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Badeseen in Bayern:Das Elend des Flachschwimmers

Ein Schwimmer im Neoprenanzug im Steinsee

Wenn selbst der Steinsee zu kalt ist: Ein Schwimmer im Neoprenanzug.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Überall locken die Seen, doch es gibt da ein Problem: Das Wasser ist nass. Und kalt, viel kälter als beim Warmbadetag im Hallenbad. Da hilft nur ein Neoprenanzug.

Als Oberbayer hat man es in diesen Tagen schwer. Überall, wo man hinkommt, leuchten Seen zwischen Bäumen und Wiesen hervor, man hört sie förmlich rufen: Komm, spring rein! Schwimm eine Runde und pfeif dir danach eine Halbe ein! Das kann auf die Dauer psychisch sehr belastend werden, vor allem dann, wenn man selbst zur Kategorie der Flachschwimmer zählt. Die Existenz als Flachschwimmer ist für einen Mann eine elende Form des Daseins. Vor einigen Jahren hat sie der Autor Thomas Brussig sinngemäß so beschrieben: Wenn ein Schiff untergeht, dann lassen Nichtschwimmer Frauen und Kinder in die Rettungsboote steigen, um sich selbst noch eine Zigarre anzuzünden und dem Salonorchester zu lauschen. Schwimmer retten sich und nebenbei noch eine angehende Millionärswitwe. Flachschwimmer hingegen prusten und spritzen noch ein wenig im Wasser herum und saufen dann ab. Das ist stil- und würdelos.

Das Grundproblem beim Schwimmen ist das Wasser: Es ist nass und kalt. Laut der US-Marine überlebt man im 20 Grad warmen Wasser maximal zwischen drei und 40 Stunden, je nach Bekleidung. Selbst der Steinsee hat derzeit aber nur 26 Grad, das sind vier Grad weniger als beim Warmbadetag im Hallenbad. Ja, bei 30 Grad, da kann man schon mal ein Bein reinhängen, damit lässt sich arbeiten.

Aber selbst ein Steinsee mit 32 Grad bleibt aus Sicht des Flachschwimmers, und speziell des kurzsichtigen Flachschwimmers, unheimlich: Nimmt man die Brille ab, sieht man unter und über Wasser nichts, man findet nie mehr zum Ufer zurück. Kommt man mit Kontaktlinsen und Schwimmbrille daher, sieht man zu viel: Beim Kraulen verschwinden die Arme in der dunklen Moorbrühe. Da unten ist es eisig und unerforscht. Angeblich sollen in der Tiefe pelzige, schleimige und schuppige Tiere wohnen. Und womöglich taucht noch die bleiche Hand eines Eisstockschützen auf.

Aber es nützt ja nichts: Es ist Sommer, da hat man mitzumachen. Die Empfehlung für Flachschwimmer lautet: Kaufen Sie sich einen 1,8 Millimeter Neoprenanzug, der macht eine schlanke Figur. Gehen Sie damit nur spät abends in den See, legen Sie sich auf den Rücken und betrachten sie den Vollmond. Da kann man glatt vergessen, dass man im Wasser ist.

© SZ vom 04.07.2015
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