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Mathe-Abitur:Aufreger mit vielen Unbekannten

Der Protest gegen das Mathe-Abitur bezieht sich vor allem auf die Aufgaben in Geometrie und Stochastik.

(Foto: Antoine Dautry/Unsplash)

Das Abitur sollte durch bundesweite Aufgaben eigentlich gerechter werden, nun werden ausgerechnet diese kritisiert.

Geht es nur nach den Zahlen, ist die Protestwelle ziemlich eindrucksvoll. Zehntausende Menschen haben sich im Internet in Petitionen eingetragen, in denen Schüler aus ganz Deutschland sich über ein zu schweres Mathematik-Abitur beschweren. Allein in Bayern sind es an die 65 000 Unterstützer, deutlich mehr, als es in diesem Jahr Abiturienten gibt. Von Bayern aus ist der im Netz artikulierte Unmut seit Freitag in viele andere Bundesländer geschwappt, nach Hamburg und Niedersachsen, nach Mecklenburg-Vorpommern oder ins Saarland. Für viele Schüler beweist die Größe des Protests auch seine Berechtigung. "Es kann kein Hirngespinst aller Schülerinnen und Schüler sein", steht in der Petition aus Nordrhein-Westfalen.

So einfach ist es aber nicht. Denn die Schülerproteste führen tief hinein in jenes Reich der 16 Landesfürsten, in dem es viele Fragen gibt, aber keine einfachen Antworten: in den deutschen Bildungsföderalismus. Und die wichtigste Frage, die es zu klären gilt und an der die Kultusministerien der betroffenen Länder gerade unter Hochdruck arbeiten, lautet: Entstammt die Protestwelle einer gemeinsamen Quelle? Und wenn ja, welcher?

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Vor zwei Jahren wagten die Bundesländer einen Schritt, den viele zwar als zu zaghaft kritisierten, der aber nach den Maßstäben der föderalen Bildungsordnung fast wagemutig war. Sie schufen eine gemeinsame Sammlung von Abituraufgaben - Pool genannt -, aus der sich alle bedienen können, ergänzend zu ihren eigenen Aufgaben. Der Pool soll dazu beitragen, die Abiturnoten zwischen den Bundesländern vergleichbarer und so gerechter zu machen - zumindest ein bisschen.

Geht es immer um dieselben Aufgaben? Selbst die Ministerien können das nicht sagen

Denn erstens wird der Großteil der Leistungen, die am Ende in die Abiturnote einfließen, im Verlauf der Oberstufe erhoben; die Prüfungen machen nur ein Drittel aus. Zweitens dürfen die Länder die gemeinsamen Aufgaben noch bis 2021 verändern, um sie dem eigenen Lehrplan anzupassen. Und drittens bedeuten gleiche Aufgaben noch lange nicht gleiche Bedingungen. Im vergangenen Jahr etwa wählten Baden-Württemberg und Mecklenburg-Vorpommern zwar dieselbe Aufgabe in Englisch aus, die Schüler im Nordosten durften aber ein zweisprachiges Lexikon verwenden, die im Südwesten nur ein einsprachiges. Wie das Ganze damals ans Licht kam? Schüler aus Baden-Württemberg hatten eine Petition im Internet gestartet.

In einer Hinsicht aber hat der Pool bereits zu einer Vereinheitlichung geführt: bei den Terminen. Damit die gleichen Aufgaben in mehreren Ländern gestellt werden können, muss dies überall am gleichen Tag geschehen. Deshalb schreiben, anders als früher, seit 2017 Schüler in ganz Deutschland (mit Ausnahme von Hessen und Rheinland-Pfalz) ihr Mathe-Abitur an einem Tag. Der Pool hat den seit Freitag anhaltenden länderübergreifenden Schülerprotest so erst möglich gemacht.

