Schulsysteme im Vergleich Unverkrampfter und weltoffener als befürchtet

Womit ich bei der vielleicht wichtigsten Ursache für meine Skepsis gegenüber dem deutschen Schulsystem wäre: die Art, wie hierzulande über Schule diskutiert wird. Schon den Begriff Bildungspolitik finde ich problematisch. In Schweden gibt es keine Bildungspolitik. Es gibt Schulpolitik. Und sie befasst sich mit der Schule, also zum Beispiel damit, was und wie dort gelernt werden sollte, wie die Lehrer ausgebildet werden müssen und so weiter. Nach Fernsehdebatten mit Schulpolitikern hatte ich meist eine recht klare Vorstellung, was es für Ideen gibt und wie ich die Schulpolitik bei der nächsten Wahl beeinflussen könnte.

Über Schule wird in Deutschland natürlich auch gestritten. Aber trotzdem hat sich nach den hiesigen Talkrunden nie dasselbe Gefühl von Klarheit eingestellt. Eine bundesweite Debatte über "das Schulsystem" ist in einer vom Föderalismus zerklüfteten Bildungslandschaft auch so gut wie unmöglich. In überregionalen Medien wird oft nur eine sehr allgemeine "Bildungsdebatte" geführt. In der geht es dann nicht mehr allein um Schule, oft geht es nur noch am Rande um Schule.

Stattdessen geht es um alles Mögliche, was man irgendwie mit Schule in Verbindung bringen kann: Erziehungstipps für Eltern, das Familienbild an sich, Computerspiele, Arbeitszeiten von Müttern, Arbeitszeiten von Vätern, diverse Bedürfnisse der Wirtschaft, den globalen Wettbewerb, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Meist enden solche Debatten mit nichts als vagen Binsenweisheiten.

Als ich das deutsche Schulsystem von außen durch meine schwedische Brille betrachtete, habe ich also Folgendes gesehen: eine Schule, die Kinder unter starken Leistungsdruck setzt, sie kaum fördert und mittags, wenn viele Eltern noch arbeiten, vollbepackt mit ungelösten Problemen nach Hause schickt. Eine unmoderne Schule, die sich immer noch auf die Hausfrau der Alleinverdienerfamilie verlässt - oder in unserem Fall eben auf den Hausmann. Und ich habe eine politische Debatte gesehen, die sich in Nebensächlichkeiten verfranzt, statt über konkrete Verbesserungen zu streiten. Weshalb ich in absehbarer Zeit kaum Besserung erwartete.

Nagelneuer Speisesaal und ganztägiger Unterricht

Wie gesagt, wir hatten wirklich große Zweifel, ob der Umzug nach Deutschland der Bildung unserer Kinder wirklich zuträglich ist. Noch dazu sind wir nicht in eine Großstadt, sondern in die oberschwäbische Provinz gezogen, die ja nicht unbedingt als Vorreiter gesellschaftlichen Fortschritts bekannt ist. Kann ja heiter werden, dachte ich. Aber das Schöne am Pessimismus ist, dass er positive Überraschungen begünstigt. Wie bei meinem ersten Elternabend der Grundschule, nur ein paar Hundert Meter von unserem neuen Zuhause in Ravensburg entfernt. Der Rektor empfing uns in einem nagelneuen Speisesaal und stellte uns seine Pläne für ganztägigen Unterricht vor.

Meine Tochter soll vier Tage in der Woche bis 15 Uhr von Lehrern betreut werden und dabei auch ihre Hausaufgaben machen. Für die Zeit nach 15 Uhr gibt es einen Hort. Dem Rektor zur Seite stand eine Schulsozialarbeiterin, die für Zugezogene Einführungsseminare ins baden-württembergische Schulsystem anbot, die Handzettel dafür gab es auch auf Türkisch und Russisch. Die Lehrer wirkten kompetent, nett, pragmatisch und sehr engagiert in dem Vorhaben, ihre Schule besser zu machen.

Alle waren so erstaunlich viel moderner, unverkrampfter und weltoffener als die Leute, die ich in den Bildungsdebatten der Medien ansehen musste. Ich glaube jetzt zwar immer noch, dass das deutsche Schulsystem einige grundlegende Fehler hat. Aber seit dem Elternabend habe ich immerhin die Hoffnung, dass es sich ändert, vielleicht sogar schneller, als man sich das heute vorstellen kann.

Und meine Tochter? Die entschied sich bei der Ranzenparty ganz freiwillig für ein sehr günstiges Auslaufmodell. Sie trägt es schon jetzt dauernd durch unsere Wohnung und ist überaus glücklich dabei. Klar, der Ranzen ist ja auch noch leer, aber was soll's. Wir freuen uns jetzt beide auf den ersten Schultag.

Die Recherche zum Schulsystem: Bildung, wie wir sie brauchen

"Welche Bildung brauchen unsere Kinder wirklich?" - das wollten unsere Leser in der zweiten Runde von Die Recherche wissen. Mit einer Reihe von Artikeln versuchen wir diese Frage zu beantworten.