Süddeutsche Zeitung

College-Kultur in den USA:Der Efeu welkt

Harvard, Yale oder Princeton galten lange als Ideal der Universitätskultur. Doch die amerikanischen Eliteuniversitäten sitzen auf der Anklagebank - wegen Rassismus, sexueller Gewalt und einer Erziehung zur Anpassung.

Von Peter Richter, New York

Soeben ist in den USA ein Debütfilm in die Kinos gekommen, der die Kritiker begeistert wie selten mal eine Komödie, noch dazu aus dem ausgeleierten Subgenre College Movie. Das liegt auch daran, dass der Film eine Hauptprotagonistin hat, die diesen Kritikern im Zweifel gleich einmal diese Begeisterung dermaßen um die Ohren hauen würde, dass sie sich was schämen.

"Dear White People" von dem erst 31 Jahre alten Justin Simien spielt an der imaginären Ivy-League-Universität Winchester und dreht sich um eine Handvoll schwarzer Studenten, die sich damit auseinanderzusetzen haben, dass ihre weißen Kommilitonen sich zu Halloween-Parties johlend schwarz anmalen und Afro-Perücken aufsetzen, und dass die Universitätsleitung aus Sorge um den Ruf bei ihren Geldgebern aggressiv leugnet, es könnte auf dem Campus ein Problem geben, das auf den bösen alten Namen Rassismus hört.

Die Protagonistin hat deswegen ein Pamphlet verfasst: "Ebony & Ivy: a Survival Guide to Keep from Drowning in a Sea of White People." Es ist ein sarkastisches Quizspiel: Gibst du der weißen Mensa-Kellnerin, die davon ausgeht, dass du als schwarzer Quotenstudent sowieso mit dem Trinkgeld knauserst, A: extrawenig, B: ganz normal - oder D: extra viel Trinkgeld? Es ist, tatsächlich, eine Komödie, allerdings eine, bei der die einen irgendwann aufhören, auf ihre eigenen Kosten auch noch mitzulachen.

Ebenholz und Efeu

Die eigentliche Pointe ist allerdings die, dass, während der Film entstand, wirk-lich ein Buch herauskam, das "Ebony & Ivy" heißt und von den realen Ivy League-Universitäten handelt, vor allem den ältesten, die unter diesem Begriff zu einem exklusiven Club zusammengefasst sind: Harvard, Yale, Princeton, Columbia, Dartmouth und so weiter.

Geschrieben hat es Craig Steven Wilder, Geschichtsprofessor am Massachusetts Institute of Technology, und der Untertitel lautet: "Race, Slavery, and the Troubled History of America's Universities" (Bloomsbury, New York). Wenn Wilders Buchtitel das Ebenholz und das Efeu zusammenspannt, die Metapher für dunkle Haut und die für die Riege der prestigeträchtigsten Universitäten an der Ostküste, dann geht es nicht um die Präsenz von Schwarzen in Harvard, Yale oder Princeton heute.

Universitäten als dritter Pfeiler der Sklaverei

Es geht darum, dass Harvard, Yale und Princeton von der Ausbeutung afrikanischer Sklaven profitierten. Dass ihr Grundstock zum Teil von Sklaven erwirtschaftet wurde. Dass diese Universitäten selber Sklaven hielten. Dass sie auch später noch ihre Absolventen in die Plantagenstaaten des Südens schickten und dankbar deren Zuwendungen nahmen. Amerikas Eliteuniversitäten waren neben dem Staat und der Kirche der dritte Pfeiler der Sklaverei, die geistige Freiheit der einen gründet auf den Fesseln der anderen.

Das ist ein schwer erträgliches Buch. Man hatte sich angewöhnt, diese Dinge getrennt von einander wahrzunehmen; die zerpeitschten schwarzen Rücken in den Baumwollfeldern des Südens sind die eine Geschichte, die traditionsüberwucherten Wissenspaläste im Nordosten sind eine andere, erfreulichere. Das ist nun nicht mehr möglich: Es ist die gleiche.

Schreckliche neue College-Welt

Wer seinen eigenen Abschluss in der Waschbeton-Welt westdeutscher Reform-Universitäten gemacht hat und wie einen Steuerbescheid oder ein Mahnschreiben zugestellt bekam, wird trotzdem immer mit einem feuchten Schleier in den Augen über so einen Campus wandern. Aber heute alles daran setzen, das eigene Kind in so etwas unterzubringen? Schwierig, wenn man zurzeit die amerikanischen Medien verfolgt. Die Schatten des rassistischen Erbes spielen dabei im Augenblick aber noch die geringste Rolle, die sind ohnehin immer ein Dauerthema in allen amerikanischen Gesellschaftssphären.

