Rechenschwäche Sind die Kinder einfach schlecht unterrichtet worden?

Der Mediziner versucht herauszufinden, was im Kopf von Kindern vorgeht, für die Zahlen nur seltsame Zeichen sind. "Es gibt Hirnregionen, die bei Rechenfunktionen besonders stark anspringen. Bei Kindern mit Dyskalkulie hat man festgestellt, dass diese Regionen verzögert oder weniger stark aktiviert werden", erklärt er. Allerdings lasse sich eine Rechenstörung nicht zweifelsfrei feststellen.

Und selbst wenn es so wäre - wie es zu der Abweichung kommt, ist rätselhaft. Die Ursachenforschung sei noch ganz am Anfang, sagt Schulte-Körne. Über allem stehe die Frage: "Was ist angeboren, was ist erworben?"

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Der Mathematikdidaktiker Wolfram Meyerhöfer hat die Geduld mit den Medizinern verloren. "Wir haben 40 Jahre im Kopf der Kinder nach Ursachen gesucht und sind nicht sonderlich weit gekommen", sagt er. An der Universität Paderborn forscht er zur Entwicklung des mathematischen Denkens von Kindern. Aus Gesprächen mit Rechentherapeuten und eigenen Erfahrungen mit rechenschwachen Kindern zieht er einen anderen Schluss: Die Kinder seien einfach schlecht beschult worden. "Forscher und Lehrer wissen nicht weiter, aber den Kindern wird ein Label auf die Stirn geklebt", kritisiert er.

Meyerhöfer behauptet nicht, dass alle Kinderköpfe gleich funktionieren. Er will nur nicht akzeptieren, dass sich Schulen aus der Verantwortung reden. "Die Lehrer sagen: Das Kind ist krank, ich kann nichts dafür, dass es nicht rechnen kann." Das sei eine neue Form der Stigmatisierung. Statt von Dyskalkulie spricht er von besonderen Schwierigkeiten im Rechnen.

Den Vorwurf, Lehrer würden Kinder mit attestierter Rechenstörung hängenlassen, hört Annette Höinghaus vom BVL auch von Eltern. Dennoch hält sie die medizinische Diagnostik für hilfreich. "Wenn bewiesen ist, dass das Kind weder faul ist noch etwas falsch macht, ist das meist eine große Entlastung für Eltern und Kinder." Nur Psychiater oder sozialpädiatrische Zentren könnten andere Ursachen ausschließen und ergründen, wie dem Kind zu helfen sei. Der Mediziner Schulte-Körne sieht das ähnlich: "Die Kinder kommen mit viel größeren Problemen als dem Stempel."