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Passau:SPD will Gestaltungsvorgaben für die Altstadt lockern

Fläche machen: In Passaus Altstadt könnten künftig auch Fotovoltaikanlagen entstehen. Die Simulation ist nur eine symbolhafte Veranschaulichung und berücksichtigt nicht die realistische Ausrichtung der Solaranlagen.

(Foto: Werner Otto/imago // Bildbearbeitung: SZ)

Das soll etwa größere Ausbauten oder Solaranlagen erlauben. Kritiker wie der ÖPD-Stadtrat Urban Mangold fürchten um das Erscheinungsbild des historisch gewachsenen Ensembles.

Von Lisa Schnell, Passau

Urban Mangold wohnt in Passau an der Kapuzinerstraße. Jeden Tag, wenn er aufsteht, blickt er aus dem Fenster und genießt erst mal. Er sieht den Inn vorbeifließen, er sieht die Südseite der Passauer Altstadt. "Ein wunderbarer Panoramablick", sagt er. Kleine spitze Türme, große zwiebelige Türme, ein bisschen Gotik, viel barocker Glanz, und über allem thront die Burg. Mangold kann da lange schwärmen. Am vergangenen Freitag aber, als er in der Frühe seinen Blick aus dem Fenster warf, sah er etwas anderes: Schwarze Solaranlagen, Dachgauben, wild durcheinander, und Aufzüge an historischen Fassaden.

Natürlich sah er das nur vor seinem inneren Auge, aber das reicht schon, um ihn in Alarmbereitschaft zu versetzen. Mangold sagt: "Ich sehe das Gesamtkunstwerk Passau in Gefahr." Einen Tag vor seiner dunklen Vision war der ÖDP-Stadtrat im Bauausschuss und hörte sich an, was die SPD mit der Altstadt vorhat. Sie stellt den Bürgermeister in Passau und möchte die Stadtbildsatzung überarbeiten. Die Verwaltung und die anderen Fraktionen sollen Vorschläge machen, sie selbst stellte vier vor. Manche davon, etwa zu Solaranlagen, gehen offenbar weiter als es in vielen Städten üblich ist.

Im Einzelfall braucht es bei Baudenkmälern sowieso die Erlaubnis des Landesamts für Denkmalpflege. Generell möchte die SPD aber, dass vieles einfacher wird, was jetzt schwierig oder gar nicht möglich ist. Dachböden sollen mit Hilfe von Gauben und Dachflächenfenstern leichter zu Wohnraum umgebaut werden können, Aufzüge sollen leichter genehmigt und Dächer und Fassaden intensiv darauf geprüft werden, ob sie sich für eine Fotovoltaikanlage eignen. Warum in der Altstadt nur Stühle aus Holz und Metall stehen sollen und die Sonnenschirme weiß bis beige sein müssen, ist der SPD nicht ersichtlich. Mittlerweile gebe es ja auch schöne Stühle aus Kunststoff. "Plastik", sagt Mangold, und: "völlig unmöglich".

Und schon befindet sich Passau mittendrin in einer Diskussion, die etwa so alt ist wie der Denkmalschutz. Es ist nicht leicht, was Städte heute beachten sollen. Sie sollen ihre Identität bewahren, aber auch mit der Zeit gehen, Flächen sparen, aus Sonne Energie gewinnen. Die Altstadt soll so schön bleiben, wie sie immer war. Nur: Was heißt da immer? Früher wurden Gebäude ganz selbstverständlich dem Baustil der Zeit angepasst, und jetzt darf sich nichts Neues einfügen? Die Altstadt soll außerdem nicht nur schön, sondern lebendig und allen zugänglich sein. Auch denen, die einen Aufzug benötigen, nur dazu bräuchte es eben Aufzüge.

Kurz: Es ist kompliziert. Schon die erste Sitzung im Passauer Bauausschuss soll sehr lebendig gewesen sein. So hat Markus Sturm das gehört, der die Diskussion angestoßen hat. Sturm ist Fraktionschef der SPD und quasi das Gegenstück zu Mangold. Der sei ein Mensch, "der immer noch betrübt ist über den Neubau des Altstadtkindergartens", ein Flachbau aus Holz direkt neben einer Barockkirche. Er dagegen finde, Alt und Neu vertrügen sich gut. Sturm möchte außerdem klarstellen: "Natürlich wollen wir ein historisch gewachsenes Stadtbild nicht von heute auf morgen komplett über den Haufen werfen."

