Digitalisierung der Schule Revolution sieht anders aus

Mit einem Tablet lernen Schüler nicht automatisch mehr.

(Foto: Carmen Jaspersen/dpa)

Macht Digitalisierung die Schule besser? Kaum, sagt eine Studie. Gerade in Mathe bleibt der Effekt hinter den Erwartungen zurück.

Von Paul Munzinger

Das Wehklagen über das vorläufige Scheitern des Digitalpakts Schule hat einmal mehr gezeigt, wie viel sich einige Politiker und Experten von der modernen Technik im Unterricht versprechen. Manche erwarten nicht weniger als eine Revolution des Lernens und Lehrens. Wissenschaftliche Studien rechtfertigen diese Euphorie allerdings bislang kaum. Automatisch, so lassen sie sich zusammenfassen, bringt die Digitalisierung keineswegs besseren Unterricht hervor. Zu diesem Ergebnis kommt nun auch eines der größten bildungswissenschaftlichen Projekte überhaupt: die Studie des neuseeländischen Forschers John Hattie, die er seit einigen Jahren gemeinsam mit dem Augsburger Pädagogikprofessor Klaus Zierer fortführt. Zierers Fazit zur Digitalisierung: "Den Glauben, die digitale Technik werde das Lernen revolutionieren, müssen wir zurückweisen."

Hatties Grundfrage lautete: Wovon hängt der schulische Erfolg von Kindern und Jugendlichen wirklich ab? Seine Antwort, 2009 in "Visible Learning" veröffentlicht und weltweit aufgegriffen: vor allem vom Lehrer. Waren damals etwa 800 Metastudien in seine Analyse eingeflossen - also Studien, die Studien zusammenfassen -, sind es heute mehr als 1400, die wiederum fast 84 000 Einzelstudien berücksichtigen. Die jüngste Auskopplung ist soeben erschienen. Sie zeige, dass auch digitale Medien den Kern erfolgreichen Unterrichts nicht verändern könnten. Und dieser bestehe in der Beziehung zwischen Schüler und Lehrer und dem Gespräch über das Gelernte.

Digitale Medien können Lehrkräfte nicht ersetzen

"Lernen bleibt Lernen", sagt Zierer. Positive Wirkungen durch den Einsatz moderner Technik ließen sich beim Fremdsprachenunterricht feststellen, beispielsweise durch Apps, die das Erlernen der Aussprache erleichterten. Gerade in der Mathematik oder den Naturwissenschaften aber, wo der potenzielle Nutzen digitaler Medien als besonders groß gilt, bleibe ihr Effekt "deutlich hinter den Erwartungen zurück", sagt Zierer. Zwar gebe es durchaus Techniken wie Augmented Reality, die Experimente deutlich besser veranschaulichen könnten, als dies analog möglich wäre. "Doch durch das Mehr an digitalen Medien geht häufig die wichtige Zeit für die Reflexion mit den Lernenden verloren", sagt Zierer. "Digitale Medien können den Lehrer bestärken, aber nicht ersetzen." Deutlich negativ wirken sich laut Studie die Nutzung des Smartphones und sozialer Medien in der Freizeit auf den schulischen Erfolg aus. Weil sie nicht nur Zeit fürs Lernen koste, sondern auch für die nötige Regeneration des Gehirns.

Die Studie zeigt aber auch Wege, digitale Technik mit Gewinn einzusetzen: im Rahmen des sogenannten Flipped Classroom zum Beispiel. Diese Methode setzt darauf, in der Schule mehr Zeit für die Besprechung und die Vertiefung des Stoffs zu haben - indem die reine Wissensvermittlung aus dem Unterricht ausgelagert wird. Einige Lehrer lassen ihre Schüler zu diesem Zweck zu Hause Videos anschauen. Die Methode kann laut Studie sehr gut funktionieren - es hängt, natürlich, vom Lehrer ab.

Studium Der Professor und sein Robo-Assistent

Studium

Der Professor und sein Robo-Assistent

An der Uni Marburg experimentiert der Anglist Jürgen Handke mit Robotern in der Lehre. Der Gipfel der Digitalisierung - doch Handke und sein Team besteigen ihn allein.   Von Susanne Klein