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Sinti und Roma:Ein Ort, an dem die Roma ihre Geschichte selbst erzählen

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Roma während eines Gottesdiensts am Kloster Bistrita in Rumänien.

(Foto: Daniel Mihailescu/AFP)
  • In Berlin entsteht das European Roma Institute for Arts and Culture (ERIAC).
  • Der Weg zu einer eigenen Kulturstätte für die Sinti und Roma Europas war lang: Gegner hielten sie für obsolet, dabei ist sie ein Ort der Selbstbestimmung.
  • George Soros, einer der Stifter des Instituts, warnt: Vieles, was sich gegen die größte ethnische Minderheit in der EU richtet, zielt auf die offene Gesellschaft ab.

Von Stefan Braun, Berlin

Herr über die eigene Geschichte sein! Von den eigenen Schmerzen und Wunden, den Wünschen, Ängsten, Sehnsüchten selbst erzählen statt von den Bildern und Klischees anderer beherrscht zu werden! Das klingt wie das selbstverständliche Bedürfnis der allermeisten Menschen - und ist für die gut zwölf Millionen Sinti und Roma in Europa bis heute trotzdem kaum möglich.

Nach wie vor leidet die größte Minderheit des Kontinents unter Rassismus und Diskriminierung; bis heute müssen die Roma, verteilt auf viele europäische Staaten, damit leben, dass andere in Schulbüchern, in Filmen, in Theaterstücken das Bild von ihnen prägen. Dass sich das nun ändern soll, ist deshalb keine Petitesse, sondern ein überfälliges Großereignis. Und dass Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats der Sinti und Roma in Deutschland, aus diesem Anlass von einem "historischen Tag" schwärmt, ist nicht überraschend, sondern nur allzu verständlich.

Das Selbstwertgefühl der Roma ist zu kurz gekommen

Anlass ist die Gründung des European Roma Institute for Arts and Culture (ERIAC); es soll in Berlin entstehen und ist am Donnerstag im Auswärtigen Amt aus der Taufe gehoben worden. Das Institut geht auf eine Initiative von Künstlern, Musikern und Kulturschaffenden der Roma aus zahlreichen EU-Staaten zurück. Seit vier Jahren kämpft die "Allianz" für einen Ort wie diesen; seit zwei Jahren konnte sie hoffen, ihr Ziel zu erreichen. Das liegt vor allem daran, dass sie einen politischen Unterstützer sowie einen finanzkräftigen Geldgeber gefunden haben. Der eine heißt Thorbjørn Jagland und ist Generalsekretär des Europarates; der andere ist George Soros und zählt zu den reichsten Finanzinvestoren der Erde. Beide erklärten am Donnerstag, dass sie "sehr glücklich" seien, diesen Tag mitzuerleben.

Tatsächlich hat Jagland jahrelang mit großer Hartnäckigkeit für ein solches Institut geworben. Er ist dabei, wie man hört, nicht in jedem der 47 Mitgliedstaaten des Europarates auf Begeisterung gestoßen. Umso glücklicher war Jagland, als er vor rund zwei Jahren den damaligen deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier für das Projekt gewinnen konnte. Jagland sagt heute, dass sich EU und Europarat zwar seit vielen Jahren um Bildungsprogramme für Roma gekümmert hätten, um deren Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen. Dabei aber sei "das Selbstverständnis und Selbstwertgefühl der Roma bis heute zu kurz gekommen". Umso schöner sei der Tag, an dem die Roma einen Ort erhielten, "an dem sie ihre Geschichte selbst erzählen können".

Soros erinnerte in Berlin daran, dass die miserable Lage der meisten Sinti und Roma nach dem Fall der Mauer 1989 nicht besser, sondern noch schlechter geworden sei. Schon vor dreißig Jahren habe er begonnen, sich mit seiner Stiftung "Open Society Foundation" um das Schicksal der Roma zu kümmern. "Viele fühlten sich gezwungen, ihre Geschichte und Kultur zu verbergen", so Soros. Das solle sich ändern. Denn was sich bis heute in vielen Ländern gegen Roma richte, sei gegen jegliche offene Gesellschaft gerichtet.

Zwischen "nicht mehr nötig" und "warum gibt es das noch nicht?"

Wie weit entfernt eine wirkliche Offenheit und ein Ende der Stereotype noch sind, erklärte Romani Rose nicht in ein paar allgemeinen Sätzen, sondern an konkreten Beispielen. Rose lenkte den Blick auf neue Filme wie "Nellys Abenteuer" oder "Mit offenen Armen". Der erste sei 2016 entstanden und aus dem Etat der Kulturstaatsministerin gefördert worden, der zweite eine französische Produktion von 2017, habe ebenfalls staatliche Mittel erhalten. Und das, obwohl beide Filme immer noch "die gleichen und falschen Vorurteile über Roma transportieren" würden.

Željko Jovanović, Direktor bei der Soros-Stiftung, berichtete, dass die Allianz bei ihren Bemühungen oft abwechselnd mit zwei Argumenten konfrontiert worden sei. Die einen hätten erklärt, so etwas sei nun wirklich nicht nötig; die anderen hätten gefragt, warum es das nicht schon längst gebe. Diese Kombination habe sie auch in schweren Momenten bestärkt, weiter zu kämpfen. Denn: "Die Geschichte, wer wir sind, sollten wir endlich selbst erzählen."

Dass dies möglich wird, hängt auch mit einem kleinen Bündnis in der großen Koalition zusammen: dem Staatsminister im Auswärtigen Amt, Michael Roth (SPD), und dem Beauftragten für nationale Minderheiten, Hartmut Koschyk (CSU). Beide haben das Institut massiv unterstützt und sind sich dabei politisch so nahegekommen, dass sie sich gegen die Spitze der Unionsfraktion verbündet haben. Nach einer Anhörung im Bundestag fordern sie zusammen mit den Innenpolitikern von Union und SPD eine Roma-Kommission, die sich intensiver mit dem Rassismus gegen Roma, dem sogenannten Antiziganismus, auseinandersetzen soll. Fraktionschef Volker Kauder winkt bislang ab. Sein Argument am Donnerstag: Es gebe genügend Gremien und Initiativen, um die Geschichte aufzuarbeiten. Ein erstaunliches Votum an so einem Tag.

© SZ vom 09.06.2017/ees

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