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Nürnberg:Die Zeppelintribüne wird nicht schöner, nur stabiler

Sanierung der Nürnberger Zeppelintribüne

Die Zeppelintribüne auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände spiegelt sich in einer Wasserpfütze.

(Foto: dpa)
  • Einst inszenierten die Nazis ihre Massenaufmärsche auf dem ehemaligem Nürnberger Reichsparteitagsgelände.
  • Den Zweiten Weltkrieg hat die Zeppelintribüne überdauert, inzwischen verfällt das Bauwerk aber.
  • Es soll für etwa 85 Millionen Euro saniert werden. Einen Teil übernimmt der Bund, etwa 21 Millionen die Stadt Nürnberg und weitere 21 Millionen hat nun der Freistaat Bayern zugesagt.

Vom Nieselregen lässt sich die Reisegruppe an diesem Samstag nicht stören. Ein Dutzend Australier und Kanadier, mit dem Flusskreuzer von Amsterdam nach Budapest unterwegs, besichtigt in Nürnberg das ehemalige Reichsparteitagsgelände. Die Stufen der Zeppelintribüne sind in einem sichtbar schlechten Zustand. Grau vor Nässe, an vielen Stellen ist der Kalkstein abgeplatzt, in den Fugen wachsen Löwenzahn und Birkentriebe.

Die Besucher gehen vorsichtig zur Plattform der Tribüne hinauf, um schließlich von der Stelle aus hinunter aufs Zeppelinfeld zu schauen, an der Adolf Hitler bei den Propagandaveranstaltungen die Huldigungen der Massen entgegennahm. Ein Foto, dann wartet unten schon der Guide. Der ist Neuseeländer und hat vorhin erzählt, dass die Stadt das alte Bauwerk weitgehend sich selbst überlässt - nur Schmierereien würden entfernt. Dass Bund, Land und Stadt demnächst 85 Millionen Euro ausgeben wollen, um das Gelände zu erhalten, hat er noch nicht gehört. Ansonsten ist er durchaus im Thema drin. "Sensible Angelegenheit", sagt er zu den Sanierungsplänen. Aber wenn's ausschließlich um den Erhalt geht, dann sei das schon zu begrüßen.

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Keine halbe Stunde später geben Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD) und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) auf der anderen Seite der Zeppelintribüne in einer Halle unterhalb der "Führerkanzel" bei einer Pressekonferenz bekannt, dass es jetzt tatsächlich los gehen kann mit der lange geplanten und noch sehr viel länger diskutierten Sanierung des Nazi-Bauwerks mitsamt dem Zeppelinfeld. Der Freistaat werde sich mit 21,3 Millionen Euro am Projekt beteiligen, kündigt Söder an, was keine Überraschung ist. Die Staatsregierung hat schon vor Jahren in Aussicht gestellt, dass sie ein Viertel der Kosten übernehmen würde, wenn der Bund die Hälfte des Projekts finanziert. Und das hat der Bundestag im Sommer 2018 beschlossen. Nun sollen die Ausschreibungen starten, kündigt Nürnbergs Baureferent Daniel Ulrich an. Acht bis zwölf Jahre würden die Arbeiten dauern.

Dass es sich um ein sensibles Projekt handelt, ist allen bewusst. Die Stadt hat sich intensiv und ernsthaft mit der Frage auseinandergesetzt, ob es wirklich gerechtfertigt ist, so viel Geld auszugeben, um einen Ort der Nazi-Propaganda zu erhalten. Sie hat Experten aus dem In- und Ausland zu Symposien eingeladen und untersuchen lassen, was es für die etwa 300 000 Besucher des Geländes bedeutet, den Originalschauplatz der Reichsparteitage sehen zu können. Und obwohl sich der Stadtrat schon 2004 einstimmig für den Erhalt ausgesprochen hat, wurde das Für und Wider auch danach immer wieder geduldig diskutiert, wenn sich die verbleibenden Kritiker zu Wort meldeten.

Bei der Pressekonferenz versichert Maly noch einmal, dass hier nichts "aufgehübscht und verschönert" werden solle, es gehe nur darum, das Areal "trittfest" zu machen und als "begehbares Ausstellungsstück" zu erhalten. Baureferent Daniel Ulrich versichert: "Es wird hinterher gar nicht anders aussehen. Es wird nur nichts mehr runterfallen." Hauptaufgabe sei, den Verfall zu stoppen und das Gebäude trocken zu legen, erklärt er. "Das klingt nach wenig, aber da das Gebäude so groß ist, ist es eine große Aufgabe." Etwa 370 Meter misst die mit Kalkstein verkleidete Haupttribüne, die im Inneren aus Ziegelmauern und Stahlbetondecken besteht und nicht für die Ewigkeit gebaut wurde. Etwa zwei Drittel des Geldes werden in die Sanierung der Tribüne fließen. "Wenig Euro pro Quadratmeter mal sehr viele Quadratmeter ist am Ende doch sehr viel Geld", erklärt er.

Söder betont, dass es auch deshalb notwendig sei, mit solch einem Mahnmal an die Vergangenheit zu erinnern, weil es "politische Gruppierungen gibt, die das einen Vogelschiss der Geschichte nennen". Voraussetzung sei natürlich, dass man die Steine sprechen lasse und aufzeige, was hinter der Inszenierung steckte.

Die Vermittlungsarbeit ist Teil des Sanierungskonzepts und im Budget eingerechnet. Nürnbergs Kulturreferentin Julia Lehner skizziert am Samstag, wie die Stadt Besuchern das Gelände künftig noch besser erklären will. Neu wird sein, dass ein Teil des als Sportplatz genutzten und umzäunten Zeppelinfelds geöffnet wird, genau wie die früheren Zuschauerränge auf den Wallanlagen, die das Feld auf drei Seiten einfassen. Ein Informationspavillon ist geplant, außerdem diverse multimediale Stationen auf dem Areal. Fast alles soll zugänglich sein, was zur Entmystifizierung beitragen soll. Man werde mit eigenen Augen sehen können, dass sich hinter den Fassaden der pompösen Architektur vor allem haufenweise Toilettenanlagen verbargen.

Größte Veränderung wird die dauerhafte Wiedereröffnung der wegen ihrer goldfarben Deckenmosaiken auch "Goldener Saal" genannten Halle im Inneren der Tribüne. Sie wird zu einer Außenstelle des Dokumentationszentrums. Der von Albert Speer geplante Innenraum wurde spät fertig und nie benutzt, weil der Reichsparteitag 1939 wegen des Kriegsbeginns abgesagt wurde. Alexander Schmidt vom Dokuzentrum Reichsparteitagsgelände hat unter anderem vor, den Raum durch Licht- und Soundeffekte zu verändern, um Speers Inszenierung auch sinnlich zu brechen und zu kommentieren. "Wir werden hier auf keinen Fall ein Speer-Museum schaffen", verspricht er und bekräftigt: "Wir tun diesen Bauten keine Ehre an." Das gesamte Gelände solle weiter so unkonventionell und divers genutzt werden wie bisher: Zum Joggen, für Konzerte - mit dem halben Zeppelinfeld bekämen die Nürnberger sogar eine Parkfläche dazu.

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