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Pisa-Studie 2018:Das schwächelnde Geschlecht

Junge beim Lernen waehrend des Unterrichts Feature an einer Schule in Goerlitz 03 02 2017 avail

43 Prozent der Jungen in Deutschland halten Lesen für Zeitverschwendung, aber nur 24 Prozent der Mädchen.

(Foto: Florian Gaertner/imago/photothek)

Die Kompetenzen der Jugendlichen in Deutschland driften stärker auseinander: Vor allem bei den Jungen gibt es mehr schwache Schüler. Die Forscherinnen und Forscher suchen nach einer Erklärung.

Es ist ein oft bemühtes Klischee: Die Stärken der Jungen liegen in Mathematik und den Naturwissenschaften, Mädchen haben mehr Freude an Büchern und schneiden im Lesen besser ab. Die Pisa-Studie zeigt, dass manches daran zwar stimmt, es aber bemerkenswerte Verschiebungen gibt. Mitunter werden die Jungen sogar zu Sorgenkindern in Domänen, die eigentlich zu ihren Stärken zählten. "Wir müssen auf die Jungen aufpassen", sagt Kristina Reiss, die Leiterin der deutschen Erhebung.

Im Bereich Mathematik ist der Vorsprung der Jungen geschrumpft, aber weiterhin vorhanden; in den Naturwissenschaften haben Jungen ihren Vorteil gegenüber den Mädchen sogar eingebüßt. Beide Geschlechter schneiden im Schnitt gleich gut ab. Allerdings ist bei den Jungen die Spannbreite deutlich größer - es gibt also mehr sehr gute Naturwissenschaftler unter ihnen, aber auch mehr sehr schlechte Naturwissenschaftler als bei den Mädchen. Vor allem finden sich die Jungen heute häufiger als noch bei der vorigen Pisa-Erhebung in der Gruppe der schwächsten Schüler: 20,8 Prozent von ihnen kommen nicht über den untersten Kompetenzbereich hinaus. 2015 waren es 15,9 Prozent. Eine richtige Erklärung dafür können Pisa-Forscherin Reiss und ihr Team noch nicht bieten: Es sei aber auffällig, dass das Interesse der Jungen gesunken ist, in der Pisa-Studie, aber auch davor in nationalen Bildungsvergleichen.

Dass ein Verständnis für Mathematik und Naturwissenschaften nicht per se eine Frage des Geschlechts ist, zeigt der Vergleich mit den anderen getesteten Ländern. In 13 der 37 OECD-Staaten gibt es im Bereich Mathematik keinen Unterschied zwischen Jungen und Mädchen; in Finnland, Norwegen und Island schneiden die 15-jährigen Mädchen sogar besser ab als ihre männlichen Altersgenossen. In den Naturwissenschaften gibt es in den meisten Staaten keinen Geschlechterunterschied, in zwölf Ländern allerdings auch einen Vorteil zugunsten der Mädchen.

Beim Lesen, dem Hauptfokus dieser Pisa-Runde, haben dagegen in allen Ländern die Mädchen die Nase vorn. Salopp formuliert: Lesen ist weiterhin sehr viel eindeutiger eine Mädchenkompetenz, als Mathematik oder Naturwissenschaften je Jungendomänen gewesen wären. Im OECD-Schnitt erreichen Mädchen im Lesetest 30 Punkte mehr als männliche 15-Jährige. Der Geschlechterunterschied ist aber unterschiedlich stark ausgeprägt - in Deutschland mit 26 Punkten sogar vergleichsweise gering. Der Abstand hat sich hierzulande zwar im Vergleich zu 2015 minimal erhöht, ist aber weiterhin deutlich kleiner als 2009, als zwischen den Geschlechtern 40 Punkte klafften.

Entwarnung gibt es aber nicht: Besonders unter den Risikoschülern, die als funktionale Analphabeten ins Leben zu gehen drohen und praktisch nicht lesen und schreiben können, sind die Jungen überrepräsentiert: 24 Prozent erreichen nur das untere Kompetenzniveau, bei den Mädchen sind es 16 Prozent. Möglicherweise spielen Geschlechterstereotype im Alltag und in der Erziehung eine Rolle: 43 Prozent der Jungen in Deutschland halten Lesen für Zeitverschwendung, aber nur 24 Prozent der Mädchen - in wenigen Ländern liegen die Interessen so weit auseinander. Die Leselust mag zwar nicht erklären, wo ein Land insgesamt im Pisa-Ranking landet - wohl aber, wie sich ein einzelner Schüler im Test schlägt.

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