bedeckt München 26°

Umstrittene Schulreform:"Acht Jahre Freizeit, welche wir opfern müssen"

Die Lage in Nordrhein-Westfalen sieht die Landesschülervertretung kritischer als die Westers-Brüder, um es milde auszudrücken. "Wir dürfen nun ein Jahr früher unser Abitur machen und das nur zum Preis von acht Jahren Freizeit, welche wir dafür opfern müssen", heißt es in einem Protestaufruf. Zehn Gymnasien im Land bieten seit 2011 wieder G9 an, immerhin drei Schulen setzen auf beide Möglichkeiten. Das ist ein Ventil, aber ein kleines. Demonstriert wird trotzdem.

G8 Abitur Schule

Schüler im G8 haben zwar mehr Stress, doch am Ende im Schnitt keine schlechteren Abschlussnoten.

(Foto: dpa)

In Hamburg sammelt eine Elterninitiative Unterschriften für die Rückkehr zur längeren Schulzeit, kämpferisch und mit neidischen Blicken ins Nachbarland Schleswig-Holstein. Dort hatte noch die inzwischen abgewählte schwarz-gelbe Koalition eine Wahlfreiheit für die Schulträger eingeführt. SPD-Ministerpräsident Torsten Albig will aber nun für die normalen Gymnasien wieder ausschließlich G8 festsetzen und den längeren Weg zum Abitur auf Gemeinschaftsschulen beschränken.

Fast überall dort, wo es noch keine Reform der Reform gab, steht dies im Raum: In Niedersachsen fordern der eher konservative Philologenverband und die linke Gewerkschaft GEW (ansonsten selten einer Meinung) unisono Korrekturen. Die Lehrerschaft ist gespalten: "Die einen Kollegen können sich eine generelle Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren vorstellen", sagt Brigitte Naber, Chefin des Schulleitungsverbandes. Die anderen wollten das G8 behalten, mit Verbesserungen. Denkbar sei es, Schüler nach der neunten Klasse wählen zu lassen, so Naber. Schulministerin Frauke Heiligenstadt von der SPD hat vor wenigen Tagen bei einem "Dialogforum" schon mal die Stimmung ausgelotet.

Die Stimmung gärt

Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) setzt auf ein Flexibilisierungsjahr. Dadurch sollen Kinder vom kommenden Schuljahr an entscheiden können, ob sie in der Mittelstufe ein zusätzliches Jahr einlegen. Die Freien Wähler wollen per Volksentscheid das G9 offiziell als Alternative reaktivieren. Und die Chancen stehen gar nicht schlecht, auch weil in Bayern bei Schülern und Eltern die Stimmung gärt wie sonst in kaum einem Land. Im Herbst wird im Freistaat zudem ein neuer Landtag gewählt.

"Man hat eben die gewachsene Erfahrung mit dem G9", sagt Klaus Wenzel, Präsident des Bayerischen Lehrerverbands. "Es wird aber auch viel verklärt und so getan, als ob wir vor zehn Jahren ein Idealbild von Schule gehabt hätten." Dabei würden nur alte strukturelle Probleme im G8 besonders sichtbar - die ohnehin hohe Dichte bei den Prüfungen und beim Stoff, der Frontalunterricht, der Unterricht in 45-Minuten-Einheiten, die nicht in die Tiefe gehen könnten.

"Land um Land wird künftig wohl auf G8 und G9 setzen, das schwappt über, wie es bei der Abschaffung der Studiengebühren der Fall war", glaubt Wenzel. Als Prognose für Westdeutschland, wohlgemerkt.

Denn im G8-Streit ist Deutschland ein geteiltes Land. Im Osten war das Abitur nach zwölf Jahren immer selbstverständlich, man wehrte sich sogar gegen das G9, als es etwa in Sachsen-Anhalt Ende der Neunzigerjahre eingeführt werden sollte. Es "fand letztlich nicht genügend Akzeptanz bei Eltern, Lehrern und Schülern, so dass nach wenigen Schuljahren wieder zu G8 zurückgekehrt wurde", sagt Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD). "Dabei ist es bis heute geblieben."

"Beide Modelle funktionieren"

Mit einer wichtigen Fußnote: an Gesamtschulen, Fachgymnasien sowie Gemeinschaftsschulen ist ein G9-Abitur möglich. Es gibt also auch hier Ausweichmöglichkeiten. "Beide Modelle funktionieren, das im Westen und das im Osten", sagt Dorgerloh, der momentan auch Chef der Kultusministerkonferenz ist. Er kann sich für Länder mit heftigen Debatten einen Mittelweg vorstellen - dass Schulen künftig eigenverantwortlich entscheiden, welches Abitur sie anbieten.

Bei den Westers führten beide Varianten zum Erfolg. Wenige Zehntel liegen ihre Schnitte auseinander, beide haben ein "gutes" Abitur gemacht, leichter Vorteil für den G9-Absolventen. Eine Tendenz im Jahrgang, also bessere Ergebnisse bei Leuten aus dem G8 oder G9, gebe es nicht.

Benedikt macht nun ein Praktikum, er will Bauingenieur werden. Bei Tobias steht ein Freiwilliges Soziales Jahr an, dann wohl ein Sportstudium. Die Debatten registrieren sie natürlich, auch den Ruf nach dem G9. Aber er wisse nicht, meint Benedikt, "ob es wirklich sinnvoll ist, das ganze System jetzt nochmals umzukrempeln".

© SZ vom 17.06.2013/jobr
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB