Digitalpakt Technik wird Lehrkräfte nie ersetzen können

Mal mehr, mal weniger sinnvoll: Computer im Unterricht.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der Einsatz digitaler Lehrmittel in den Schulen ist sinnvoll - aber mit übergroßen Erwartungen überfrachtet. Ohne gute Lehrkräfte wird es auch in Zukunft nicht gehen.

Kommentar von Paul Munzinger

Im Jahr 1983 wurde Isaac Asimov gefragt, wie er sich die Welt im Jahr 2019 vorstelle. Der amerikanische Science-Fiction-Autor, bekannt vor allem für seine Robotergesetze, sagte voraus, dass Computer die Welt erobern und den Menschen Gutes, aber auch Schlechtes bringen werden. In einem Bereich aber werde es eine Revolution zum Wohle aller geben: in der Schule. Endlich, prophezeite Asimov, könne jedes Kind lernen, was es möchte, wann es möchte und wie es möchte. Lehrer? Werden nur noch gebraucht, um den Wissensdurst der Schüler zu wecken, den diese dann zu Hause stillen können. Vor dem Computer.

Was Asimov wohl zum Ringen um den Digitalpakt gesagt hätte? Die deutsche Politik, in diesem Fall ist diese Pauschalisierung nicht nur erlaubt, sondern geboten, hat in den vergangenen Monaten ein kümmerliches Bild abgegeben. Bund und Länder bliesen die Verhandlungen über ein Fünf-Milliarden-Programm zur überfälligen Modernisierung der deutschen Schulen gemeinsam zur Schicksalsfrage des deutschen Föderalismus auf. Jetzt, da der Digitalpakt endlich vor dem Abschluss steht, ist es Zeit, den Blick von der Politik zur Pädagogik zu lenken. Denn auch hier haben die Verhandlungen viel Luftiges hervorgebracht. Was uns zurück zu Isaac Asimov bringt.

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Man darf vermuten, dass die deutschen Schulen des realen Jahres 2019 für den 1992 verstorbenen Autor eine herbe Enttäuschung wären. Doch die großen Hoffnungen, die er mit der Technik im Unterricht verband, sind quicklebendig. Heutzutage formuliert sie zum Beispiel Facebook-Chef Mark Zuckerberg. Er äußerte ebenfalls die Erwartung, dass Kinder sich dank moderner Technik eines nicht allzu fernen Tages selbst unterrichten werden. Auch in Deutschland sehen manche Bildungsexperten, einige Politiker und viele Wirtschaftsvertreter Anlass zu den größten Hoffnungen. Sie schwärmen vom Potenzial des Digitalen, um das Lernen anschaulicher, individueller und damit gerechter zu machen. Das lange Warten auf den Digitalpakt hat diese ohnehin großen Erwartungen weiter wachsen lassen, zum Teil ins Absurde.

Wissenschaftliche Erkenntnisse rechtfertigen die Euphorie bislang höchstens in Ansätzen. Die Schulen tun deshalb gut daran, sich der Technik zu öffnen und zugleich kritisch zu bleiben: Wo hilft die App weiter als das Buch? Wo vermag das Video mehr als die Tafel? Wo lockt die Technik Schüler auf Wissensgebiete, die sie sonst nie betreten hätten? Und wo bleibt sie teure Spielerei? Viele Schulen haben sich längst auf diese Suche begeben, in vielen anderen fehlten bislang schlicht die Voraussetzungen - zum Beispiel Internet. Das Geld aus dem Digitalpakt wird dort dringend gebraucht.

Gerade für Lehrer gibt es viele Gründe, sich auf diese Suche zu begeben. Denn wenn die Technik annähernd hält, was sie verspricht, wird sie ihnen Arbeit abnehmen: bei der Organisation des Unterrichts, beim Aufbereiten des Stoffs, beim Überblicken der Stärken und Schwächen ihrer Schüler. So bleibt Zeit für Wesentliches: für Fragen, für Antworten, für Gespräche - etwa darüber, warum Zukunftsprognosen aus dem Hause Facebook mit besonderer Vorsicht zu genießen sind.

Digitale Technik - hier liegen Asimov und Zuckerberg beide grandios daneben - kann und darf Lehrer nie ersetzen. Aber sie kann ihnen eine große Hilfe sein.

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