Süddeutsche Zeitung

Schulsysteme im Vergleich:Die Angst des Vaters vor dem ersten Schultag

Überdimensionale Ranzen, horrende Ausgaben für Nachhilfestunden und eine verquaste Bildungsdebatte: Für einen Umzug von Schweden nach Deutschland spricht vieles, aber sicher nicht das Schulsystem, dachte unser Autor. Bis zum ersten Elternabend.

Der absolute Tiefpunkt meiner Erkundung des deutschen Bildungswesens war die "Schulranzenparty" in der Oberschwabenhalle. Ich stand an einem warmen Frühsommertag schwitzend im Foyer des schmucklosen Gebäudes und sah meiner Tochter zu, wie sie an den Ständen der Schulranzenfachverkäufer einen übergroßen Kasten nach dem anderen auf ihren Rücken schnallte. Geschäftstüchtige Mitarbeiter säuselten meiner Frau die ergonomischen Vorteile des jeweiligen Modells ins Ohr. Und in einer Ecke informierten Krankenkassenvertreter über die orthopädischen Risiken des Schulbesuchs. Kaum ein Ranzen kostete weniger als 100 Euro.

Während ich mich noch darüber ärgerte, erschienen mir die bunten Buckel der Kinder immer mehr wie Symptome eines Siechtums des ganzen Bildungssystems. Ranzen verkörperten in diesem Moment alles, was ich an der Schule in Deutschland schlecht finde. Oder halten Sie es für normal, dass Kindern so viel Lernmaterial aufs Kreuz geladen wird, dass man sich ernsthaft Sorgen über Rückenschäden machen muss? Ich habe mir auch lange nichts dabei gedacht, schließlich bin ich selbst hier zur Schule gegangen. Aber inzwischen habe ich erlebt, dass es auch anders geht.

Wir haben sechs Jahre lang in einem Stockholmer Vorort gelebt, wo ich als Schweden-Korrespondent für die Süddeutsche Zeitung arbeitete. Als meine Tochter fünf Jahre alt war, ist sie dort 2012 schon einmal eingeschult worden. In Schweden beginnt die Schulzeit ein Jahr früher mit einer Art Vorschulklasse. Und ich habe bis heute das Gefühl, dass dort vieles leichter war. Keiner der Klassenkameraden meiner Tochter hatte einen ergonomischen Designer-Ranzen. Die Kinder gingen morgens mit billigen kleinen Rucksäcken in die Schule, in denen nicht viel mehr als ein Pausenbrot und ein paar Stifte waren. Nachmittags kamen sie genauso unbeschwert nach Hause. Die Lernmaterialien blieben im Klassenzimmer.

Das schwedische Schulsystem macht vieles leichter

Um es gleich zu sagen: Das schwedische Schulsystem ist auch nicht so toll. Auch dort verlässt mancher Teenager die Schule ohne Abschluss, es gibt Jugendarbeitslosigkeit und bei den Pisa-Vergleichen schneidet Schweden so mittelmäßig ab wie Deutschland. So betrachtet, wäre es also egal, wo meine beiden Kinder ihre Ausbildung genießen dürften.

Trotzdem: Als meine Frau und ich abwogen, was für und was gegen einen Umzug spricht, fielen uns eine ganze Menge Dinge ein, die wir an Deutschland schätzen. Das Schulsystem gehörte nicht dazu - im Gegenteil: Es stand auf der Liste der Dinge, die gegen eine Rückkehr sprachen, ganz oben. Diese Skepsis bezog sich übrigens auf alle Bundesländer (auch auf den Pisa-Streber Bayern, dessen Schulsystem ich aus eigener Erfahrung gut kenne). Wir haben dennoch unsere Sachen gepackt. Ein gutes Jobangebot für meine Frau war entscheidend, man kann schließlich nicht sein ganzes Leben rund um die Schule planen. Aber ein schlechtes Gefühl blieb.