Was das Land bewegt, ist "Campus Rape". Nachrichten über Vergewaltigungen im Studentenwohnheim gehören inzwischen fast schon genauso zum mythischen Grundbestand von Amerikas Universitäten wie der grüne Rasen, die Football Mannschaften, die sexuell übergriffigen Aufnahmeschikanen der Studentenverbindungen ("Hazing") und deren feuchte Feiern, die diesen Ver-gewaltigungen oft voraus gehen.

Eine New Yorker Kunststudentin, die seit Wochen demonstrativ die Matratze über den Campus der Columbia University schleppt, auf der sie erst einvernehmlich, dann jedoch gegen ihren Willen mit einem Kommilitonen Sex gehabt habe, war das Titelbild des New York Magazins und der Gegenstand einer großen Reportage in der New York Times.

Ein Gesetz muss den Sex regeln

In Kalifornien ist Ende August ein Gesetz erlassen worden, wonach nicht nur nicht "Nein", sondern laut und klar "Ja" gesagt werden muss, bevor auf dem Campus straffrei Sex gehabt werden darf. Kaliforniens Senate Bill Nummer 967 will nicht weniger, als die Definition von "einvernehmlichem Sex" in die Ausdrücklichkeit einer eidesstattlichen Versicherung überführen. Zu oft war offensichtlich nach Ansicht der Senatoren beim Feiern auf dem Campus ein Nein als Ja fehlinterpretiert worden.

Sogar der Football, stets Stolz und Zierde jeder Universität und Freude der Sports-freunde im ganzen Land, denn beim College Football geht es im Gegensatz zur Profiliga wirklich um etwas (nämlich um den gladiatorenhaften Kampf überwiegend schwarzer junger Männer, es in die Beamtenexistenz eines amerikanischen Football-Profis zu schaffen), sogar dieses amerikanische Nationalheiligtum steckt derzeit in einer massiven PR-Krise.

Diesen Herbst sind allein drei junge Football-Spieler innerhalb einer Woche an den Folgen ihres Sports gestorben, und auch in dem Land, das derlei lange als Gerede verweichlichter Europäer abtat, werden die Warnungen der Ärzte vor den Langzeitschäden vernehmlicher, denn ständige Erschütterungen des Kopfes lassen auf Dauer offenbar nicht nur den Unterschied zwischen Ja und Nein ein bisschen schwummerig werden.

Es wäre nun schön, wenn man sagen könnte, dass das alles nur folkloristisches Beiwerk ist und nicht den Kern der Universitäten anrührt, das Lehren, das Lernen, das Forschen, so wie das Studentenleben schließlich auch im Heidelberg des 19. Jahrhunderts als feucht und fragwürdig galt, die Universität hingegen als exzellent und ehrenwert. Aber das ist leider nicht so.

Angriff auf den akademischen Kern

Den Angriff auf den Kern hat im Sommer der Anglist und Literaturkritiker William Deresiewicz geführt. Anfang August stand auf dem Titelbild des Magazins The New Republic die Fahne der Harvard University in Flammen. "Don't send your kid to the Ivy League", schrie die Überschrift, Unterzeile: "A better education - and a better life - lies elsewhere." Online wurde der Text auf einen Schlag zum meistgelesenen in der Geschichte des Magazins.

Und im Herbst ließ Deresiewicz dann das Buch folgen, das die These ausführlich ausrollt (Excellent Sheep: The Miseducation of the American Elite and the Way to a Meaningful Life. Free Press, New York 2014). Sie lautet, sehr kurz gefasst: Die Fixierung darauf, es durch die brutalen Auswahlschleusen bis hoch in die Ivy League und dadurch mutmaßlich ins Lager derjenigen zu schaffen, die sich über Geld keine Sorgen mehr machen müssen, produziere überangepasste Strebernaturen, töte Neugier, Abenteuergeist und Kreativität und stürze ganze Familien ins Unglück.

Christopher Benfey, der das Buch für die New York Review of Books besprach, erwähnt zwar süffisant, dass Deresiewicz nach zehn Jahren Lehre in Yale seine "Tenure", also faktisch seine Verbeamtung dort verweigert bekam, insinuiert also Verbitterung als Motiv, aber den Befunden hat er im Kern auch nur anzufügen, dass das alles nicht nur für die Ivy League gilt, sondern im Prinzip für alle guten Universitäten in den USA.

Wettrüsten in den Lebensläufen

Die Professoren klagen und spotten über das Wettrüsten in den Lebensläufen, aber letztlich traue sich doch keiner in den Auswahlkommissionen, einen Bewerber durchzuwinken, der nicht zusätzlich zu seinen Bestnoten noch irgendetwas mit sozialem Engagement in Mittelamerika zu verbuchen hat, auch wenn sie wissen, dass das im Zweifel nicht mehr als ein Strandurlaub mit Slumbesichtigung gewesen sein dürfte.

