Mathe-Abitur Wir sind jung, wir sind laut, weil ihr uns den Schnitt versaut

Während der diesjährigen Mathematik-Abiturprüfung in einer Dachauer Schule

(Foto: Niels P. Joergensen)

Der Protest gegen das bayerische Mathe-Abitur zeigt: Die Schüler haben ihre Macht entdeckt. Sie müssen aber auch bereit sein, Verantwortung zu übernehmen.

Kommentar von Paul Munzinger

Eines kann man den bayerischen Schülern, die sich über das Niveau ihres Mathe-Abiturs beschweren, schon mal nicht vorwerfen: dass sie nicht offen sagen, was sie wollen. Entwaffnend ehrlich beginnt die Petition, die im Netz bereits mehr als 50 000 Unterschriften gesammelt hat, mit dem Satz: "In den vergangenen Jahren sank das Leistungsniveau der Abiturprüfungen in Mathematik." Dann wird aufgezählt: "2016 war es anspruchsvoll, 2017 war es machbar, 2018 war es nahezu leicht und 2019 enthielt plötzlich Aufgabenstellungen, die vorher kaum einer gesehen hatte." Nicht der Lehrplan ist der Maßstab, nicht die Vorbereitung im Unterricht. Die Schüler fordern gleiche Nachsicht für alle. Oder anders gesagt: Sie wehren sich dagegen, dass der Zufall ihre Note ruiniert - weil sie eben das Pech hatten, der Klasse von 2019 anzugehören.

Wir sind jung und wir sind laut, weil ihr uns den Schnitt versaut.

Ohnmacht ist ein Gefühl, das Schüler zu allen Zeiten kennenlernen mussten und das sie auch heute immer wieder erfahren. Wenn sie für das Klima demonstrieren und erst mal belächelt werden. Wenn sie Abiturprüfungen vorgesetzt bekommen, die ihnen unangemessen schwer erscheinen. In diesem ersten Halbjahr 2019 aber entdecken Schüler in ganz Deutschland auch das entgegengesetzte Gefühl: dass ihnen die Erwachsenen zuhören, wenn sie mit einer Stimme sprechen. Dass sie Macht haben, wenn sie sich vernetzen. Die Wucht der Petition ist auch ein Beweis für die Mobilisierungskraft von Schüler-Whatsapp-Gruppen.

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Das ist gut. Es bedeutet, dass Schülerinnen und Schüler, die am vergangenen Freitag über den Aufgaben verzweifelten, mit dieser Verzweiflung nicht alleine fertig werden müssen. Es bedeutet, dass Schüler sich wehren können. Dass sie gemeinsam Protest zum Ausdruck bringen können, für den man ja oft überhaupt erst mal wissen muss, dass man nicht allein ist. Dass sie die Politik unter Druck setzen können, die in Gestalt des bayerischen Bildungsministers Michael Piazolo auch bereits eine Überprüfung der Aufgaben angekündigt hat.

Soziale Medien können auch zur Erregungsblase werden

Diese neue Macht der Schüler geht aber auch mit der Verantwortung einher, diese Überprüfung abzuwarten und am Ende das Ergebnis zu respektieren. Allein die Tatsache, dass in mehreren anderen Bundesländern bereits ähnliche Petitionen angelaufen sind, obwohl dort zum großen Teil andere Aufgaben geschrieben wurden, lässt zumindest vermuten: Jene sozialen Medien, die die Vernetzung möglich machen, können auch zur Erregungsblase werden, in der das eigene Abi im Zweifel immer das schwierigste war. Und nicht nur die sozialen Medien, sondern insbesondere auch die Eltern tragen, ganz analog, zu einem fast schon hysterischen Gewese um das Abitur bei.

Nach allem, was bisher bekannt ist, handelt es sich in Bayern nicht um eine kollektive Überreaktion. Bisher spricht aber auch wenig dafür, dass die Aufgaben den Rahmen des durch den Lehrplan Erlaubten gesprengt hätten. Wie auch immer die Überprüfung am Ende ausgeht: Die Politik hat den schweren Auftrag erhalten, den Grad der Schwierigkeit möglichst stabil zu halten, um keine Ungerechtigkeit zwischen den Jahrgängen entstehen zu lassen. Und zugleich muss sie der Versuchung widerstehen, das Niveau kontinuierlich abzusenken - aus Angst, dass auch die Klasse von 2020 wieder laut wird.

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