Oberammergau Ein neuer und ein alter Jesus

Spielleiter Christian Stückl (Mitte) präsentiert die Hauptdarsteller Frederik Mayet (links) und Rochus Rückel.

(Foto: dpa)

Christian Stückl hat in Oberammergau die Besetzung der Passion verkündet. Erstmals sollen auch zwei Männer mit muslimischen Wurzeln in Hauptrollen auf der Bühne stehen.

Von Matthias Köpf, Oberammergau

Langsam zieht Lena Rödl mit der Kreide auch rechts neben dem Wort Jesus einen senkrechten Strich auf die dunkle Tafel, und genau jetzt wissen einige in Oberammergau, dass in zwei Jahren nicht sie die Hauptrolle in der Passion und damit im ganzen Ort spielen werden. Denn links neben den Jesus hat Rödl gerade den Namen des 38-jährigen Frederik Mayet geschrieben, der die Rolle schon 2010 gespielt hat und Künstlerischer Direktor am Münchner Volkstheater ist. Aus dem senkrechten Kreidestrich rechts wird ein "R" und dann allmählich der Name von Rochus Rückel, eines 22-jährigen Studenten der Luft- und Raumfahrttechnik.

Einen bewährten und einen jungen Jesus werden sie 2020 also kreuzigen in Oberammergau, zusammen 103mal zwischen 16. Mai und 4. Oktober. Eine halbe Million Menschen aus aller Welt sollen dann das 4400 Zuschauer fassende Passionstheater, die Betten der Hoteliers und die Kassen der Gemeinde füllen. Deren Obere hatten 1633 gelobt, das Spiel vom Leiden und Sterben Christi aufzuführen, wenn der Herrgott den Ort von der Pest befreien würde. Fortan soll hier niemand mehr an der Pest gestorben sein, und seither spielen sie alle zehn Jahre ihren Passion, denn "Passion" ist hier von jeher männlichen Geschlechts.

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Das trifft auch auf die meisten Darsteller für die 21 doppelt besetzten Hauptrollen zu, denn Frauen braucht es nur für Maria, Magdalena und Veronika. Dabei waren erstmals mehr Frauen als Männer unter den 1830 erwachsenen Oberammergauern, die sich für eine Rolle beworben haben.

Wer hier geboren ist oder länger als 20 Jahre lebt, hat ein Recht auf Mitwirkung, und sei es als Statist oder Platzanweiser. Wer was wird, konnten die etwa 2000 versammelten Oberammergauer bei der "Spielerzahl" am Samstag den Listen entnehmen, die Spielleiter Christian Stück und sein Stellvertreter Abdullah Karaca nach dem rituellen Anschreiben der Hauptrollen auf weitere Tafeln tackerten.

Stückl, der 2020 seine vierte Passion inszeniert, hat viele junge Hauptdarsteller ausgewählt, um keine Generation für die Passion zu verlieren, wie er sagt. Mit vielen hat er das Passionstheater sommers mit anderen Stücken bespielt, Anekdoten kennt er zu allen. Stückl selbst ist seit 2002 Intendant des Münchner Volkstheaters, sein 2016 berufener Stellvertreter Abdullah Karaca ist dort Hausregisseur, und auch Stefan Hageneier baut da wie dort die Bühne.

Nicht allen im Ort gefällt diese Professionalisierung der Passion, doch so tiefe Zerwürfnisse wie vor Stückls erster Passion 1990, bei der Auseinandersetzung mit antisemitischen Anklängen und beim Umschwenken auf einen anderen Text gibt es nicht mehr. Stückl hatte 1990 den ersten Evangelischen in eine Hauptrolle berufen. 2020 werden mit Karaca als Nikodemus und Cengiz Görür als Judas zwei Männer mit muslimischen Wurzeln in Hauptrollen auf der Bühne stehen.

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