Entspannteres Verhältnis zur Schule

Wenn ich mich frage, woher dieses Gefühl kommt, fallen mir zuerst die vielen Gespräche ein, die wir vor dem Umzug mit befreundeten Eltern in Deutschland geführt haben. Von den Horrorgeschichten jener, die mit einem Schulkind in ein anderes Bundesland umziehen mussten, will ich gar nicht sprechen. Nein, mich irritierte, wie verunsichert die Eltern wirkten. Viele schienen sich ständig zu fragen, ob sie genug für den Schulerfolg ihrer Kinder tun. Wer, wann, wie bei den Hausaufgaben hilft, ist in deutschen Familien offenbar ein Dauerthema. Und erschreckend viele meiner Gesprächspartner zahlten für Nachhilfestunden.

Einmal fragte ich einen befreundeten Vater in Stockholm, wie das eigentlich mit Nachhilfeunterricht in Schweden funktioniere. Es wurde ein ziemlich langes Gespräch, denn ich musste dem Mann erst einmal erklären, was Nachhilfeunterricht überhaupt ist. Dass Eltern jemanden bezahlen, der ihren Kindern nach dem Unterricht den Schulstoff beibringt, ist für die meisten Schweden schlicht unvorstellbar. Das Verhältnis zur Schule ist entspannter.

Warum ist das so? Zum einen, weil der Leistungsdruck, vor allem zu Beginn der Schulzeit, deutlich geringer ist. In Schweden gibt es bis zur sechsten Klasse nicht einmal Noten. Die gemeinsame Grundschule dauert nicht vier, sondern neun Jahre. Erst dann wird entschieden, wer sich auf ein Studium vorbereitet und wer auf einen nicht akademischen Beruf. Ein weiterer Grund für die Gelassenheit der Eltern ist, dass Kinder in Schweden den ganzen Tag in der Schule sind und nicht mittags vollbepackt zum Weiterlernen heimgeschickt werden. Es gibt zwar auch dort Hausaufgaben, aber deutlich weniger.

Zahlen, die Angst machen

Zugespitzt könnte man sagen: Schwedische Schulen erreichen ihre mittelmäßigen Pisa-Ergebnisse wenigstens aus eigener Kraft. Deutsche Schulen sind dagegen auf Unterstützung durch mühevolle Heimarbeit und auf die Geldbeutel der Eltern angewiesen. Bis zu 1,5 Milliarden Euro geben deutsche Familien einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge im Jahr für Nachhilfestunden aus. Solche Zahlen machen einem Angst, wenn man aus Schweden hierher zieht.

Ich glaube nicht, dass schwedische Eltern sich weniger um die berufliche Zukunft ihrer Kinder sorgen als deutsche. Aber sie trauen ihren Schulen zu Recht mehr zu. Wenn ein Kind in Schweden mehr Förderung braucht, gehen die Eltern nicht in ein privates Nachhilfestudio, sondern zur Klassenlehrerin. Die kann meistens auch helfen, denn sie hat eine Menge Instrumente zur Verfügung: vom Unterricht in Kleingruppen über Hausaufgabenhilfe, muttersprachlichen Unterricht (für unsere Tochter hätte man einmal die Woche eine deutschsprachige Lehrerin in die Vorortschule bestellt) bis hin zur Möglichkeit, schwachen Schülern einen speziell ausgebildeten Pädagogen zur Seite zu stellen, der sich nur um sie kümmert.

Könnte es so etwas nicht auch in Deutschland geben? Sollte mehr individuelle Förderung nicht ein zentrales Anliegen sein? Stattdessen werden Lehrerstellen eingespart und Klagen über "Förderwahn" und "Helikoptereltern" vorgebracht. Ich verstehe das einfach nicht. Wie ich so vieles in der sogenannten Bildungsdebatte nicht verstehe.

Unverkrampfter und weltoffener als befürchtet

Womit ich bei der vielleicht wichtigsten Ursache für meine Skepsis gegenüber dem deutschen Schulsystem wäre: die Art, wie hierzulande über Schule diskutiert wird. Schon den Begriff Bildungspolitik finde ich problematisch. In Schweden gibt es keine Bildungspolitik. Es gibt Schulpolitik. Und sie befasst sich mit der Schule, also zum Beispiel damit, was und wie dort gelernt werden sollte, wie die Lehrer ausgebildet werden müssen und so weiter. Nach Fernsehdebatten mit Schulpolitikern hatte ich meist eine recht klare Vorstellung, was es für Ideen gibt und wie ich die Schulpolitik bei der nächsten Wahl beeinflussen könnte.