Unklar ist allerdings bislang, ob es auch gemeinsame Aufgaben sind, an denen sich nun der Protest entzündet hat. Dafür sind die Angaben einzelner Schüler wie auch der Petitionen meist zu vage. Und selbst in Bayern, wo konkret "der Geometrie B Teil und der Stochastik B Teil" genannt werden, sagt das Kultusministerium: Eine exakte Ermittlung des Anteils der Aufgaben aus dem Aufgabenpool sei nicht möglich.

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Vor allem in Bayern ist die Empörung über das angeblich ungerechte Mathe-Abi groß. Wer die Aufgaben allerdings nachrechnet, merkt sehr schnell: Das war alles machbar.

Dabei ist die Frage, welche Aufgaben von den Schülern als zu schwer empfunden wurden, für die Einordnung der Proteste von großer Bedeutung. Handelt es sich vollständig oder zu großen Teilen um Aufgaben aus dem Pool? Das spräche dafür, dass die vielen Einzelproteste in Wahrheit ein großer Sammelprotest wären. Das würde nicht automatisch bedeuten, dass er gerechtfertigt wäre. Aber es würde ihn stützen. Für die Länder dagegen wäre dies ein Rückschlag in ihren Bemühungen um mehr Vergleichbarkeit. Wobei genau hingeschaut werden müsste - die Länder dürfen, siehe oben, auch die gemeinsamen Aufgaben noch bearbeiten. Bayern hat das getan, Hamburg dagegen nicht. Auch Poolaufgabe ist also nicht gleich Poolaufgabe.

Womöglich hängt es vor allem damit zusammen, wie die Fragen formuliert waren

Szenario zwei: Die Aufgaben, an denen zumindest einzelne Schüler verzweifelten, stammen nicht oder kaum aus dem Pool. Dann würde sich der Protest gegen unterschiedliche Aufgaben richten - die der Länder. Das würde ihn nicht automatisch diskreditieren - aber jenen Auftrieb geben, die wie der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, die Kritik für überzogen halten und in den Petitionen eine durch die sozialen Medien rotierende Erregungsspirale am Werk sehen.

Doch auch hier ist Vorsicht geboten, denn möglich ist auch Szenario drei: Es geht in der Hauptsache weder um die Aufgaben aus dem Pool noch um die der Länder, sondern um das, was beide gemeinsam haben: ihre Machart. Seit dem sogenannten Pisa-Schock Anfang des Jahrtausends sollen die Schulen nicht mehr nacktes Wissen vermitteln, sondern Kompetenzen. In den Prüfungen wird den Schülern nicht mehr einfach eine Rechnung serviert, sondern idealerweise eine Geschichte aus dem echten Leben, die zu dieser Rechnung führt. In der Praxis bedeutet das: mehr Text, auch in Mathe - und genau der sei nun zu lang und schwer verständlich gewesen, kritisierten viele Schüler.

Klarheit werden erst die Korrekturen bringen. Sie könnten belegen, was jetzt schon viele Lehrer annehmen: dass der Protest überzogen ist. Es könnten sich aber auch insgesamt oder stellenweise Ausschläge nach unten zeigen. Dann dürfte der Protest der Schüler Konsequenzen haben. Einzelne Aufgaben könnten aus der Wertung fliegen, die Wertung als Ganzes könnte großzügiger ausfallen. Die Hamburger Schulbehörde appelliert schon jetzt an die Regierungen der Länder, sich auf ein koordiniertes Vorgehen zu verständigen. Alleingänge würden die Bemühungen um mehr Vergleichbarkeit zurückwerfen.

Bei allen Detailfragen: Für Susanne Lin-Klitzing, als Vorsitzende des Philologenverband oberste Gymnasiallehrerin im Lande, ist die Debatte vor allem wegen des "dahinterliegenden Konflikts" interessant. Sie sieht in der Kritik den nächsten "Generationenprotest - erst Greta Thunberg, jetzt Mathe". Sie sagt: "Wir müssen uns als Gesellschaft neu darauf verständigen, was wir vom Abitur eigentlich erwarten."

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