Es ist dieser Zwang zum Overselling, der nach Ansicht von Insidern völlig außer Kontrolle geraten sei. Aber die Universitäten wollen eben auch "character building" sehen und nicht nur Testergebnisse, auf die sich manche Kinder besser abrichten lassen, manche weniger. Aber abgerichtet wird in jedem Fall. Was bleibt den Leuten auch übrig?

Verblüffend ist nur, wie früh das schon los geht. Ab der Grundschule? Ab der ersten Klasse? Schön wäre es. Der Schulunter-richt beginnt in den USA im Kindergarten. Der deutsche Begriff Kindergarten be-zeichnet das Vorschuljahr für Fünfjährige, es gibt aber auch für dieses Kindergarten-jahr noch ein Vorschuljahr für die Vierjäh-rigen, Pre-Kindergarten, kurz: Pre-K. Schon müssen Bildungsexperten in Gast-artikeln für die New York Times daran erinnern, dass Vierjährige, ob man es glaube oder nicht, tatsächlich noch Kleinkinder seien, die lieber spielen als zu pauken.

Pre-K ist ein zentrales Schlagwort in der New Yorker Lokalpolitik, seit Bürgermeister Bill de Blasio damit Wahlkampf gemacht hat, die öffentliche Bezuschussung für die Kosten eines Pre-K-Platzes wieder einzuführen, der Bildungsgerechtigkeit wegen, die am Ende immer soziale Gerechtigkeit ist.

Wer aber nun in New York zu einer Schulbesichtigung geht, wo sie einem zeigen, wie schön schon die Vierjährigen es in ihren Klassenräumen haben, nur um dann gesagt zu bekommen, dass die meisten dieser Plätze bereits reserviert seien für Kinder, die hier schon als Zweijährige in die "Child Care" gegeben wurden, für zwanzig- bis dreißigtausend Dollar im Jahr: Der begreift, woher hier die harten Züge in den Gesichtern junger Mütter kommen. Der begreift auch, warum man hier müde Väter ganze Nächte lang Schlange stehen sieht, um ihre Kinder im richtigen Summer Camp unterzubringen.

Eintrittspunkte in geschlossene Systeme

Es geht um "entry points", um Eintrittspunkte in geschlossene Systeme. Es geht darum, das Kind in den richtigen Kindergarten zu kriegen, damit es auf die richtige Schule kommt und es anschließend in die richtige High School schafft. Und die Zahl der High Schools, aus denen die besten Universitäten des Landes ihre Studenten ziehen, ist, gemessen an der Größe des Landes, verblüffend überschaubar.

Warum dieses frustrierende Gerangel so wichtig ist? Es gibt die vielen guten Universitäten, deren Abschlüsse in der Regel sehr ordentliche Job-Chancen versprechen. Und es gibt sehr, sehr viele Universitäten, bei denen das nicht ganz so ist. Die Diskrepanz zwischen den guten und den weniger guten Universitäten, sagen Leute, die beide Systeme kennen, ist in den USA wesentlich größer als zum Beispiel in Deutschland.

Wer wirklich gut, aber leider nicht reich ist, dem wird auch an der Ivy League finanziell unter die Arme gegriffen. Wer reich ist und immerhin auch gut genug, angenommen zu werden, hat es eh am besten. Und für alle anderen ist es immerhin ein vertretbares Risiko, einen Kredit aufzunehmen, um an einer der guten Universitäten Amerikas zu studieren. Mit den Berufsaussichten als Absolvent einer der nicht so guten Universitäten stehen die Chancen, das Geld zurückzahlen zu können, deutlich schlechter. Und wenn man Versicherungs- und Bankfachleute in New York unter der Hand reden hört, muss man fast schon davon ausgehen, dass nach den Hauskrediten die Studienkredite die nächste Blase sein werden, die platzt.

Kein Grund für deutsche Schadenfreude

Klingt alles wie ein Trost für die Ohren geplagter deutscher Eltern und Bildungspolitiker? Nein, ein Grund für Selbstzufriedenheit oder gar Schadenfreude ist es eher nicht. Vielmehr ist es ja oft so, dass in den USA schon Dinge angesprochen und ausdiskutiert werden, von denen bei uns noch nicht einmal bekannt ist, dass sie ein Problem sein könnten.

Und wer als Deutscher das Privileg hat, an einer Ivy League Universität zu lehren, wie der politische Philosoph Jan-Werner Müller, gibt zu bedenken, dass Überbürokratisierung und Verschulung durch den Bologna-Prozess den deutschen Universitäten nicht unbedingt einen Wettbewerbsvorteil eingebracht haben: Die Universitäten in den USA seien angenehm unbürokratisch, wo das Land an sich ja oft eher bürokratischer sein kann als alles, was man aus Europa kennt. "Diese Universitäten ermöglichen den Forschenden eine Art von Einsamkeit und Freiheit, die im deutschen Kontext häufig so nicht mehr gegeben ist."

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Quelle:
SZ vom 22.11.2014/khil
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