Über Schule wird in Deutschland natürlich auch gestritten. Aber trotzdem hat sich nach den hiesigen Talkrunden nie dasselbe Gefühl von Klarheit eingestellt. Eine bundesweite Debatte über "das Schulsystem" ist in einer vom Föderalismus zerklüfteten Bildungslandschaft auch so gut wie unmöglich. In überregionalen Medien wird oft nur eine sehr allgemeine "Bildungsdebatte" geführt. In der geht es dann nicht mehr allein um Schule, oft geht es nur noch am Rande um Schule.

Stattdessen geht es um alles Mögliche, was man irgendwie mit Schule in Verbindung bringen kann: Erziehungstipps für Eltern, das Familienbild an sich, Computerspiele, Arbeitszeiten von Müttern, Arbeitszeiten von Vätern, diverse Bedürfnisse der Wirtschaft, den globalen Wettbewerb, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Meist enden solche Debatten mit nichts als vagen Binsenweisheiten.

Als ich das deutsche Schulsystem von außen durch meine schwedische Brille betrachtete, habe ich also Folgendes gesehen: eine Schule, die Kinder unter starken Leistungsdruck setzt, sie kaum fördert und mittags, wenn viele Eltern noch arbeiten, vollbepackt mit ungelösten Problemen nach Hause schickt. Eine unmoderne Schule, die sich immer noch auf die Hausfrau der Alleinverdienerfamilie verlässt - oder in unserem Fall eben auf den Hausmann. Und ich habe eine politische Debatte gesehen, die sich in Nebensächlichkeiten verfranzt, statt über konkrete Verbesserungen zu streiten. Weshalb ich in absehbarer Zeit kaum Besserung erwartete.

Nagelneuer Speisesaal und ganztägiger Unterricht

Wie gesagt, wir hatten wirklich große Zweifel, ob der Umzug nach Deutschland der Bildung unserer Kinder wirklich zuträglich ist. Noch dazu sind wir nicht in eine Großstadt, sondern in die oberschwäbische Provinz gezogen, die ja nicht unbedingt als Vorreiter gesellschaftlichen Fortschritts bekannt ist. Kann ja heiter werden, dachte ich. Aber das Schöne am Pessimismus ist, dass er positive Überraschungen begünstigt. Wie bei meinem ersten Elternabend der Grundschule, nur ein paar Hundert Meter von unserem neuen Zuhause in Ravensburg entfernt. Der Rektor empfing uns in einem nagelneuen Speisesaal und stellte uns seine Pläne für ganztägigen Unterricht vor.

Meine Tochter soll vier Tage in der Woche bis 15 Uhr von Lehrern betreut werden und dabei auch ihre Hausaufgaben machen. Für die Zeit nach 15 Uhr gibt es einen Hort. Dem Rektor zur Seite stand eine Schulsozialarbeiterin, die für Zugezogene Einführungsseminare ins baden-württembergische Schulsystem anbot, die Handzettel dafür gab es auch auf Türkisch und Russisch. Die Lehrer wirkten kompetent, nett, pragmatisch und sehr engagiert in dem Vorhaben, ihre Schule besser zu machen.

Alle waren so erstaunlich viel moderner, unverkrampfter und weltoffener als die Leute, die ich in den Bildungsdebatten der Medien ansehen musste. Ich glaube jetzt zwar immer noch, dass das deutsche Schulsystem einige grundlegende Fehler hat. Aber seit dem Elternabend habe ich immerhin die Hoffnung, dass es sich ändert, vielleicht sogar schneller, als man sich das heute vorstellen kann.

Und meine Tochter? Die entschied sich bei der Ranzenparty ganz freiwillig für ein sehr günstiges Auslaufmodell. Sie trägt es schon jetzt dauernd durch unsere Wohnung und ist überaus glücklich dabei. Klar, der Ranzen ist ja auch noch leer, aber was soll's. Wir freuen uns jetzt beide auf den ersten Schultag.

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