Fürther Straße in Nürnberg Seismograf des Wandels

Acht Meter breit, sechs Kilometer lang und schnurgerade ist die Chaussee, die Nürnberg und Fürth verbindet und die mal "Fürther Straße", mal "Nürnberger Straße" heißt. Das Foto entstand 1929.

(Foto: Stadtarchiv Nürnberg)

Die Achse zwischen Nürnberg und Fürth steht sinnbildlich für die Entwicklung der Städte. Aus Maschinenhallen wurden Büros und Labore.

Von Claudia Henzler und Uwe Ritzer

München hat seine Leopoldstraße. Düsseldorf die Kö. Hamburg den Jungfernstieg. Berlin Unter den Linden. Jede Großstadt hat ihre ganz besondere Straße. Eine, mit der sich mehr verbindet als das ununterbrochene Hin und Her von Fahrzeugen und Menschen. Weil sie etwas von der Geschichte, der Kultur, dem Charakter, von Wohlstand, Selbstverständnis und Lebensgefühl der jeweiligen Stadt erzählt. Deshalb ist diese Straße der Straßen fast immer herausgeputzt. Hübsch möbliert mit eleganten Geschäften, Cafés oder Restaurants, Museen, Kirchen, einer Allee.

Die Fürther Straße in Nürnberg ist nicht wirklich schön. Sie lädt nicht zum Promenieren ein. Sie ist kein Prachtboulevard, sondern eine Verkehrsader. Sie verbindet Nürnberg mit der angewachsenen Nachbarstadt Fürth. Sie ist unprätentiös obwohl Schauplatz von Weltgeschichte. An ihr entlang fuhr die erste deutsche Eisenbahn. Und im Justizpalast Hausnummer 110 wurden die Kriegsverbrecher des Dritten Reiches abgeurteilt. Mehr als über alles andere erzählt die Straße jedoch vom Wandel.

Doch, auch sie kam einmal prachtvoller daher, als in der Blütezeit der Industrialisierung rechts und links großzügige Bürgerhäuser entstanden. Aber die Fabriken waren nicht weit. Diese Magistrale erinnert bis heute daran, dass in Nürnberg und Fürth einmal das industrielle Herz Süddeutschlands schlug. Und zwar bis in die jüngere Vergangenheit. Triumph baute hier Motorräder, Schuco Blechspielzeug, die AEG Waschmaschinen und Geschirrspüler. Quelle, zeitweise das größte Versandhaus Europas, verschickte von einem sandsteinfarbenen Koloss aus täglich Tausende Pakete in alle Himmelsrichtungen. Und Grundig war auch nicht weit.

Nürnberg und Fürth sind keine glamourösen Städte. Sie inszenieren sich nicht, sie sind einfach da, und wenn sie mit sich zufrieden sind, dann prahlen sie nicht damit. So ist das in einem Landstrich, in dem "ned schlecht" als Höchstform des Lobes gilt und selbst die Erfolgreichen von jeher den Pelzkragen protestantisch bescheiden lieber nach innen trugen.

Die Fürther Straße ist ein Spiegel dessen. Sie erzählt davon, wie nach dem Krieg Wohlstand mit harter Arbeit geschaffen wurde und wie die Handarbeit nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nach Osteuropas oder Asien verlagert wurde, weil die Menschen dort für viel niedrigere Löhne arbeiten, bis heute übrigens. Die Globalisierung hat der Fürther Straße schwere Schrammen verpasst.

Die letzten, großen Kämpfe an dieser Straße sind noch nicht lange her. Sie fanden im Stadtteil Muggenhof statt, kurz vor der Grenze zu Fürth. 2006 demonstrierten Arbeiter mitten im Winter wochenlang für das letzte AEG-Hausgerätewerk, das 2007 dann doch geschlossen wurde. Wieder zwei Jahre später erlebten fassungslose Quelle-Beschäftigte den Untergang eines Versandimperiums.

Die Zeit war hinweggerannt über diese Ikonen des deutschen Nachkriegswohlstands und als Folge drohte der Fürther Straße eine Ödnis wie nie in ihrer Geschichte. Doch es kam anders. Heute ist die Magistrale ein langgezogenes Symbol für den erneuten wirtschaftlichen Wandel. Was vor wenigen Jahren nicht vorstellbar zu sein schien, scheint zu glücken.

Mitunter verändern sich Städte, ohne dass es ihnen immer in Echtzeit bewusst ist. Nürnberg und Fürth sind solche Fälle. Die alten Industriestandorte sind erfolgreich dabei, sich neu zu erfinden. Sie haben sich, mit kräftiger Unterstützung der staatlichen Strukturpolitik, aber eben auch aus eigenem, kreativen Antrieb heraus, weiterentwickelt.

Nichts verkörpert das neue Nürnberg mehr als der Datev-IT-Campus. 1800 Software-Spezialisten arbeiten seit 2015 an der Fürther Straße 111 an Programmen für ein genossenschaftliches Unternehmen, das seinerseits den Strukturwandel in der Stadt verkörpert. Denn der Zuwachs an IT-Berufen ist in und um Nürnberg im bundesweiten Vergleich überdurchschnittlich. Der Dienstleistungssektor wächst. Und einher mit alledem wurde in den vergangenen Jahren in und um Nürnberg und Fürth ein dichtes Netz an Forschungseinrichtungen gewoben.

In den längst überflüssig gewordenen Industrieanlagen von einst haben Forscher Labore und Dienstleiter ihre Büros bezogen. Der wirtschaftliche Wandel ist allenthalben sichtbar. Und bald soll auch in die letzte große Ruine des Wirtschaftswunders Leben einziehen, wenn das denkmalgeschützte Quelle-Versandhaus zu einer riesigen Siedlung mit mehr als tausend Wohnungen umgewandelt wird, die wohl eher nicht für Einkommensschwache gedacht sind.

Auch das wird die Fürther Straße prägen. Ein Stück weiter östlich, im Stadtteil Gostenhof, kann man die Gentrifizierung schon sehen. Erst kamen die Straßencafés, dann stiegen die Mieten. Auch so gesehen erweist sich die Fürther Straße als zuverlässiger Seismograf des gesellschaftlichen Wandels.