College-Kultur in den USA:Angriff auf den akademischen Kern

Den Angriff auf den Kern hat im Sommer der Anglist und Literaturkritiker William Deresiewicz geführt. Anfang August stand auf dem Titelbild des Magazins The New Republic die Fahne der Harvard University in Flammen. "Don't send your kid to the Ivy League", schrie die Überschrift, Unterzeile: "A better education - and a better life - lies elsewhere." Online wurde der Text auf einen Schlag zum meistgelesenen in der Geschichte des Magazins.

Und im Herbst ließ Deresiewicz dann das Buch folgen, das die These ausführlich ausrollt (Excellent Sheep: The Miseducation of the American Elite and the Way to a Meaningful Life. Free Press, New York 2014). Sie lautet, sehr kurz gefasst: Die Fixierung darauf, es durch die brutalen Auswahlschleusen bis hoch in die Ivy League und dadurch mutmaßlich ins Lager derjenigen zu schaffen, die sich über Geld keine Sorgen mehr machen müssen, produziere überangepasste Strebernaturen, töte Neugier, Abenteuergeist und Kreativität und stürze ganze Familien ins Unglück.

Christopher Benfey, der das Buch für die New York Review of Books besprach, erwähnt zwar süffisant, dass Deresiewicz nach zehn Jahren Lehre in Yale seine "Tenure", also faktisch seine Verbeamtung dort verweigert bekam, insinuiert also Verbitterung als Motiv, aber den Befunden hat er im Kern auch nur anzufügen, dass das alles nicht nur für die Ivy League gilt, sondern im Prinzip für alle guten Universitäten in den USA.

Wettrüsten in den Lebensläufen

Die Professoren klagen und spotten über das Wettrüsten in den Lebensläufen, aber letztlich traue sich doch keiner in den Auswahlkommissionen, einen Bewerber durchzuwinken, der nicht zusätzlich zu seinen Bestnoten noch irgendetwas mit sozialem Engagement in Mittelamerika zu verbuchen hat, auch wenn sie wissen, dass das im Zweifel nicht mehr als ein Strandurlaub mit Slumbesichtigung gewesen sein dürfte.

Es ist dieser Zwang zum Overselling, der nach Ansicht von Insidern völlig außer Kontrolle geraten sei. Aber die Universitäten wollen eben auch "character building" sehen und nicht nur Testergebnisse, auf die sich manche Kinder besser abrichten lassen, manche weniger. Aber abgerichtet wird in jedem Fall. Was bleibt den Leuten auch übrig?

Verblüffend ist nur, wie früh das schon los geht. Ab der Grundschule? Ab der ersten Klasse? Schön wäre es. Der Schulunter-richt beginnt in den USA im Kindergarten. Der deutsche Begriff Kindergarten be-zeichnet das Vorschuljahr für Fünfjährige, es gibt aber auch für dieses Kindergarten-jahr noch ein Vorschuljahr für die Vierjäh-rigen, Pre-Kindergarten, kurz: Pre-K. Schon müssen Bildungsexperten in Gast-artikeln für die New York Times daran erinnern, dass Vierjährige, ob man es glaube oder nicht, tatsächlich noch Kleinkinder seien, die lieber spielen als zu pauken.

Pre-K ist ein zentrales Schlagwort in der New Yorker Lokalpolitik, seit Bürgermeister Bill de Blasio damit Wahlkampf gemacht hat, die öffentliche Bezuschussung für die Kosten eines Pre-K-Platzes wieder einzuführen, der Bildungsgerechtigkeit wegen, die am Ende immer soziale Gerechtigkeit ist.

Wer aber nun in New York zu einer Schulbesichtigung geht, wo sie einem zeigen, wie schön schon die Vierjährigen es in ihren Klassenräumen haben, nur um dann gesagt zu bekommen, dass die meisten dieser Plätze bereits reserviert seien für Kinder, die hier schon als Zweijährige in die "Child Care" gegeben wurden, für zwanzig- bis dreißigtausend Dollar im Jahr: Der begreift, woher hier die harten Züge in den Gesichtern junger Mütter kommen. Der begreift auch, warum man hier müde Väter ganze Nächte lang Schlange stehen sieht, um ihre Kinder im richtigen Summer Camp unterzubringen.

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