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Regensburg:Endlich eine Rathauschefin

Kommunalwahl in Bayern - Regensburg

Ganz knapp, mit 50,74 Prozent der Stimmen, gewinnt Gertraud Maltz (SPD) die Stichwahl zur Oberbürgermeisterin. Ihre CSU-Konkurrentin Astrid Freudenstein lag im ersten Wahlgang noch vorne.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

Nach drei Jahren Vertretung wird Gertraud Maltz-Schwarzfischer offiziell OB. Wer ist nun also diese Frau, die zum 1. Mai Chefin im Rathaus wird?

Das Warten auf die Entscheidung hat sich die Mittelbayerische Zeitung (MZ) damit vertrieben, die Kandidatinnen beinahe mikroskopisch zu sezieren. Alle paar Tage erschien zuletzt irgendein "Check" irgendeines "Experten" über "die Outfits der OB-Kandidaten", deren Internetauftritte oder darüber, wie sie sich "auf Wahlplakaten in Szene gesetzt" haben. Zuletzt hat die Zeitung auch noch die Körpersprache von Gertrud Maltz-Schwarzfischer (SPD) und Astrid Freudenstein (CSU) zerlegt. Man konnte erfahren, dass die CSU-Kandidatin oft ihren Kopf zur Seite neigt und dadurch "Vertrauen schafft". Und die SPD-Kandidatin gern mit sich selbst Händchen hält, was ein "Gefühl der Unsicherheit" verrät.

Ein Gefühl der Unsicherheit hat sich in den vergangenen Tagen dann in ganz Regensburg breit gemacht, zumindest bei all denen, die wissen wollten, wen sie denn nun eigentlich zur Oberbürgermeisterin gewählt haben - und ob sie das jemals erfahren werden. Vom Abgabeschluss der Briefwahlbögen bis zur offiziellen Verkündung des Ergebnisses sollten am Ende exakt 45 Stunden und 22 Minuten vergehen. Dann, am Dienstag um 15.22 Uhr, stand endlich fest: SPD sticht CSU. Regensburgs neue Oberbürgermeisterin heißt Gertrud Maltz-Schwarzfischer.

Freudenstein, die nach dem ersten Wahldurchgang noch vorne lag (29,5 Prozent), holt in der Stichwahl 49,26 Prozent der Stimmen. Maltz-Schwarzfischer, die in der ersten Runde auf 22,15 Prozent kam, liegt am Ende bei 50,74 Prozent. Sie wird nun also Nachfolgerin des zuletzt wegen Korruptionsverdachts suspendierten OB Joachim Wolbergs - und erste Regensburger Oberbürgermeisterin seit 24 Jahren. Die letzte Frau an der Stadtspitze hieß Christa Meier (SPD), die zwischen 1990 und 1996 die Chefin im Rathaus war.

Es war eine knappe Entscheidung - noch knapper, als viele im Vorfeld der Stichwahl erwartet hatten. Eine Prognose war deshalb so schwierig, weil die Korruptionsaffäre die politischen Verhältnisse in Regensburg durcheinandergewürfelt hatte. Und weil weder die eine noch die andere Kandidatin einen kompletten Neuanfang nach der Krise symbolisierte. Maltz-Schwarzfischer war die Parteifreundin des suspendierten OB, bevor Wolbergs die SPD im Frühjahr 2019 verließ, um seinen eigenen Wahlverein zu gründen. Auch Freudensteins CSU hat die Affäre nicht unbefleckt überstanden. Gegen einige ihrer Parteikollegen liefen ebenfalls Ermittlungen, gegen zwei von ihnen hat die Staatsanwaltschaft inzwischen Anklage erhoben. In allen Fällen geht es, wie bei Wolbergs, um merkwürdige Parteispenden aus der Regensburger Baubranche.

Wer ist nun also diese Frau, die zum 1. Mai Chefin im Rathaus wird? Ein Blick auf die Homepage der Stadt: geboren in Oberfranken, Abitur in Regensburg, Studium der Archäologie. Die 59-Jährige liest gern, das steht da auch. Am liebsten Krimis, "ich mag Politik-Thriller", sagt Gertrud Maltz-Schwarzfischer, die es im Januar 2017 selbst hineingespült hat in einen politischen Krimi. Damals war OB Wolbergs vorübergehend verhaftet, kurz darauf suspendiert worden - und Maltz-Schwarzfischer, eigentlich Zweite Bürgermeisterin, war plötzlich die Nummer eins der Regensburger Stadtpolitik.

Wenn man so will, hatte Maltz-Schwarzfischer also einen Amtsbonus, der in der Stichwahl entscheidend gewesen sein könnte. Mehr als drei Jahre vertritt sie nun den OB, mehr als drei Jahre hatten die Regensburger Zeit sich mit der Frau an der Stadtspitze vertraut zu machen. Maltz-Schwarzfischer wiederum konnte sich mit den Abläufen in der Verwaltung vertraut machen und schon mal OB-Erfahrung sammeln. In der Corona-Krise ist es sicher kein Nachteil, wenn eine Oberbürgermeisterin sich nicht erst einarbeiten muss. So könnten das viele gesehen haben, die Maltz-Schwarzfischer gewählt haben. Und Krisenerprobtheit bringt sie eh mit nach mehreren Jahren des politischen Ausnahmezustands in Regensburg.

Eine weitere Erklärung, dass Freudenstein ihren Vorsprung nach dem ersten Wahlgang nicht ins Ziel bringen konnte: Die Wahlempfehlungen, die unter anderem die Grünen und Wolbergs' Brücke vor der Stichwahl für Maltz-Schwarzfischer abgaben. Inhaltlich dürften deren Wähler eher der SPD nahe stehen als der CSU - und nun mehrheitlich ihr Kreuz bei Maltz-Schwarzfischer gesetzt haben.

Dafür, dass die Regensburger so lange auf das Stichwahlergebnis warten mussten, hatten die einen maximales Verständnis, die anderen nur maximale Häme übrig. Um die Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus zu reduzieren, ließ die Stadt die Stimmen nicht von vielen Wahlhelfern auszählen, sondern von wenigen eigenen Mitarbeitern. Sehr verantwortungsvoll, fanden die einen. Ziemlich peinlich, die anderen. Denn alle übrigen Stichwahlstädte hatten ihre Wahlzettel bereits am Sonntag oder Montag ausgezählt - während das Zählen in Regensburg erst am Dienstag so richtig losging.

Weil alles so lang dauerte, standen die Reaktionen von Gewinnerin und Verlieren noch aus, als die Stadt das Ergebnis verkündete. Wie Gertrud Maltz-Schwarzfischer ihren Wahlsieg aufgenommen hat und mit welcher Körpersprache, blieb zunächst also im Unklaren.

© SZ vom 01.04.2020/wean

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