bedeckt München 22°

"Das Riesending":Doku-Thriller über die Unglückshöhle im Untersberg

Filmpremiere Freddie Röckenhaus Das Riesending Filmtheater Sendlinger Tor München

Johann Westhauser ist Teil der Crew, deren Suche nach dem Ausgang der Riesendinghöhle nun auf Leinwand zu sehen ist.

(Foto: Filmwelt Verleihagentur, Wolfgang Zillig)

Die prominente Forschergruppe um den vor sieben Jahren verunglückten Johann Westhauser lässt sich erstmals von Kameras in die Riesending-Höhle begleiten.

Von Korbinian Eisenberger

Er hat nie das Scheinwerferlicht gesucht. Es sei denn, es gehörte zur Stirnlampe eines Höhlenkameraden. "Wir sind sehr lichtscheue Geschöpfe", sagt Thomas Matthalm. Und doch steht er nun vor dieser Kinoleinwand und blinzelt Rampenlicht und Zuschauern entgegen. Seit der spektakulären Rettungsaktion seines Kameraden Johann Westhauser aus der tiefsten Höhle Deutschlands hat Matthalm unzählige Anfragen bekommen.

Und eigentlich, sagt Matthalm, habe er auch "versucht, diesen Freddie Röckenhaus aus Dortmund abzuwimmeln". Der Filmemacher Röckenhaus, der freiberuflich auch für den SZ-Sport arbeitet, aber ließ nicht locker. So gelang es, die vielleicht öffentlichkeitsscheuste Forschergruppe des Landes von einem Dokumentarfilm zu überzeugen, der nun in den Kinos läuft. Vom Schatten der Höhle ins Lichtspielhaus.

Seit Juli läuft "Das Riesending - 20 000 Meter unter der Erde" in Bayerns Kinos. Ein Doku-Thriller, der den Zuschauer mit hinein nimmt in die 1000 Meter tiefe und 20 Kilometer lange Riesending-Höhle bei Berchtesgaden. In 90 Minuten begeben sich fünf Forscher auf eine in vielerlei Hinsicht einzigartige Mission: Nach 20 Jahren Forschung wollen sie endlich den Ausgang der Höhle entdecken, von dem sie überzeugt sind, dass es ihn gibt. Erschwerend kommt hinzu, dass sie sich dabei mit Spezialkameras für eine Kinoproduktion filmen - ohne Kameramann im Team. Mehr als 80 Prozent der Aufnahmen übernahm Thomas Matthalm, einer der erfahrensten Höhlenforscher, aber Dreh-Laie. Bei der München-Premiere erklärt der 44 Jahre alte Unternehmensberater: "Von uns hatte vorher keiner jemals eine Kamera in der Hand."

Fünf Wissenschaftler, ein Regisseur und 80 Gäste kommen zu diesem Anlass im großen Kinosaal am Sendlinger Tor zusammen. Die Quote an Kletter-und Berg-Outfits ist deutlich höher als sonst in diesen Sälen. Es geht um die Frage, wie gut ein Film ohne Filmcrew sein kann, noch dazu, wenn die Lichtbedingungen so kompliziert sind wie kaum wo anders. Und um die Frage, wie sich der jetzt 60 Jahre alte Johann Westhauser sieben Jahre nach seinem beinahe tödlichen Unfall in dieser Höhle erholt hat. Auch er ist Teil dieser Mission.

Tatsächlich sind während der Reise tief hinein in den Abgrund nie dagewesene Bilder von überraschend hoher Qualität entstanden. Mal sieht man zwar den Schatten des Filmers an der Bergwand, doch nie zuvor ließ sich erahnen, wie gleichermaßen unheimlich und schön sich die unterirdische Parallelwelt im Untersberg erstreckt. Die Forscher führen durch die geheimnisvolle Schattenwelt, die das Wasser in den Kalkfels gewaschen hat und selbst den Menschen in der Region meist nur aus Sagen bekannt ist. Dank Speziallicht-Kameras lässt sich erstmals erahnen, was einen da unten erwartet.

Der Zuschauer ist für 90 Minuten Teil der sechstägigen Mission. Man ist wie im Fels gefangen, so nah dran ist die Kamera, wenn die Forscher durch klaustrophobisch enge Schächte robben. Gesprochen wird allenfalls bei der Nudelsuppe im Biwak, ansonsten bleibt den Abenteurern für Worte kaum Energie. Der Film braucht das auch nicht, die Bilder sprechen für sich. Auch die Stimme aus dem Off hält sich zurück. So weit, dass der Unfall 2014 und die kostspielige Rettungsaktion nur kurz thematisiert werden. Auf die Abwägungsfrage wird verzichtet: Ob Aufwand, Risiko und Nutzen im Verhältnis stehen?

Diese Frage wirft - in Ansätzen - ein etwa zehnjähriges Mädchen in Reihe zwei auf: Was eigentlich die Forschungsergebnisse dieser Mission waren? Der Film beantwortet diese Frage tatsächlich weniger. Dafür eine andere: Warum Menschen vom Licht in den Schatten steigen, wo Abenteuer lauern, die noch niemand entdeckt und erlebt hat.

© SZ vom 20.07.2021/vewo
Zur SZ-Startseite
Mond hinter Untersberg

Dem Geheimnis auf der Spur
:Löchriger Riese

Europas Herz-Chakra, Zeitloch, Terra incognita: Um den Untersberg, das Bergmassiv zwischen Berchtesgaden und Österreich, ranken sich Mythen und Legenden.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB