Schule in NRW "Über die Jugendlichen in der Schule wissen wir gar nichts"

Er kann sich bei dem Thema in Rage reden. Warum betreibe man nicht den gleichen Aufwand, um herauszufinden, wie kreativ die Schüler sind? Wie demokratiefähig? Wie sozial? Die einzige Antwort auf diese Fragen, sagt Piechnik, seien Aktionstage. Gegen Essstörungen, Mobbing, Internetsucht, Gewalt, illegale Autorennen. "Wir tun so, als könnten wir bei den Schülern einfach einen Schalter umlegen: Jetzt weißt du es, jetzt ändere dein Leben." Das reiche aber nicht. Wenn er seinen Sohn dazu bringen wolle, sich gesünder zu ernähren, dann müsse er die Veränderung mit ihm leben: Müsli essen, einkaufen, Gemüse schnippeln. Tag für Tag.

Für Piechnik gehört das zu den unauflöslichen Widersprüchen, in die die Politik die Schule verstrickt habe - und die Lehrer und Schüler zu zerreißen drohten. Mündige Bürger solle sie hervorbringen - lasse den Schülern aber keine Wahl, was sie lernen wollen. Demokratie solle sie vermitteln - und dann müssten Schüler wegen einer Geschichtsklausur die Klassenfahrt nach Auschwitz absagen. Individuell sollen die Lehrer unterrichten - und allen Schülern am Ende die gleichen Aufgaben stellen. Behinderte Schüler und Flüchtlingskinder soll sie eingliedern - und all das in einem Schulsystem, das noch immer den Geist der Kaiserzeit atme und auf Selektion nach Leistung basiere. Sozial denken und handeln sollen die Schüler, auch dieses Beispiel nennt Piechnik - und wenn sie dann in einer Prüfung kooperieren, sind sie durchgefallen.

Carsten Piechnik, 49, ist Gesamtschullehrer in Herne.

(Foto: Paul Munzinger)

Er fordere nichts, betont Piechnik. Er und seine Schüler wollten mit der Umfrage Anregungen geben, Denkanstöße. Also haben sie Politiker eingeladen, um über die Ergebnisse zu reden und über Konsequenzen. Die Diskussionen, sagt Piechnik, seien enttäuschend gewesen. Die Politiker hätten sich nur gegenseitig die Schuld zugeschoben. Das hat Rot-Grün verbockt, das war Schwarz-Gelb. Bringt nichts, hätten die Schüler gesagt; wir müssen da hin, wo die Bedingungen gemacht werden. Im November 2017 reichten sie beim Landtag in Düsseldorf eine Petition ein: "Schulpolitik auf dem falschen Weg".

Anfang Juli lud der Petitionsausschuss zu einem Treffen ein. Gute Gespräche habe es gegeben, sagt Piechnik. Je mehr sie ihm zuhöre, habe ihm eine Frau gestanden, umso mehr schäme sie sich, Bildungspolitikerin zu sein. Doch ein "bisschen schiefgelaufen" sei auch dieser Termin. Weil die wichtigen Leute eben nicht da waren: die vom Schulministerium.

Dort heißt es, man sei nicht eingeladen worden. Gedanken zur Petition hat man sich aber gemacht, die Stellungnahme des Ministeriums liegt der SZ vor. Dass der Prüfungsstress zugenommen habe, sei falsch, ebenso der Vorwurf, dass nur die Leistung der Schüler gemessen werde. Zuletzt habe sich eine Pisa-Sonderauswertung mit der Frage befasst, wie es den Schülern gehe; 73 Prozent gaben an, zufrieden zu sein. 2017 wurden die Ergebnisse veröffentlicht. Das Ministerium verweist zudem auf die Jako-o-Bildungsstudie, die 2016 ermittelte, dass 82 Prozent der Schüler gerne zur Schule gingen. Befragt wurden allerdings nicht die Schüler, sondern ihre Eltern.

Peter Strohmeier überzeugt das nicht. Auch er sagt: "Über die Jugendlichen in der Schule wissen wir gar nichts." Der emeritierte Soziologieprofessor aus Bochum hat vor einigen Jahren selbst mit einer Studie begonnen, die das Umfeld der Schüler ausloten soll: Familie, Nachbarschaft, Schulklima. Inspiriert wurde Strohmeier von einer Reise nach Kanada, wo solche Tests selbstverständlich seien. Zufällig hat auch er Siebt- und Neuntklässler in Herne befragt - und dann festgestellt, dass es in der Stadt eine Schule gab, die bereits etwas Ähnliches machte: die von Carsten Piechnik.

Strohmeier ist überzeugt, dass die Bedingungen, unter denen die Schüler leben und lernen - ihr Wohlbefinden -, ausschlaggebend für ihre Leistungen sind, angefangen damit, ob sie zu Hause ein Frühstück bekommen oder nicht. Doch dafür reiche es nicht aus, wie bei Pisa einen bundesweiten Schnitt zu erheben. An jeder Schule seien die Umstände anders. Sein Ziel sind lokale Untersuchungen, auf die eine Kommune gezielt reagieren kann. Im Sommer hat Strohmeier seine Studie vorgestellt. Mehr als 40 Prozent der befragten Schüler gaben an, sich in der Schule missachtet zu fühlen. Ein Viertel der Schüler aber, sagt Strohmeier, habe sich bedankt, dass sie einmal selbst befragt wurden.

Das Wohlbefinden der Schüler - daran würde auch Carsten Piechnik die Schule ausrichten, wenn er sie neu erfinden dürfte. Nach den Sommerferien soll es ein neues Treffen mit dem Petitionsausschuss geben. Das Ministerium hat schon zugesagt.