Bildungsreformen:Es liegt auch am Geld

Zum Lern- und Lebensraum Schule gehören auch bessere Bedingungen: Eifrig melden sich Politiker zu Besuchen an Schulen an, wenn dort etwa ein Schülerlabor eingerichtet wird. Genau andersherum sollte es sein: Auf solche und andere Zusatzangebote muss jede Schule Zugriff haben - und der Minister dorthin fahren, wo das nicht der Fall ist.

Auch Ganztagsbetreuung muss mehr bieten als einen vollen Magen und ein bisschen Hausaufgabenhilfe am Nachmittag. In einer Studie des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung sagten mehr als ein Drittel der Ganztagsschulleiter: Die Ressourcen bei Personal, Räumen und Budget entsprächen gar nicht dem eigentlichen Konzept ihrer Ganztagsschule. Das darf nicht sein.

Es liegt also auch am Geld. Der Status quo verfehlt Grundlegendes, selbst in reicheren Bundesländern. Laut Schätzungen fallen hierzulande eine Million Schulstunden pro Woche aus. Dabei bräuchte jeder Schulleiter einen Personalstand mit Überkapazität - für bessere individuelle Förderung, für zwei bis drei Lehrer pro Klasse, wenn nötig. Und damit Pädagogen Fortbildungen absolvieren können, ohne dass derweil an ihrer Schule weiter Stunden ausfallen.

Bei den Pisa-Studien richtet sich der Blick meist nach Finnland. Dort steht den Schülern, und vor allem eben den schwächeren, eine Armada aus Lehrern, Sozialarbeitern, Betreuern, Trainern, Psychologen und Assistenten zur Seite. Die Leistungsergebnisse passen dort, weil auch die Bildung passt: Sie ist passgenau.

Und eine solche Versorgung benötigen auch die Gymnasien zunehmend. Die Schülerschaft dort ist so heterogen wie nie - kein Wunder bei Übertrittsquoten von 40 Prozent und mehr nach der vierten Klasse. Das Gymnasium ist, im Wortsinn, die neue "Hauptschule" und damit ein Ort, wo alle gesellschaftlichen Probleme stattfinden.

Wege, wie Schule besser werden kann

Welche Bildung brauchen unsere Kinder wirklich? Für dieses Thema haben sich die meisten Leser auf SZ.de bei der Abstimmung zum Projekt "Die Recherche" entschieden. Von diesem Montag an geht es eine Woche lang um Schule. Dabei kommen diejenigen zu Wort, die es betrifft: Jugendliche, Lehrer, Eltern und Experten. Sie sollen keinen Umsturz vorbereiten, sondern Wege aufzeigen, wie Schule besser werden kann.

Denn zwei Dinge sind klarzustellen: Schule und die junge Generation sind nicht dem Untergang geweiht, wie es gern dargestellt wird. Die "Generation Internet", die angeblich keinen anständigen Satz mehr schreiben kann, die tabulose "Generation Porno", die maßlose "Generation Komasaufen" oder die "Generation Scheißegal", angeblich ohne Interesse an der Politik, dafür an Konsum und Smartphones. Man kann es schon nicht mehr hören.

Wer in Schulen geht, wer mit Jugendlichen spricht, wer sich auf die Schülergeneration einlässt - der erkennt, welch großer Schatz die Jugend ist. Vom Studierzimmer des Philosophen aus verfasste Bücher behaupten, dass eine Schulrevolution nötig, dass das System irreparabel kaputt sei. Das ist falsch, und es ist ein Affront gegen Hunderttausende Lehrer, die jeden Tag ihr Bestes geben, trotz widrigster Umstände.

Oft muss der Schatz jedoch erst gehoben werden. Die Leistungen der Grundschüler in Kernfächern liegen, so jüngste Studien, über dem europäischen Durchschnitt und auch bei Pisa gab es stetig Verbesserungen. Besorgniserregend sind andere Zahlen, auch wenn es allmählich abgedroschen klingen mag: Deutschland zählt nach wie vor zu den Ländern, in denen der Bildungserfolg ganz stark - zu stark - vom Elternhaus abhängt. So sind die Viertklässler aus Haushalten mit "mehr als hundert Büchern" denen mit weniger Büchern im Schnitt um ein Jahr beim Lernen voraus. Außerdem erreichten zuletzt sechs Prozent aller Schüler gar keinen Abschluss, in manchen neuen Bundesländern mehr als jeder Zehnte.

Wie ein Land bei der Bildung dasteht, zeigt sich gerade an den Schwachen. Nötig sind Renovierungen an der Substanz, was, wie und wo Kinder lernen und wie man Schwächere besser fördert. Aber nicht die Abrissbirne für das ganze System. Und auch nicht nur ein neuer Anstrich.

Die Recherche zum Schulsystem: Bildung, wie wir sie brauchen

"Welche Bildung brauchen unsere Kinder wirklich?" - das wollten unsere Leser in der zweiten Runde von Die Recherche wissen. Mit einer Reihe von Artikeln versuchen wir diese Frage zu beantworten.

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