Ein bisschen aber eben schon. Nicht einfach so, sagt Sturm, sondern, weil viele Passauer Wünsche an sie herangetragen hätten. Wohnungsnot sei kein Problem, aber Eigentümer wollten ihre Dachstühle trotzdem ausbauen, Restaurantbesitzer nicht mehr so schwere Stühle schleppen. Gerade für Ältere sei die Innenstadt attraktiv, weil alles gleich um die Ecke sei. Gerade Ältere müssten aber ausziehen, wenn sie die Treppe nicht mehr hochkämen, sagt Sturm. Heute gebe es zudem andere Möglichkeiten. Gauben könnten schöner gestaltet werden, für Aufzüge brauche es keine hohen Aufbauten mehr, Solaranlagen fügten sich besser ein. Am Rand der Altstadt gebe es viele Gebäude, die für Solaranlagen geeignet seien, "selbst wenn sie einsehbar sind".

Das Schöne an Passau ist ja, dass man von grünen Hügeln auf drei Flüsse und die Altstadt blicken kann. Oben, im Café Oberhaus bei der Burg, machen die Touristen ihre Fotos. Es ist das Bild, das sie auf Postkarten nach Hause schicken. Bald mit Fotovoltaikanlagen drauf? Passau würde seinen Charme verlieren, sagt Mangold. Ja, er ist bei der ÖDP und für die Energiewende. Wenn Solaranlagen nicht sichtbar seien, ginge das in der Altstadt. Ansonsten sei der Rest von Passau doch groß genug. Sturm nennt das "Sankt-Florians-Prinzip": überall, nur nicht bei mir.

Mangold redet von der einzigartigen Dachlandschaft, unberührt und nicht im Krieg zerstört. Deshalb sieht er auch Gauben kritisch. Mag sein, dass im Einzelfall mal ein Ausbau möglich sei, eine generelle Freigabe aber kann er sich nicht vorstellen. Ja, auch er sei für Barrierefreiheit, aber mit Aufzügen eine Stuckdecke zu durchbrechen, das sei doch "heller Wahnsinn". So viele Ältere lebten zudem gar nicht in der Altstadt, sondern mehr Studenten. Und dass Ausbauten die Wohnpreise eher nach oben als nach unten treiben, sei auch bekannt. Das sieht sogar Sturm ähnlich, der sagt: "Im ausgebauten Dachgeschoss wird wohl kein sozialer Wohnungsbau sein."

Vergleicht man die Vorschläge der Passauer SPD mit den Regeln in anderen Städten, gehen sie in manchen Punkten recht weit. Plastikstühle etwa sind in den Altstädten von Ingolstadt über Regensburg bis Nürnberg nicht erlaubt. Photovoltaik gar nicht oder nur, wenn sie nicht oder von Aussichtspunkten nicht einsehbar ist. In Dinkelsbühl und Nürnberg sind sie beim Dachausbau recht liberal. In Nürnberg liegt das daran, dass viele der Baudenkmäler dort aus dem Wiederaufbau stammen, etwa aus den Fünfzigerjahren. In Passau dürfte das anders sein. Außerdem kommt aus Nürnberg noch der Hinweis, dass "schöne" Solaranlagen meistens "unermesslich teuer" seien und sich deshalb nicht rentierten, für die Altstadt also meistens "totaler Quatsch".

Mangold dürfte das freuen, Sturm weniger. Beide werden wohl noch eine Weile diskutieren. Sturm wünscht sich aber, dass am Ende, wenn alle ihre Vorschläge gemacht haben, mit einer großen Mehrheit entschieden wird. Mangold sagt: "Wenn's ganz schlimm kommt, müssen wir mobilisieren." Er meint ein Bürgerbegehren.

© SZ vom 15.03.2021/vewo
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