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Mord in Regensburg:Ein bizarrer Fall mit vielen Kapiteln

Fortsetzung des Mordprozesses im Fall Maria Baumer

Der Angeklagte soll in der gemeinsamen Wohnung Maria Baumer im Mai 2012 mit Medikamenten getötet haben.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

Im Prozess um den Tod von Maria Baumer scheint die Beweislage gegen den Angeklagten erdrückend zu sein. Es gibt viele Indizien: eine alte Verurteilung, einen Spaten und den Zugang zu Beruhigungsmittel.

Von Andreas Glas, Regensburg

Es ist kurz vor Mittag, als der Richter das Urteil verliest. Es lautet: schuldig. Zwei Jahre Haft auf Bewährung. Wegen sexuellen Missbrauchs zweier Buben, Besitzes kinderpornografischen Materials, vorsätzlicher Körperverletzung. Der Angeklagte sitzt nur da, bewegt sich nicht, er schaut stur geradeaus. Er kennt das Urteil ja schon, auch die Begründung, er hat das alles schon einmal gehört, im Dezember 2016. Aber jetzt sitzt er wieder hier, in Saal 104 des Regensburger Landgerichts. Er ist wieder angeklagt, diesmal wegen Mordes. Ein anderer Fall. Aber für die Ankläger ist das Urteil von damals ein wichtiges Indiz. Ein Indiz, dass Christian F. nicht nur ein Sexualstraftäter ist. Sondern auch ein Mörder.

Montag, Tag neun im Prozess um den Tod einer jungen Frau: Maria Baumer. Sie war 26, als sie starb. Sie war die Verlobte von Christian F., 35, Pferdeschwanz, feiner Bartstrich zwischen Unterlippe und Kinn. Laut Anklage hat er Baumer im Mai 2012 in einem Wald bei Regensburg vergraben. Zuvor soll er sie getötet haben, unter anderem mit einer hohen Dosis Lorazepam. Ein Beruhigungsmittel, das auch im ersten Urteil gegen F. eine Rolle spielt. Weil er schon mal eine Frau mit Lorazepam betäubt hat. Und geht es nach der Staatsanwaltschaft, ist diese zweite Frau der Grund, dass Maria Baumer sterben musste.

Es ist ein bizarrer Fall, mit vielen Kapiteln. Das Kapitel, das Richter Michael Hammer an diesem Montag aufschlägt, beginnt im Frühjahr 2012. Christian F. arbeitet damals als Pfleger im Bezirkskrankenhaus Regensburg. Er verliebt sich in eine Patientin, plant eine Beziehung mit dieser Frau, und beschließt, seine Verlobte, "die seinen Wünschen im Wege stand, zu töten". So steht es in der Anklage. Mordmotiv: niedere Beweggründe.

Der Richter verliest also das Urteil von damals. Man will das nicht hören, wie F. die zwei Buben missbraucht und dabei auch noch gefilmt hat. Aber es geht in dem Urteil eben auch um die Patientin aus dem Bezirkskrankenhaus, um den Fall der vorsätzlichen Körperverletzung. Der Fall ereignete sich im Frühjahr 2014. Maria Baumer war da fast zwei Jahre tot, Christian F. wieder frei, nach mehreren Wochen in Untersuchungshaft, weil die Ermittler schon damals den Verdacht hatten, dass er Baumer getötet hat - aber zu wenige Indizien hatten, um ihn anzuklagen.

Im Frühjahr 2014 jedenfalls bombardierte F. die frühere Patientin, die er zwei Jahre zuvor kennengelernt hatte, mit SMS und Chatnachrichten, 535 Mal hat er sie laut Anklage kontaktiert. Nur 33 Mal soll die Frau reagiert haben. Sollte das wirklich Liebe gewesen sein, war es eine unerwiderte Liebe. Also fasste Christian F. offenbar den Plan, die Frau, die ihn verschmähte, gefügig zu machen.

