Dem Geheimnis auf der Spur:Löchriger Riese

Mond hinter Untersberg

Verheißungsvoll auch bei Nacht: Der Gipfel des Untersbergs.

(Foto: Barbara Gindl/picture alliance/dpa/APA)

Europas Herz-Chakra, Zeitloch, Terra incognita: Um den Untersberg, das Bergmassiv zwischen Berchtesgaden und Österreich, ranken sich Mythen und Legenden.

Von Florian Welle

"Ein Mensch sollte auch keine Skrupel hegen", schrieb Francis Bacon, "in diese Löcher und Ecken (der Natur) hineinzugelangen, wenn die Erforschung der Wahrheit sein einziges Ziel ist". Die Frage nach der Wahrheit, die der Philosoph mit Blick auf die Geheimnisse der Natur forsch aufs Papier warf, stellt sich am Untersberg im Grenzgebiet zwischen Berchtesgaden und Salzburg bis heute. Zwei Drittel des 70 Quadratkilometer großen, wie ein Riegel in der Landschaft liegenden Bergmassivs mit dem Berchtesgadener Hochthron (1972 Meterals höchstem Gipfel gehören zu Bayern, ein Drittel zu Österreich.

Über kaum einen anderen alpenländischen Berg erzählt man sich so viele Sagen und Mythen wie über den Untersberg. Für nicht wenige ist er, um mit Friedrich Schillers Sentenz "In die Tiefe musst du steigen, soll sich dir das Wesen zeigen" zu sprechen, ein energetisch aufgeladener Kraftort par excellence. Schon lange hat sich für ihn daher der Name Wunderberg eingebürgert. Esoteriker aller Couleur werden von ihm magisch angezogen. Andere besuchen eine der Wallfahrtskirchen. Einige wandern auch nur - sagt man.

Auch wenn es Widerspruch gibt, wird immer wieder eine Aussage des Dalai Lama zitiert, der 1992 bei einem Besuch vom Untersberg als Europas Herz-Chakra gesprochen haben soll. "Ich habe mir den Text der Rede angesehen", hat der Salzburger Geologe und Untersberg-Kenner Christian Uhlir 2014 gegenüber den Salzburger Nachrichten erklärt, "dort steht kein Wort davon".

Für Wissenschaftler ist der Berg, der im Inneren wegen seines wasserdurchlässigen Kalkgesteins voller Höhlen und löchrig ist wie ein Schweizer Käse, in weiten Teilen immer noch Terra incognita. Erst 1996 entdeckte ein Team die Riesending-Schachthöhle. Mit über 20 Kilometern Ganglänge und einer Tiefe von mehr als 1000 Metern gilt sie gegenwärtig als das längste Höhlensystem Deutschlands. Für weltweites Aufsehen sorgte sie 2014. Damals überlebte der Höhlenforscher Johann Westhauser nach einem Steinschlag in fast 1000 Metern Tiefe elf Tage lang, ehe er in einer spektakulären Rettungsaktion befreit werden konnte.

Mystische Erlebnisse konkurrieren am Untersberg mit trockener Wissenschaft. So kursieren Berichte aus jüngeren Tagen über vermeintliche Zeitlöcher, die hier existieren sollen und in denen Menschen auf mysteriöse Weise verschwinden, um nach ein paar Minuten oder auch erst nach Monaten wiederaufzutauchen. Keine Frage, am Untersberg gehen die Uhren anders. Forscher, die oft tagelang in den diversen unterirdischen Reichen wie der Kolowratshöhle verbringen, wissen das. Ihre Erklärungen klingen allerdings nüchterner. Vom Verlust des Zeitgefühls in der Dunkelheit, befreit von Alltagshektik, ohne Handyempfang, ist da die Rede.

"Das Unterirdische assoziiert eher das Düstere, das Unheimliche"

Der Schoß der Erde ist seit jeher mythisch und religiös aufgeladen. Anlässlich der Ausstellung "Über Unterwelten" hatte einst der Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme erklärt: "Das Unterirdische assoziiert eher das Düstere, das Unheimliche, das Geheimnisvolle, das Abgründige, das Unbewusste ..." Es wundert daher nicht, dass der Untersberg so sagenbehaftet ist. Geschichten von Riesen und Zwergen, von Wildfrauen und der Wilden Jagd ranken sich um seine rötlichen Gesteinsschichten. Seit langer Zeit wird hier Marmor abgebaut.

Die Sage von der verschwundenen Hochzeitsgesellschaft wartet bereits mit einer Zeitanomalie auf. Darin ruft ein Bräutigam den Untersberger Berggeist herbei, der Wandernde beschenken soll. Ein "kleiner Mann mit silberweißem Haar" erscheint und führt die Gesellschaft in die Anderswelt des Berges hinein. Man feiert ausgelassen, schläft ein. Nach dem Aufwachen führt der Berggeist sie wieder hinaus. Doch dort ist nichts mehr wie es war. In einem Pfarrbuch ist festgehalten, dass "vor 500 Jahren ein junges Brautpaar nebst einigen anderen Menschen verlorengegangen" sei.

In den meisten Sagen steht eine einzige Person im Mittelpunkt: Karl der Große, der angeblich seit Jahrhunderten in der Tiefe ruht, wahlweise umgeben von seiner Gefolgschaft oder von den Untersberger Mandln. An Erzählvarianten herrscht kein Mangel. So soll sein Bart schon zweimal um den Tisch gewachsen sein. Beim dritten Mal würde er erwachen und zurückkehren. In der Sage vom ausgedorrten Birnbaum auf dem Walserfeld kommt es daraufhin zur entscheidenden Schlacht zwischen Gut und Böse.

Statt um Karl den Großen kann es sich auch mal um "Friedrich Rotbart" handeln, so in der Geschichte von den "Musikanten im Untersberg". Natürlich ist damit Kaiser Barbarossa gemeint, der anderen Sagen zufolge bis zu seiner Wiederkehr als Friedenskaiser im Kyffhäuser thront. In der Untersberg-Saga spielen ihm unter Tage vier Musikanten auf. Doch statt reichlichen Lohn erhalten sie am Ende schlichte Zweige und werden fortgeschickt. Die drei älteren geraten darüber in Rage und werfen sie weg, nur der jüngste gibt sich zufrieden. Während die Mitspieler vom Blitz erschlagen werden, verwandelt sich sein Zweig in Gold.

Der Historiker Johannes Lang vertritt neuerdings beweiskräftig die These, dass die Untersberger Sagen keinesfalls germanischen oder keltischen Ursprungs sind, sondern alle auf eine einzige Geschichte zurückgehen: Die um 1550 im Reichenhaller Kloster St. Zeno geschriebene Ich-Erzählung des Reichenhaller Stadtschreibergehilfen Lazarus Gitschner - wohl das Pseudonym eines Geistlichen, der nicht erkannt werden wollte. Die Geschichte ist detailgenau und besitzt schon alle Elemente, die später immer wieder neu variiert wurden. Gegenüber der Süddeutschen Zeitung sagte Lang in einem Interview allgemein zum Untersberg, "das ist auch das Besondere, dass er bis zum heutigen Tag eine Projektionsfläche für unsere Ängste, Wünsche und Sehnsüchte ist, die in ihm wie in einem großen Speicher niedergelegt werden können".

© SZ/chrm
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