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Reaktionen auf Pisa 2018: "Mittelmaß kann nicht unser Anspruch sein"

Vorstellung der Ergebnisse der Pisa-Studie 2018

Stoff zum Interpretieren und Diskutieren: die Pisa-Studie.

(Foto: dpa)

Die Politik interpretiert die Pisa-Ergebnisse unterschiedlich. Fest steht: Es gibt bedenkliche Trends. Mehr als jeder fünfte Jugendliche kann normale Texte nur mit Mühe verstehen.

Die Pisa-Studie liefert auch dieses Mal wieder Zahlen und Tabellen im Überfluss. Die Frage aber, was von diesen Ergebnissen zu halten ist, hängt auch von anderen Dingen ab. Von der Innenpolitik zum Beispiel. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek wertete das deutsche Abschneiden als Alarmsignal. "Mittelmaß", sagte die CDU-Politikerin, "kann nicht unser Anspruch sein." Die Bundesländer waren da deutlich bemühter, auch positive Nachrichten zu verbreiten. Deutsche Schüler verfügten "im internationalen Vergleich über gute Kompetenzen", sagte Hessens Bildungsminister Alexander Lorz (CDU), derzeit Präsident der Konferenz der Kultusminister. Die Anstrengungen der Länder nach 2001 - nach dem Schock, den die erste Pisa-Studie durch Deutschland gejagt hatte - hätten sich gelohnt.

Klar, die Länder sind für die Schulen verantwortlich, nicht der Bund. Doch es spricht viel dafür, in den unterschiedlichen Wertungen auch ein Echo des Streits über den Bildungsrat zu hören, der letzte Woche ein unversöhnliches Ende fand. Bayern und Baden-Württemberg stiegen aus dem geplanten Gremium aus, die Länder bekämen das alleine hin, hieß es. Karliczeks Kritik liest sich nun wie ein: "Ach ja?"

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Die Deutung von Pisa 2018 aus deutscher Sicht, sagt Kristina Reiss, sei wie die Frage, ob das Glas halb leer oder halb voll ist. Die Mathematikerin von der TU München leitet den deutschen Teil der Pisa-Studie. Die Professorin sagt: "Für mich ist das Glas halb voll." Deutschland, das ist ihr wichtigster Beleg für diese Sichtweise, liegt in allen drei Bereichen - im Lesen, in Mathematik und in den Naturwissenschaften - über dem Durchschnitt der OECD-Staaten. Ungefähr gleichauf sind viele andere westliche Länder, etwa Frankreich, die USA, Schweden oder Großbritannien.

Dreimal über dem Schnitt, das sei eine beachtliche Leistung, sagt Reiss. Vor allem wenn man bedenke, wie sich die Schulklassen in den letzten Jahren verändert hätten. Zum Beispiel durch viele Flüchtlinge, die seit 2015 nach Deutschland kamen, unter ihnen viele Kinder. 36 Prozent der 15-Jährigen in der jüngsten Pisa-Stichprobe haben einen Migrationshintergrund, also mindestens einen Elternteil aus dem Ausland. 2009 waren es noch 26 Prozent gewesen. Und anders als etwa Australien oder Kanada, die sich ihre Zuwanderer weitgehend aussuchen, muss Deutschland viele gering qualifizierte Neuankömmlinge integrieren - auch in den Klassenzimmern. "Unter diesen Umständen", sagt Reiss, "haben die Schulen gute Arbeit geleistet."

Wer durch die Zahlen und Tabellen der Studie blättert, findet aber auch starke Argumente dafür, das Glas für halb leer zu halten. Das liegt weniger daran, dass die Spitzengruppe um Estland, Kanada und Finnland wieder weit enteilt ist; daran hat man sich fast gewöhnt. Ganz zu schweigen von den alles überragenden Teilnehmern aus China, darunter Peking und Shanghai. Allerdings konnte dort fast ein Fünftel der 15-Jährigen von Pisa nicht erfasst werden, etwa weil sie schon nicht mehr in der Schule sind. In Deutschland, zum Vergleich, beträgt diese Quote nicht einmal ein Prozent.

Für das halb leere Glas spricht vielmehr, dass der Aufwärtstrend, der Deutschland nach dem Pisa-Schock 2001 über den Schnitt getragen hatte, endgültig vorbei zu sein scheint. Im Lesen hat sich die Leistungskurve abgeflacht, in Mathematik und den Naturwissenschaften weist sie nach unten. Besonders die Jungen schwächeln. Hinzu kommt: Die Schere zwischen starken und schwachen Schülern ist in Deutschland so groß wie in kaum einem anderen Land - und sie öffnet sich weiter. Das zeigt der Blick auf die einzelnen Ergebnisse.

Die Ergebnisse im Bereich Lesen

Die Pisa-Studie erscheint alle drei Jahre und greift sich jeweils einen ihrer drei Testbereiche als Schwerpunkt heraus. 2018 war dies zum dritten Mal die Lesekompetenz. Im Vergleich zu 2000 und 2009 hat die OECD ihr Verständnis von Lesekompetenz allerdings aktualisiert, man könnte auch sagen: digitalisiert. Die Schüler sollen nicht mehr nur zeigen, dass sie Texte verstehen, sie sollen sie auch vergleichen und einordnen können, etwa in Bezug auf ihre Glaubwürdigkeit. Die Aufgabe "Die Osterinsel" basiert zum Beispiel auf dem fiktiven Blog einer Forscherin, der wiederum auf andere Artikel verlinkt. Ein Auftrag an die Schüler lautete, in den Texten Meinungen von Fakten zu trennen.

Die deutschen Schüler haben 2018 im Lesen ein kleines Kunststück vollbracht. Nach Punktgewinnen 2012 und 2015 sind sie wieder auf den Stand von 2009 zurückgefallen, haben sich aber im Vergleich zu damals von durchschnittlich auf überdurchschnittlich verbessert. Wie das geht? Ganz einfach: Der OECD-Schnitt ist im selben Zeitraum gesunken. Es gibt aber auch echte Veränderungen. In Deutschland ist sowohl die Zahl der sehr guten wie auch die der sehr schlechten Leser vergleichsweise groß - und zuletzt noch gestiegen. Elf Prozent der Schüler erreichen die beiden höchsten Kompetenzstufen, vier Prozentpunkte mehr als 2009. Auf Gymnasien gehören sogar 27 Prozent der Schüler zu diesen "hochkompetenten" Lesern. Am anderen Ende der Skala finden sich 21 Prozent der Schüler, die große Mühen haben, Texte zu lesen und zu verstehen. Auf Schulen, die kein Gymnasium sind - also etwa Gemeinschafts- oder Realschulen - sind es sogar 29 Prozent. Tendenz auch hier: steigend. "Alarmierend" seien diese Zahlen, findet Anja Karliczek. "Das passt nicht zu unserem Ziel, niemanden zurückzulassen."

Die Studienautoren sprechen von einem "besorgniserregenden Befund" - zumal sich große Unterschiede nicht nur zwischen den Schularten finden, sondern auch dann, wenn man Jugendliche aus besser situierten und benachteiligten Haushalten oder Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund vergleicht. So beherrscht mehr als die Hälfte der Einwanderer erster Generation das Lesen nur eingeschränkt. Der Schulerfolg hängt in Deutschland noch immer besonders stark von der Herkunft ab.

Besonders viele Schüler in Deutschland, auch das hat Pisa ermittelt, haben keine Lust auf Lesen. Mehr als ein Drittel bezeichnet es als "Zeitverschwendung", deutlich mehr als im OECD-Schnitt. Mehr als die Hälfte, auch das vergleichsweise viel, liest nur, wenn sie muss. Weltweit nimmt die Lust am Lesen ab, in Deutschland sogar noch etwas stärker. Einen Zusammenhang zwischen Lesefreude und Lesekompetenz ergibt die Studie allerdings nicht. In Mexiko, Griechenland und der Türkei lesen Jugendliche besonders gern - aber nicht besonders gut.

Die Ergebnisse im Bereich Mathematik

Den OECD-Schnitt hat Deutschland zwar übersprungen, aber trotzdem deutlich Punkte verloren. Seit 2012 ist der Mittelwert gesunken, von 514 auf 500 Punkte. Auch die Zahl der sehr guten Schüler in Mathe hat im selben Zeitraum abgenommen, er liegt nun bei 13 Prozent. Auf 21 Prozent gestiegen ist der Anteil der schwachen Rechner. Sie werden auch als Risikoschüler bezeichnet, weil sie aus Sicht der OECD Gefahr laufen, den Anschluss an die Gesellschaft zu verlieren.

Besonders viele dieser Jugendliche gibt es wiederum an den nicht gymnasialen Schulen - nämlich 29 Prozent. Nur vier Prozent der Schüler an diesen Schulen erreichen die beiden höchsten Kompetenzstufen - an Gymnasien sind es 30 Prozent. Andere Staaten, etwa Finnland und Estland, erzielen insgesamt bessere Leistungen und halten zudem die Kluft zwischen guten und schlechten Schülern kleiner. Dort gelinge "eine Förderung der leistungsschwachen Schülerinnen und Schüler, ohne die Förderung der Leistungsspitze zu vernachlässigen". In Deutschland gelingt das nicht. "Das sollten wir uns nicht leisten", sagt Kristina Reiss.

Die Ergebnisse im Bereich Naturwissenschaften

Im Vergleich zu 2015 haben sich die deutschen Werte nicht signifikant verringert, im Vergleich zu 2006 schon. Der langfristige Trend weist nach unten. Und wie beim Lesen und Rechnen gilt auch bei den Naturwissenschaften: Ein Fünftel der Schüler in Deutschland kommt nicht über das unterste Niveau hinaus.

Die OECD mahnt nun eine "breitere Ursachensuche" für das Nachlassen in Mathe und Naturwissenschaften an. Ein Hinweis findet sich in der Pisa-Studie selbst: 70 Prozent der Schüler an benachteiligten Schulen sind vom Lehrermangel betroffen, indem etwa der Unterricht ausfällt. Das sind doppelt so viele wie im OECD-Schnitt.

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