Prozessbeginn Mordfall Maria Baumer

Absperrbänder markierten den Fundort der Leiche von Maria Baumer in einem Waldstück.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

Als die Frau im April 2014 in Regensburg in den Bus stieg, um nach Hause zu fahren, "stieg er einfach dazu", heißt es im Urteil von damals. Weil sie sich "ausgeliefert fühlte", ließ sie Christian F. in ihre Wohnung, kochte ihm Tee, und als sie das Zimmer kurz verließ, mischte er ein Mittel in ihre Tasse: Lorazepam. Die Frau trank, schlief ein, und F. verbrachte die Nacht "neben ihr" im Bett, heißt es im Urteil. Zwar fanden sich F.s DNA-Spuren in ihrem Slip. Weil aber nicht zweifelsfrei rekonstruiert werden konnte, wie die Spuren dorthin kamen, verurteilte ihn das Gericht nicht wegen sexuellen Missbrauchs, sondern wegen Körperverletzung.

Das alles ist sechs Jahre her, bekommt nun aber neues Gewicht. F. sitzt ja nur deshalb wieder auf der Anklagebank, weil es den Ermittlern im Dezember 2019 gelungen war, mit neuen technischen Methoden auch in Haaren und Kleidern der toten Maria Baumer Spuren von Lorazepam zu finden. Das entscheidende Indiz, um F. acht Jahre nach Baumers Tod zu überführen? Er schweigt, aber bestreitet die Tat. Obwohl man ihm nachweisen konnte, dass er kurz vor dem Tod seiner Verlobten nach "Lorazepam, letale Dosis" googelte, sowie nach "der perfekte Mord".

Die Beweislage, sie scheint erdrückend zu sein. Doch F.s Verteidiger Michael Haizmann ist sich sicher: Die Indizien reichen nicht für eine Verurteilung. Indizien sind eben keine Beweise. So ist das im Strafrecht. Andererseits: Es gibt noch mehr Indizien. Zum Beispiel den Spaten, der im Wald gefunden wurde, bei Baumers Leiche. Kontoauszüge belegen, dass Christian F. wenige Tage vor ihrem Tod einen baugleichen Spaten in einem Regensburger Baumarkt kaufte. Was aber unklar ist: War es der selbe Spaten? Oder nur der gleiche?

Am Montag sitzen auch drei Brüder von F. im Gerichtssaal, als Zeugen, nacheinander. Einem gehört das Haus, in dem F. zur Tatzeit mit Maria Baumer wohnte - und wo die Ermittler keinen Spaten finden konnten. Nach der Durchsuchung meldete sich dieser Bruder bei der Polizei: Er habe nun doch einen Spaten auf dem Speicher gefunden, das haben Polizeibeamte vor Gericht erzählt. Eine Überwachungskamera der Kripo soll zudem zeigen, wie der Bruder einen Tag vor dieser Mitteilung F.s Wohnhaus betritt, mit einem Rucksack bepackt. Hat der Bruder den Spaten nachträglich dort versteckt, um Christian F. zu entlasten? Man erfährt es nicht. Weil der Bruder seine Aussage verweigert, genauso wie die zwei anderen Brüder.

Was man erfährt: Dass F. selbst Lorazepam nahm. Das stellte die Polizei in einer Blutkontrolle fest, nachdem er vor ein paar Jahren betrunken Auto gefahren war. In einem Telefonat, das am Montag im Gerichtssaal abgespielt wird, erzählt F. einem seiner Brüder auch, wo er das Mittel herhatte: aus dem Bezirkskrankenhauses, wo er damals ja angestellt war. Er hatte also leichten Zugang zu dem Mittel. Auch damals, als er seine frühere Patientin betäubte. Die Frau wird ebenfalls als Zeugin aussagen. Am kommenden Mittwoch. Dann wird der Prozess um den Mordfall Baumer fortgesetzt.

© SZ vom 28.07.2020/kafe
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