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Schienenverkehr:Güterzug rast nahezu ungebremst 100 Kilometer durch Nordbayern

DB-Nordring auf Höhe Schleißheimer Straße

Hundert Streckenkilometer lang nicht zu stoppen war ein Güterzug ohne funktionierende Bremsen (Archivbild).

(Foto: Florian Peljak)
  • Mit bis zu 100 km/h ist ein Zug über 100 Kilometer durch Oberfranken und die Oberpfalz gerauscht - ohne funktionierende Bremsen.
  • Die beiden Lokführer hatten den Bremsschlauch falsch gekoppelt und vor dem Fahrtbeginn keine Bremsprobe durchgeführt.
  • Die Fahrdienstleiter entlang der Strecke räumten diese frei, bis der Zug auf einem flachen Streckenabschnitt ausrollen konnte.

Weil zwei Bahnmitarbeiter unaufmerksam sind, setzt sich ein Güterzug in Bewegung. Die 39 Waggons haben brandgefährliche Chemikalien geladen. Dummerweise sind die Bremsschläuche nicht verbunden. Binnen kurzer Zeit entwickelt der Zug ein hohes Tempo, rauscht unaufhaltbar durch die dicht besiedelte Landschaft. Das ist der Plot des Films "Unstoppable - Außer Kontrolle", der vor neun Jahren im Kino lief. Eine Hollywood-Fantasie, die mit der Wirklichkeit wenig zu tun hat. Möchte man meinen. Denn wie jetzt bekannt wurde, hat sich in der vergangenen Woche ein ähnliches Horrorszenario in der Oberpfalz zugetragen. Passiert ist womöglich nur deshalb nichts, weil die Fahrdienstleiter entlang der Gleisstrecke blitzschnell reagierten.

Der Güterzug, der am vergangenen Donnerstag in der tschechischen Grenzstadt Cheb losrollte, hatte zwar nur Holz geladen, keine Chemikalien. Ein Bahnsprecher spricht dennoch von einem "kritischen Ereignis". Fast 100 Kilometer soll der Zug gefahren sein. Nahezu ungebremst. Durch einen Teil Oberfrankens und einmal längs durch die Oberpfalz, von Norden nach Süden, über Marktredwitz und Weiden. Der Zug soll mehrere Bahnhöfe mit rund 100 Stundenkilometern passiert haben. Erst nach gut einer Stunde kamen die beiden Loks und die 19 Waggons zum Stehen. Wie im Hollywood-Film war wohl menschliches Versagen für die Risikofahrt verantwortlich. Die Bundespolizei ermittelt inzwischen wegen gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr. Das hat ein Polizeisprecher am Dienstag bestätigt.

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Die Ermittler dürften sich vor allem für die Rolle der beiden Lokführer interessieren. Es handelt sich um Mitarbeiter der Freilassinger K-Rail GmbH, die als privates Güterzugunternehmen auf den Schienen der Deutschen Bahn verkehrt. Man habe die zwei Mitarbeiter zunächst "gesperrt und mittlerweile fristlos gekündigt", sagt Gunther Pitterka am Dienstag auf SZ-Nachfrage. Der Geschäftsführer der K-Rail GmbH spricht ebenfalls von einem "schweren Eingriff in den Bahnverkehr". Es gebe "nichts zu beschönigen", sagt Pitterka, denn "es hätte natürlich schlimmer kommen können".

Laut Pitterka haben die beiden Lokführer einen Fehler beim Koppeln des Bremsschlauchs gemacht und vor dem Fahrtbeginn keine Bremsprobe durchgeführt. Damit hätten sie gegen die offiziellen Sicherheitsvorschriften verstoßen. Die Folge: Nachdem die Lokführer den Zug auf Geschwindigkeit gebracht hatten, konnten sie ihn nicht mehr bremsen. Denn anders als beim Auto auf der Straße hat ein Zug, der auf Schienen fährt, einen sehr geringen Rollwiderstand. Ohne eine einwandfrei funktionierende Bremse ist er gerade auf abschüssigen Strecken kaum zu stoppen. Bei der Strecke von Cheb, über Marktredwitz und Weiden in Richtung Schwandorf handelt es sich um einen solchen Gleisabschnitt mit mehreren Gefällen, die einen fahrenden Zug immer wieder auf Tempo bringen.

Dass sie ein Problem hatten, merkten die Lokführer offenbar kurz vor der Ortschaft Wiesau (Kreis Tirschenreuth), rund 25 Kilometer südwestlich des Startbahnhofs in Cheb. Dort hätte der Güterzug eigentlich halten sollen. Per Funk informierten die Lokführer den zuständigen Fahrdienstleiter über ihre Notsituation. Der wiederum alarmierte die sieben weiteren Fahrdienstleiter entlang der Strecke. So schildert es der Bahnsprecher. Die gesamte Strecke sei "innerhalb weniger Minuten bis ins Naabtal runter freigeräumt" gewesen. "Unsere Fahrdienstleiter haben an diesem Donnerstagnachmittag sehr gut auf eine Situation reagiert, die wir nahezu nie haben", sagt der Bahnsprecher.

Wenn ein Zug ein rotes Signal überfährt - wie in diesem Fall in Wiesau -, dann wird im Normalfall eine automatische Zwangsbremsung ausgelöst. Dieser Mechanismus setzt allerdings voraus, dass die Bremsen auch funktionieren, wie sie sollen. Den Oberpfälzer Fahrdienstleitern blieb also nichts anderes übrig, als für eine hindernisfreie Strecke ohne Gegenverkehr zu sorgen, damit der Zug ausrollen konnte, sobald das Gelände flacher wird. Im konkreten Fall kam der 1900 Tonnen schwere Zug erst bei Irrenlohe (Kreis Schwandorf) zum Stehen, weitere rund 70 Kilometer südlich des ursprünglich geplanten Halts im Bahnhof Wiesau. Danach übernahm ein Notfallmanager der Deutschen Bahn die Kontrolle und steuerte den Güterzug vorsichtig und mit Schrittgeschwindigkeit auf ein Abstellgleis im Irrenloher Bahnhof.

Dank der "super Reaktion" der Fahrdienstleiter habe "keine Gefahr" bestanden, sagt der Bahnsprecher. Der K-Rail-Chef ist dennoch erleichtert. "Zum Glück ist es gut ausgegangen", sagt Pitterka. Dass seiner Firma nun eine Strafe droht, glaubt er nicht. Es handle sich "nachweislich und eindeutig um einen Bedienfehler", sagt Pitterka. Trotzdem habe sein Unternehmen Konsequenzen aus der Risikofahrt durch die Oberpfalz gezogen. Künftig müssten die Lokführer der Dispositionsabteilung eine Bestätigung vorlegen, dass die Bremsprobe wirklich durchgeführt wurde, sagt Pitterka. Erst dann bekomme der Lokführer die Erlaubnis zur Abfahrt.

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