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Schulsport:Schüler sollen besser schwimmen können

Schwimmkurs für Kinder in München, 2018

Heute ist es nicht mehr selbstverständlich, dass Kinder schwimmen können, wenn sie in die Schule kommen. Aber auch während der Grundschulzeit lernen es zu wenige Buben und Mädchen.

(Foto: Catherina Hess)
  • Im Jahr 2017 ertranken in Bayern 86 Menschen - das sind mehr als in jedem anderen deutschen Bundesland.
  • Die Aktion "Bayern schwimmt" soll das ändern. Sie richtet sich an alle Grundschüler der vierten Klassen.
  • 120 Millionen Euro will die Staatsregierung außerdem in den nächsten sechs Jahren in ein Förderprogramm für Freibäder stecken.

Ein Wochenende, drei Tote, zwei Vermisste ohne Hoffnung auf Überlebenschancen: Die ersten heißen Tage haben auf grausame Art gezeigt, wie gefährlich schönes Wetter für alle Freizeitsportler sein kann, die beim Schwimmen Abkühlung suchen.

Mehr als 200 natürliche Seen gibt es zwischen Rhön und Alpen, auch deshalb nimmt Bayern bundesweit stets eine traurige Spitzenrolle ein. 86 Menschen ertranken 2017 im Freistaat, weit mehr als in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen (jeweils 55) oder Baden-Württemberg (38). Damit sich die Statistik langfristig ändert, haben Kultusministerium und Wasserwacht eine Aktion ersonnen. Sie heißt "Bayern schwimmt" und richtet sich an alle Grundschüler der vierten Klassen.

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Eine Saison auf Probe: Wer jünger als 18 ist, kann ab Mai umsonst ins Freibad. Für alle anderen bleiben die Eintrittspreise unverändert.

In einer "Schulschwimmwoche" sollen Kinder von 15. Juli an in insgesamt fünf Doppelstunden lernen, wie sie sich über Wasser halten können - nicht nur ein paar Meter, sondern mindestens eine Viertelstunde lang, wie Thomas Huber sagt, der Landesvorsitzende der Wasserwacht. Huber spricht von einer "gesamtgesellschaftlichen Aufgabe". Das Bewusstsein der Eltern müsse gestärkt werden. So wie Kinder Rad fahren oder in den Computer schauen, sollten sie auch Schwimmen lernen.

Hubers Gefühl, dass sich Kinder im Wasser immer schwerer täten, lässt sich mit Zahlen belegen. Studien der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) zufolge kann bis zu jedes zweite zehnjährige Kind nicht schwimmen. Ein Grund: Immer weniger Schüler erlernen das Schwimmen im Sportunterricht. Längst gibt es lokale Projekte, diesem Trend entgegenzuwirken.

In Regensburg etwa haben die Schulämter mit den Stadtwerken eine Kooperation vereinbart, bei der dieses Jahr 41 Grundschulen mit 91 Klassen mitmachten. "Die starke Beteiligung der Schulen zeigt uns, wie wichtig dieses Projekt ist", sagt Walter Ehrhardt vom Sportreferat der Regierung der Oberpfalz. Die Mühe lohnt sich. 833 Schüler aus diesen 91 Klassen konnten nicht schwimmen. Nach fünf Tagen Intensivunterricht waren es nur noch 148, eine Erfolgsquote von mehr als 80 Prozent.

Bundesweit ertranken nach Angaben der DLRG im vorigen Jahr 499 Personen, mehr als 400 waren männlich. "Die Risikogruppe bilden die Männer zwischen 18 und 60 Jahren", sagt Damaris Sonn, die Sprecherin der Wasserwacht in Bayern. Oft passierten die Unfälle bei Partys, nach Missbrauch von Alkohol, aus Übermut oder übertriebener Risikobereitschaft. Die Zahl der verunglückten unter Zwanzigjährigen ist mit 71 vergleichsweise niedrig.

Die Aktionswoche soll sich freilich langfristig auszahlen. Die Grundschüler lernen nicht nur Schwimmen, sondern auch Baderegeln: Ist ein Gewässer einsehbar? Wie tief ist es? Welche Strömungen sind zu beachten? "Hier wird die Basis für später gelegt", sagt Sonn. Zwei Ziele verfolge die Wasserwacht: Menschen in Not zu retten. Und am besten dafür zu sorgen, dass es gar nicht so weit kommt. Der Erfolg hänge in großem Maß aber auch davon ab, ob neben den Schulen auch die Kommunen als Träger von Bädern mitmachten. Und: "Es kommt auf den politischen Willen an."

53 Bäder in Bayern sind von der Schließung bedroht

Gerade den hat der Landtagsabgeordnete Markus Rinderspacher (SPD) lange vermisst. Seit Jahren kämpft der frühere Fraktionschef gegen das "Schwimmbadsterben". Sein Vorwurf an die Staatsregierung: Sie lasse die Kommunen allein mit ihren teuren Bädern. Fast 90 Schwimmbäder hätten in den vergangenen 15 Jahren in Bayern dichtgemacht. Rinderspachers Rechnung: Ohne öffentliche Bäder sei es schwierig, Kindern Schwimmen zu lehren. Eine Anfrage an das Innenministerium ergab: 53 Bäder in Bayern seien von der Schließung bedroht, 447 sanierungsbedürftig.

Das soll sich ändern. 120 Millionen Euro will die Staatsregierung in den nächsten sechs Jahren in ein Förderprogramm für Freibäder stecken. "Die Schwimmfähigkeit unserer Kinder ist uns besonders wichtig", sagt Bauminister Hans Reichhart. Ministerpräsident Markus Söder sagt: "Wir wollen, dass unsere Kinder wieder Schwimmen lernen." Für Rinderspacher ist das ein Anfang, mehr nicht. Er beziffert den Sanierungsstau mit einer Milliarde Euro, die Staatsregierung geht von der Hälfte aus.

Die Kinder sollten "nicht nur in Spaßbädern planschen, sondern richtig Schwimmen lernen", wünscht sich Landtagspräsidentin Ilse Aigner, die Schirmherrin der Aktion. Erfahrene Pädagogen halten es für zu spät, wenn Schüler erst in den vierten Klassen mit dem Programm beginnen. Besser spät als nie, findet Wasserwachts-Chef Huber: "Die Kinder sollen als sichere Schwimmer in die Sommerferien gehen."