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Geschichte:Wie das NS-Regime eine Sinti-Musikerfamilie auslöschte

Eine der wenigen Aufnahmen, die es von der Musikerfamilie Eckstein noch gibt.

(Foto: Verband der Sinti und Roma)

Die Ecksteins spielten in einer umjubelten Unterhaltungskapelle, bis die Nationalsozialisten an die Macht kamen.

Nicht mehr viel erinnerte bislang an die Musiker-Familie Eckstein - einige wenige Fotos vielleicht. Ein Foto zeigt Band-Chef Johannes Eckstein vor einem Anwesen. Auf einem anderen präsentieren die Mitgliedern der "Tanz- und Unterhaltungs-Kapelle Eckstein" ihre Instrumente. Die Aufnahme entstand zu einer Zeit, als die Familien-Combo furios gefeiert wurde. "Die Gäste waren entzückt und rasten", heißt es in einem Zeitungsartikel aus diesen Tagen. Dann aber übernahmen die Nationalsozialisten die Macht. Vor 75 Jahren, am 15. November 1943, wurde Johannes Eckstein im sogenannten Zigeunerlager von Auschwitz-Birkenau ermordet, seine Frau Friederike zwei Wochen später.

Nach dem Zweiten Weltkrieg schien das Schicksal der Ecksteins in Vergessenheit zu geraten. Nun aber holt der Historiker Walter Wuttke diese Menschen mit einem neuen Buch in die öffentliche Erinnerung zurück. Momentan leben in Bayern um die 20 000 Sinti, wie Erich Schneeberger, der Vorsitzende des Landesverbands Deutscher Sinti und Roma in Bayern, schätzt. Nahezu alle von ihnen haben während der NS-Herrschaft Verwandte im KZ verloren. Eine traumatische Erfahrung, wie auch Wuttke und seine Partnerin Erika Tanner nach ihren Recherchen bestätigen.

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Ein Beispiel: Richard Eckstein der Jüngere, zweitältester Sohn von Johannes und Friederike Eckstein, hatte die Zeit im KZ Dachau überlebt - dank seines Glaubens und der Hoffnung, die Eltern und alle Geschwister wiederzusehen. Doch diese Hoffnung zerbrach. Als er 1945 von ihrem Schicksal in Auschwitz erfuhr, habe er seinen Kopf an die Wand geschlagen, bis er umgefallen sei, zitiert Wuttke den Überlebenden. Allein in Auschwitz waren neben Johannes und Friederike Eckstein auch ihre Schwägerin Elisabeth, zwölf der Kinder sowie ein Enkelkind ums Leben gekommen. Weitere Familienmitglieder seien in anderen Konzentrationslagern ermordet worden, so etwa Johannes Ecksteins Bruder Richard im KZ Sachsenhausen.

Die Stadt Vöhringen im Kreis Neu-Ulm erinnert mit Stolpersteinen an ihre ehemaligen Bürger. Vöhringens Bürgermeister, der parteilose Karl Janson, hat zudem seine Unterstützung für dieses aktuelle Dokumentationsprojekt zugesagt, wie Rolf Eckstein im Vorwort des Buches vermerkt, "als direkter Nachfahre der Sinti-Familie Eckstein, die 17 Familienmitglieder durch die Hand des Nazi-Regimes verlor".

Gespenstisch ist indes die Rolle, die 1943 der damalige Vöhringer Bürgermeister gespielt haben soll. Laut Wuttke war dieser durch zwei Kriminalbeamte aus Augsburg "vertraulich von dem bevorstehenden Abtransport" der Ecksteins in Kenntnis gesetzt worden. Offenkundig behielt er dieses Wissen für sich, obgleich die Ecksteins in der damaligen Heimatgemeinde beliebt waren. Als sie am 8. März 1943 zur Deportation nach Auschwitz abgeholt wurden, hätten an die hundert Vöhringer Bürger Abschied genommen, "teils wortlos vor sich hinstarrend, teils in kleinen Grüppchen diskutierend", wie Wuttke erfuhr.

Eine halbe Million Sinti und Roma soll ermordet worden sein

Historiker gehen davon aus, dass durch die Hand der NS-Täter europaweit eine halbe Million Sinti und Roma als rassistisch Verfolgte umgebracht wurden. Tausende von ihnen starben in den Gaskammern, viele auch durch Mangelernährung in den Lagern, Krankheiten und Seuchen. Andere kamen durch medizinische Versuche zu Tode. Einer dieser Unglücklichen war Johannes Ecksteins Sohn Adalbert, der von Auschwitz ins KZ Natzweiler-Struthof verlegt worden war. Nach einem Fluchtversuch aus dem Lager Neckarelz war er zunächst zum Tode verurteilt worden und dann - ein Hohn - begnadigt worden mit der Auflage, sich freiwillig für die Erprobung des mörderischen Kampfstoffs Phosgengas zu melden, wie Wuttke schreibt. Sein Todeskampf "dauerte vier Stunden".

In den ersten Jahren des sogenannten Dritten Reichs hatten die Ecksteins noch gehofft, es werde alles nicht so schlimm kommen. Während spätestens 1939 die meisten "Zigeunermusiker" von der Reichsmusikkammer mit einem Auftrittsverbot belegt worden waren, blieb dies einigen Mitgliedern der Tanz- und Unterhaltungskapelle Eckstein erspart - so traten sie etwa in München auf und wurden dort ebenfalls gefeiert. Dann aber kam das verhängnisvolle Konzert im thüringischen Bad Langensalza, nach dem sie der Bürgermeister denunzierte.

"Mädchen und Frauen, deren Ehemänner an der Front" stünden, hätten sich "den Zigeunern" gegenüber "derartig aufdrängend" verhalten, "dass es auf alle übrigen ehrlichen Frauen verletzend wirkte". Auch hätten wohl Musiker Mädchen zum Rendezvous eingeladen. Kurz darauf forderte die Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens, jene vier, die in Langensalza musiziert hatten, als Asoziale ins KZ zu sperren. Letztlich traf es aber die gesamte Kapelle. Das Unheil der Familie nahm seinen Lauf.

Walter Wuttke, "Familie Eckstein - Lebensschicksale einer Musiker-Sinti-Familie aus Vöhringen und Rosenheim", Anton H. Konrad Verlag, ISBN 978-3-87437-588-7, 112 Seiten, Preis: 14,95 Euro.

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