Gewalttat in Wunsiedel:Wann endet das Schweigen?

Gewalttat in Wunsiedel: Der Angeklagte im Fall eines toten Mädchens in Wunsiedel schweigt weiterhin vor Gericht.

Der Angeklagte im Fall eines toten Mädchens in Wunsiedel schweigt weiterhin vor Gericht.

(Foto: Daniel Vogl/dpa)

Ein Junge, heute zwölf, soll in einem Kinderheim ein zehnjähriges Mädchen getötet haben - wie er sagt, nachdem er von dem mutmaßlichen Vergewaltiger des Mädchens dazu gedrängt worden war. Und der? Sagt als Angeklagter vor Gericht weiterhin nichts.

Von Max Weinhold, Hof

Es hat mehr als zwei Verhandlungstage gedauert, bis der Angeklagte erstmals so etwas wie eine Regung zeigt. Bis jetzt hat er auf den Boden gestarrt wie in einen Abgrund, pausenlos, stundenlang. Bei der Anklageverlesung. Während des in seinen Details erschütternden Geständnisses, das sein Verteidiger für ihn zum Prozessauftakt in der vergangenen Woche verlesen hat. Und Anwesenden zufolge auch, als am Dienstag unter Ausschluss der Öffentlichkeit der zwölfjährige Junge ausgesagt hat, der in einer Aprilnacht vergangenen Jahres dabei gewesen sein soll, als der Angeklagte laut Staatsanwaltschaft ein zehnjähriges Mädchen vergewaltigt hat. Der Junge, der das Mädchen danach den Erkenntnissen der Ermittler zufolge getötet hat.

Am Mittwoch, dem dritten Verhandlungstag am Landgericht Hof, sagen abermals Polizisten als Zeugen aus, die am Tatort waren, Spuren gesichert und Aufnahmen angefertigt haben. Auf einem Flachbildfernseher im Gerichtssaal sind Fotos aus dem Bad zu sehen, durch dessen geöffnetes Fenster der Mann in das Heim gelangt sein soll. Und Bilder aus dem Raum des Jungen, in dem eine Erzieherin das tote Mädchen fand. Christopher Feulner, der Vorsitzende Richter, hat auf einige der Fotos Zettelchen geklebt, damit man den Leichnam auf dem Boden nicht sieht. Auf einem Bild liegt neben einem grünen Spielzeug-Sportwagen ein LED-Band, eine Art Lichterkette, mit dem der Junge das Mädchen getötet haben soll.

Am Nachmittag ist eine Sachverständige des bayerischen Landeskriminalamtes gekommen, sie berichtet en détail, wo ihre Analysen wie viel DNA von wem zeigten. An dem LED-Band fanden sich Spuren des Mädchens, vor allem aber des Jungen. Genau wie am Rücken des Mädchens. An seinen Beinen und am Hals stellte die Polizei die DNA des Jungen und des Angeklagten fest, im Mund nur die des Mannes. Auch Spermaspuren fanden die Ermittler hier.

Während die Kriminalpolizistin das erzählt, sinkt der kahl geschorene Kopf des zweifachen Vaters auf der Anklagebank in dem Glaskasten auf der linken Seite des Gerichtssaals noch ein Stück weiter nach unten, in seinem Fall muss man das als Regung werten. Wie er da so kauert mit leerem Blick, fast apathisch, weiß man gar nicht so recht, ob er all das wahrnimmt, was da gesagt wird bei Gericht.

Zum Beispiel, was die Polizisten berichten von dem Tag, als sie sein Haus durchsuchten, von dem Tag seiner Festnahme, dem 27. April 2023. Dreieinhalb Wochen nach dem Tod des Mädchens, morgens bei der Arbeit. Über den Streamingdienst Amazon hatten die Ermittler erfahren, dass der Mann einen gestohlenen TV-Empfänger des Herstellers nutzte. Sie durchsuchten das Haus damals primär, weil sie einem mutmaßlichen Einbrecher auf der Spur waren, der Baucontainer aufgebrochen, Elektrogeräte und Werkzeug gestohlen und zur Beseitigung seiner Spuren einen Container angezündet haben sollte. Dass er aber auch mit dem Tod des Mädchens in Verbindung stehen könnte, ahnten sie da offenbar bereits, nahmen eine Probe seiner DNA. Und stellten fest: Es war dieselbe wie jene, die Polizisten bei den Einbrüchen sichergestellt hatten - und am Leichnam des Mädchens.

"Bring die jetzt um, sonst verrät die uns!"

Mehr Regung als bei der Aussage der LKA-Beamtin zeigt der Angeklagte an diesem Tag nicht. Auch sonst ist alles gleich: Der mittlerweile 26-Jährige, der nach schwieriger Kindheit und Jugend selbst zweimal in der Unterkunft in Wunsiedel lebte, trägt dieselbe blaue Hose wie immer, dasselbe türkisblaue Hemd, Handschellen und Fußfesseln. Und schweigt.

Obwohl der Junge ihn ja am Vortag erneut beschuldigt hat. Ihm zufolge soll der Erwachsene, nachdem er im Beisein des Jungen onaniert und danach das von dem Jungen aufgeweckte Mädchen vergewaltigt haben soll, gesagt haben: "Bring die jetzt um, sonst verrät die uns!" Damit widersprach der Junge dem Angeklagten, der zu Beginn erklären lassen hatte, er sei nach der Vergewaltigung "sofort" hochgeschreckt und habe das Heim verlassen.

Auch in früheren Vernehmungen hat der Junge nach SZ-Information trotz abweichender Schilderungen zum Ablauf der Nacht diese eine Aussage wiederholt: dass er bedroht und vom Angeklagten zu dem Tötungsdelikt gedrängt worden sei. Die Tat selbst gestand der Junge am Dienstag seinem Anwalt und Nebenklagevertreter Michael Hasslacher zufolge erneut: Ja, er habe das Mädchen mit einem LED-Band erdrosselt. Aber eben erst, nachdem der Mann ihn dazu gedrängt habe. Und während der Mann noch in dem Zimmer gewesen sei.

Ob sich der Angeklagte zu einem späteren Zeitpunkt noch persönlich zu diesem Vorwurf äußern wird, bleibt abzuwarten. Bis auf Weiteres werde er nichts sagen, teilt sein Verteidiger Maximilian Siller am Mittwoch auf SZ-Nachfrage mit.

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