: Da hatten wir alle einen PC zu Hause, der den Zugang zur virtuellen Welt gewährte. Der Computer war nach drei Jahren nicht mehr aktuell, und nach fünf Jahren musste er ausgetauscht werden. Da gab es große Disketten, kleine Disketten, CD-Roms und Sticks - all das verliert heute radikal an Bedeutung. Der Nutzer klickt - aber wo die Daten herkommen, das muss ihn nicht mehr interessieren.

Ist Deutschland gut aufgestellt?

Ich würde mir wünschen, dass Deutschland auch in der neuen Zeit die führende Rolle spielt, die es heute im ausgehenden Industriezeitalter spielt. Aber die Karten werden neu gemischt. An China sieht man das sehr deutlich. Es sind gerade auch die digitalen Technologien, die China zu dem neuen Wohlstand verhelfen. Wenn wir Europäer nicht aufpassen, sind wir in diesem Rennen nicht mehr dabei.

Hat die Regierung das verstanden?

Die Kanzlerin hat das verstanden, besser als viele andere Politiker. Aber es gibt ein anderes Problem, das dazu führt, dass Politiker nicht mehr offen über Probleme und mögliche Entwicklungskonflikte sprechen: Sie haben Angst, ins moralische Kreuzfeuer zu geraten.

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