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Prozess in Regensburg:Fall Baumer: Staatsanwalt plädiert auf lebenslang

Fortsetzung Mordprozess im Fall Maria Baumer

Dem Angeklagten werden im Verhandlungssaal des Landgerichts von Polizisten die Handschellen abgenommen.

(Foto: dpa)

Christian F. soll nach Ansicht der Anklage seine Verlobte Maria Baumer mit Medikamenten getötet haben. Die Verteidigung plädiert dagegen auf Freispruch, weil es nur Indizien, aber keinen Beweis für die Tat gebe.

Von Andreas Glas

Zuerst macht Thomas Rauscher noch einmal die Dimension dieses Falles klar. "Es ist genau acht Jahre und vier Monate her", sagt der Staatsanwalt. Acht Jahre, vier Monate, das ist die Zeitspanne zwischen dem 29. Mai 2012, als Christian F. seine Verlobte Maria Baumer als vermisst meldete, und diesem Dienstag, an dem Rauscher im Regensburger Landgericht sein Plädoyer hält. Am Ende des Plädoyers wird ebenfalls eine Zeitspanne stehen: lebenslang. Das ist die Strafe, die Rauscher für Christian F. fordert, der ihm gegenüber auf der Anklagebank sitzt. Der Staatsanwalt ist überzeugt: F. ist ein heimtückischer Mörder.

In seinem Plädoyer nennt Rauscher den Fall Baumer "so unglaublich", dass er nicht mal für ein Drehbuch taugen würde. Es wäre alles "ein bisschen too much", sagt er und zeichnet die Nacht nach, die laut Anklage die letzte in Maria Baumers Leben war, die Nacht auf den 26. Mai 2012. Rauscher erzählt, wie Christian F. seiner Verlobten "einen Kakao ans Bett" bringt. Er erzählt, wie Maria Baumer den Kakao trinkt, da sie nicht weiß, dass ihr Verlobter einen tödlichen Medikamentenmix in die Tasse gemischt hat. "Sie starb, ohne zu wissen, dass ihr der Angeklagte nach dem Leben trachtete", da ist sich Thomas Rauscher offenbar sicher.

Wenn ein Mann seine Partnerin tötet oder umgekehrt, dann passiert das nur selten aus heiterem Himmel, meist wird jahrelang geschrien und gestritten, die Dinge schaukeln sich hoch. Sollte Christian F. seine Verlobte tatsächlich getötet haben, war das anders. Die Familie, die Freunde, alle Zeugen, die im Prozess ausgesagt haben, sahen ein glückliches Paar, das bereits Einladungen für ihre Hochzeit verschickt hatte. Und vieles deutet darauf hin, dass nicht einmal Maria Baumer selbst wusste, dass Christian F. "längst mit der Beziehung abgeschlossen hatte", wie der Staatsanwalt sagt. "Es wäre doch so einfach gewesen, zu sagen: Das war's mit der Beziehung", sagt Rauscher. Doch statt Schluss zu machen, habe Christian F. seine damals 26-jährige Freundin getötet.

F. habe getötet, um für eine andere Frau "frei zu sein", sagt Rauscher, darin sieht er am Ende der Beweisaufnahme das zentrale Mordmotiv. Die Frau, die er meint, lernte F. im Frühjahr 2012 kennen. Er war damals Pfleger im Bezirkskrankenhaus Regensburg, die Frau war Patientin. Dass F. von einer Beziehung mit ihr träumte, darauf deuten viele sichergestellte SMS und Chatnachrichten hin. Es gibt allerdings noch mehr Indizien, die Staatsanwalt Rauscher in seinem Plädoyer noch einmal auflistet. Zum Beispiel die Suchwörter, nach denen F. in den Tagen vor Baumers Tod im Internet googelte: "der perfekte Mord" oder "Lorazepam, letale Dosis". Das Beruhigungsmittel Lorazepam fanden die Ermittler später in den Haaren und an der Kleidung der Leiche, die Pilzsammler im September 2013 in einem Wald bei Regensburg entdeckten, 16 Monate nach Baumers Verschwinden. Dort fanden die Ermittler auch einen Spaten in der Nähe der Stelle, an der Maria Baumer vergraben worden war. Einen baugleichen Spaten hatte F. kurz zuvor in einem Regensburger Baumarkt gekauft. Viele Indizien, keine Gewissheiten, das war die Ausgangslage dieses Mordprozesses.

Während des Prozesses kam dann ein Geständnis dazu. Im August ließ Christian F. über seinen Verteidiger Michael Euler erklären, dass er es war, der die Leiche seiner Verlobten im Wald vergrub - nachdem er Baumer morgens tot im Bett gefunden habe. Seine Verlobte habe sich die Dosis an tödlichen Medikamenten offenbar selbst verabreicht. Weil er diese Medikamente zuvor in der Klinik entwendet habe, habe er berufliche Konsequenzen gefürchtet und entschlossen, die Leiche verschwinden zu lassen. Verteidiger Euler nennt Baumers Tod einen "blöden Unfall", auch er hält an diesem Dienstag sein Plädoyer.

Sein Mandant habe Angst gehabt, "für diesen Unfall zur Rechenschaft gezogen" zu werden, sagt Euler. Als Baumer tot im Bett gelegen habe und auf ihrem Nachttisch die leeren Tablettenblister, da habe F. in "völliger Panik" den "Fehler begangen", die Leiche zu verscharren. Er habe "einen Fehler begangen und dann kam er nicht mehr raus", so erklärt Anwalt Euler, dass F. nach der Tat auch noch versuchte, die Ermittler auf falsche Fährten zu locken. Nach Baumers Verschwinden berichtete F. zum Beispiel von einem Telefonat mit seiner Verlobten. Die habe ihm gesagt, dass sie eine Auszeit brauche und nach Nürnberg fahre. Auch eine Nachricht, die Baumer vermeintlich von ihrem Facebook-Profil verschickte, stammte wohl von F.

Der Angeklagte habe sich "als pathologischer Lügner erwiesen", sagt Staatsanwalt Rauscher. Es handle sich zwar um einen Indizienprozess, aber durch die Summe der Indizien lasse sich "problemlos objektivieren", dass F. der Mörder von Maria Baumer sei. Dessen Verteidiger plädiert dagegen für Freispruch. Zwar räumt auch Anwalt Euler ein, dass es zahlreiche Indizien gibt. Doch einen Beweis, dass F. seiner Verlobten eine tödliche Medikamentendosis verabreicht hat, gibt es aus Eulers Sicht nicht. Ohne Beweis, kein Schuldspruch, so sieht er das. Dass F. in einem früheren Verfahren wegen Kindesmissbrauchs verurteilt wurde und dafür, dass er die Patientin, für die er schwärmte, mit Lorazepam betäubte, sei ebenfalls kein Beweis für den Mord an Maria Baumer.

In der kommenden Woche soll es im Fall Baumer ein Urteil geben.

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Fortsetzung des Mordprozesses im Fall Maria Baumer

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Im Prozess um den Tod von Maria Baumer scheint die Beweislage gegen den Angeklagten erdrückend zu sein. Es gibt viele Indizien: eine alte Verurteilung, einen Spaten und den Zugang zu Beruhigungsmittel.

Von Andreas Glas

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