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Regensburg:Zwillingsschwester von Maria Baumer als Zeugin im Mordprozess

Fortsetzung des Mordprozesses im Fall Maria Baumer

Die Zwillingsschwester von Maria Baumer, sitzt im Verhandlungssaal des Landgerichts.

(Foto: dpa)

Der ehemalige Verlobte der jungen Frau soll sie im Mai 2012 getötet und in einem Wald vergraben haben. Vor Gericht spricht nun ihre Zwillingsschwester über das Verhältnis zu Maria Baumer und dem Angeklagten.

Von Johann Osel

Es war am späteren Abend des Pfingstmontags 2012, als der Zwillingsschwester von Maria Baumer endgültig bewusst wurde, dass da etwas nicht stimmt, "ich war ziemlich verzweifelt". Ungewöhnlich war das plötzliche Verschwinden der Frau, das Baumers Verlobter Christian F. der Familie am Samstag mitgeteilt hatte, schon zuvor. Es passte nicht zu ihrem Typ. Klar, es gab Sorgen: Der neue Job, die erste Stelle der Geoökologin nach dem Studium, entsprach nicht den Erwartungen, sie hatte gesundheitliche Probleme, Menstruationsschmerzen und kleine "Gedächtnisaussetzer". Und da war auch ein wenig Stress durch die anstehende Hochzeit mit F., die Einladungen waren bereits gedruckt. Aber so einfach abhauen aus ihrem gewohnten Leben? Ein "unglaublich komisches Gefühl" sei da von Anfang an gewesen.

Nun hatte F. allerdings von zwei Anrufen Baumers am Samstag berichtet, sie wolle demnach nach Hamburg fahren, für eine Auszeit - und sie sei am Montag zurück; erreichbar war sie aber wegen eines Handyvertragwechsels nicht. Auch Nachfragen bei Bekannten in Hamburg, zum Beispiel bei einer Tante Resi, erbrachten nichts Näheres. Also wartete Barbara F. bangend in der Regensburger Wohnung ihrer Schwester und des Verlobten - "dass jemand da ist, wenn sie zurückkommt". Sie recherchierte die letzten Zugankünfte des Tages, fuhr zum Bahnhof. Aber Maria Baumer kam nicht. Sie sollte nie wieder kommen.

Die 26-jährige Oberpfälzerin, Vorsitzende der Katholischen Landjugendbewegung, wurde im Herbst des Folgejahres von Pilzsammlern in einem Wald nordöstlich von Regensburg gefunden - beziehungsweise ihre sterblichen Überreste, der Leichnam wurde mit Chemikalien wie Löschkalk übergossen. Anfang Juli hat am Landgericht Regensburg der Prozess gegen den Verlobten begonnen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Mord vor. Der 35-Jährige soll Baumer "heimtückisch" mit Medikamenten vergiftet und begraben haben. Mutmaßliches Motiv: die Liebe zu einer anderen. Er war schon 2013 ins Visier der Ermittler geraten, ist aber nach einer Untersuchungshaft wieder frei gekommen. Neue Anhaltspunkte taten sich erst 2019 auf. F. schweigt bisher. Am Mittwoch steht nun eben die Aussage der Schwester an.

Es ist eine Aussage unter besonderen Erschwernissen. Weil Barbara F. unzählige Male verhört wurde, weil sie Nebenklägerin ist und viele Akten kennt, ermutigt sie der Vorsitzende Richter Michael Hammer zur besonderen Gründlichkeit: Was ist wirklich Erinnerung an das Jahr 2012 und was womöglich im Lichte der Erkenntnisse eine nachträgliche Interpretation? Hinzu kommt: F. ist hochschwanger, an früheren Verhandlungstagen, so beim Schildern des Leichenfunds, musste sie rasch die Toilette aufsuchen. Vorsorglich erörtert das Gericht den besten Sitzplatz für die Aussage, doch die Zeugin ist stark. Auch in so kurzer Entfernung zum Angeklagten, der vorgab, sich um Maria zu sorgen, mit dem sie in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY" auftrat, als die Leiche längst im Wald verscharrt war. Sollte sich der Tatverdacht erhärten, wäre dieser Fernsehauftritt als ein Ausweis besonderer Chuzpe zu sehen. Niemand ist wohl vertrauter mit der Getöteten gewesen. Zwillinge streiten sich, so Barbara F., aber es passt zwischen sie doch "kein Blatt Papier": keine Geheimnisse voreinander. Auch mit F. war sie "eng", sie habe ihn "als Teil der Familie akzeptiert". Und sie hatte, zumindest bis zum Leichenfund 2013 (in der Nähe des Heimatorts des Angeklagten), immer klar gesagt: "Das einzige, was sicher ist, ist, dass der Christian nichts damit zu tun hat". Er sei stets ein "ausgleichender Part" zur Schwester gewesen, die durchaus temperamentvoll sein konnte.

F.'s Verteidigung hat in dem Indizienprozess Zweifel an der Anklage, zielt auf einen Freispruch ab. Das Gericht versucht, viele Puzzleteile zusammenzusetzen. Am Mittwoch sagte der Techniker eines Telefonanbieters aus. Es geht um die angeblichen Anrufe Baumers. Ergebnis: Nicht vorhanden. Die Verkehrsdaten werden jedoch nicht lange gespeichert, manche Besonderheit gibt es zudem. Gegeben hat es diese Anrufe definitiv nicht von einer Telefonzelle aus, was mangels Handy erwartbar wäre. Eine Verwandte und beste Freundin Baumers sagt aus, sie hat das Paar - wohl am Donnerstag - noch zu Gast gehabt. F. sei, ganz entgegen seiner Art, Baumer "über den Mund drüber gefahren", er sei anders gewesen.

Weitere Indizien betreffen unter anderem den Spaten, mit dem die Frau vergraben worden sein soll. Vor allem soll F. kurz vor dem Verschwinden Baumers im Netz nach Begriffen wie "der perfekte Mord" oder "lorazepam letal Dosis" gesucht haben. Jenes Präparat, das in Spuren am Leichnam festgestellt wurde und in einem Medikamentenmix die Todesursache gewesen sein soll. Der aufwendige Prozess ist zunächst bis Anfang Oktober angesetzt.

© SZ.de/dpa/mmo/syn
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