Schüler mit Autismus "Nur ich musste diese dumme Tragödie erleben"

Maria Bengtson, Halmstad: Bei mir kam die Diagnose spät, erst mit 18, als wir in den Sommerferien bei meinen schwedischen Großeltern waren. Ich war erleichtert, aber auch sauer. Hätten wir früher von meinem Asperger-Syndrom gewusst, hätte ich nicht in Deutschland diesen ganzen Scheiß mitmachen müssen. Meine dritte Schule dort war eine Waldorfschule, zuerst war es toll, aber als wir in die Pubertät kamen, haben alle über mich gelästert, auf meinem Platz standen Sprüche wie "stirb" und "Fotze". Es war schlimm, niemand hat mich gemocht, die Lehrer auch nicht. Einmal haben mir Jungens einen Krug Wasser über den Kopf geschüttet, die Englischlehrerin hat es gesehen und meinte nur: "You can go to the toilet and dry your hair, maybe." Wenn ich wütend wurde, habe ich mit den Zähnen geknirscht und mir meine Nägel in die Hand gerammt, mich richtig verletzt. Die Schulärztin hat meine Mutter gefragt, ob sie Drogen genommen hat, als sie mit mir schwanger war, denn so etwas wie mich habe sie noch nie gesehen. Das habe ich erst letztes Jahr erfahren. Meine arme Mama, sie trinkt und raucht ja nicht mal.

Meine beiden Schwestern gehen auf dieselbe Schule, ihnen geht es da gut. Nur ich musste diese dumme Tragödie erleben. In der neunten Klasse kam ich auf die Christophorusschule, eine Waldorf-Förderschule, die Haters sagen "Behindertenschule". Die totale Katastrophe, bis auf Englisch und Musik habe ich nichts begriffen. Ich habe oft geschwänzt. Die Lehrer und meine Eltern wollten mir helfen, aber eigentlich konnte mir niemand helfen.

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Asperger bedeutet bei mir, dass ich sehr offen bin und mit jedem rede, den ich mag. Das ist nicht so typisch, viele sind ja sehr verschlossen. Ich bin übertrieben freudig oder übertrieben traurig und lebensmüde. Wenn ich ausraste, denken die Leute, ich bin ein Psychopath, weil ich mich oder andere kratze und mit Sachen schmeiße. Nach ein paar Sekunden beruhige ich mich von selbst. Ich mach Dinge, ohne die Konsequenzen zu sehen, das ist ein Problem.

Jetzt bin ich 20, wohne in einer kleinen Wohnung in Halmstad an der schwedischen Westküste und gehe im dritten Jahr aufs Sturegymnasiet. Die Schule hat ein individuelles Programm für Schüler mit Asperger-Syndrom. Im nächsten Sommer mache ich Abitur, für uns gibt es besondere Bedingungen. Ich mache wenig Mathe, dafür ganz viel Geschichte, bald habe ich einen Test über Revolutionen, über die französische, die amerikanische und die industrielle. Im Frühjahr habe ich ein Praktikum in unserer Kochschule gemacht, da war ich auch sehr gut. Die Schule tut alles für uns. Hier mag ich alle Lehrer, weil jeder auf die Diagnose spezialisiert ist und versucht, uns aufzupäppeln. Mein Ziel ist es, die Schule abzuschließen, in Göteborg zu leben, glücklich zu sein, Freunde zu haben und Musik zu machen. Ich singe und nehme bald schon meinen zweiten Song auf.