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Asylpolitik:"Ich glaube nicht, dass so viele Menschen grundsätzlich fremdenfeindlich sind"

Woher nun die Zurückhaltung, die Vorsicht? Was war passiert? Es ist eine Entwicklung, die vielerorts in Deutschland zu besichtigen ist. Da sind einerseits die rohe Ablehnung und die Angst vor dem Fremden einer freundlichen Neugier und echten Hilfsbereitschaft gewichen. Und andererseits sind der Umgang miteinander und die Wortwahl noch roher geworden. Auch hier, im Rottal, kamen die Veränderungen und die Ernüchterung wohl eher schleichend. Nicht im klaren Schwarz-Weiß-Kontrast, eher verschwimmend im Grau. Anfangs war da ein großer Helferkreis, der Sprachunterricht organisierte. Der Frauenbund half mit Babykleidung. Ein Mäzen zahlte den Wlan-Anschluss im Flüchtlingsheim. Dann entdeckten die Rechten das Heim an diesem sensiblen Ort. Flugblätter gegen Asylbetrug wurden verteilt. Irgendwann musste der neue Bürgermeister von Pfarrkirchen einen Handwerker-Bereitschaftsdienst organisieren, um schnell die ausländerfeindlichen Parolen an den Hausmauern übertünchen zu lassen.

Die Hilfsbereitschaft ist geblieben, natürlich. Die soziale Wohnungsgenossenschaft in Pfarrkirchen hat schöne Häuser gebaut, in denen viele geduldete oder anerkannte Flüchtlinge untergekommen sind. Einige von ihnen haben Arbeit gefunden, im nahen Bäderdreieck als Koch, als Zimmermädchen. Es sind Freundschaften zu Helfern entstanden. Es haben sich aber auch einige nach der ersten Euphorie abgewandt. "Da herrscht oft Ernüchterung, weil die Helfer merken, dass da auch Menschen mit Fehlern gekommen sind, die auf ihrer Flucht gelernt haben, sich selbst der Nächste zu sein", sagt einer aus dem Kreis.

Dieter Borchmeyer "Die Deutsch­en haben ein negatives Verhält­nis zu sich selbst"
SZ–Magazin
Dieter Borchmeyer und Zafer Şenocak im Interview

"Die Deutsch­en haben ein negatives Verhält­nis zu sich selbst"

Wer sind wir, und wer wollen wir sein? Die Flüchtlingsdebatte hat das Selbstbild der Deutschen durcheinandergewirbelt. Ein Gespräch zwischen dem Germanisten Dieter Borchmeyer und dem Schriftsteller Zafer Şenocak, die jeweils Bücher über das Deutschsein geschrieben haben.   Interview von Tobias Haberl

Der Passauer Bischof Stefan Oster, der vor vier Jahren so zuversichtlich war, dass die Menschen den Fremden gegenüber offener geworden seien, verfolgt die Schließung des Heims genauso aufmerksam wie dessen Eröffnung. "Es macht mir jetzt auch Sorgen, dass ich die Gesellschaft damals vielleicht insgesamt überschätzt habe. Wir merken, wie die Stimmung gekippt ist seit der Grenzöffnung 2015." Die Polarisierung auch im politischen Diskurs sei schlimmer geworden - und nicht besser. "Auf einmal ist die größte Oppositionspartei in Berlin eine Partei, die mit fremdenfeindlichen Artikulationen Geschmacksgrenzen unterschreitet", sagt der Bischof. Er saß oft an Runden Tischen, wo Behörden, Kirche, Organisationen und Helfer die Unterbringung der Flüchtlinge koordinierten: "Ich glaube nicht, dass so viele Menschen grundsätzlich fremdenfeindlich sind. Viele sind eher frustriert und enttäuscht." Und eigentlich lebe man ja hier immer noch im ländlichen Gebiet. Die Flüchtlinge wollten gar nicht hierbleiben, sie ziehe es in die Ballungsräume.

Die Familie Agha aus Syrien beispielsweise. Mann, Frau, Schwiegermutter, vier Töchter. Nach der Flucht über den Sudan und Libyen lebten sie ein Jahr im Heim in Dorf Schönau. Unter einem Dach mit 21 Männern aus Afrika. Sie hatten Angst, verzweifelten an den schlechten Busverbindungen in die Stadt - sie leben inzwischen nahe Berlin bei Verwandten.

Der desertierte syrische General wartete lange, quälende Monate auf seine Duldung, nahm nur selten Kontakt zu seiner Familie auf. Heimleiter Wasmeier war sein wichtigster Gesprächspartner in dieser Zeit. Keiner durfte wissen, wo der General ist. Seine Frau in Damaskus war ja regelmäßig zum Verhör geholt worden. Der Sohn, im Krieg verletzt, durfte nachkommen. Die Familie lebt jetzt in einer Großstadt.

Die Großfamilie aus Serbien war einen Winter lang da. Sie bekamen noch ein Baby, eine Frühgeburt, die Abschiebung wurde darum immer wieder verschoben. Manchmal kam der Gerichtsvollzieher hoch zum Gartlberg, weil die Eltern im Supermarkt anschreiben ließen - und nicht zahlten. Die Beschaffung von Ersatzpapieren zog sich über Monate hin. Dann waren sie weg - und wollten den Winter darauf wiederkommen, sagten sie. Das Heim aber gibt es nicht mehr.

Momo M. aus Nigeria ist mit ihrem Mann und vier Kindern umgezogen auf den Griesberg, das letzte verbliebene Asylheim in Pfarrkirchen. Sie waren unter den ersten Bewohnern, kamen direkt aus Italien, wo sie vorher sieben Jahre gewohnt hatten. Ihr Asylverfahren läuft noch. Wie es weitergeht? Ungewiss. Die Kinder sprechen schon gut Deutsch.

Unten in Pfarrkirchen fallen die Kinder nicht mehr auf. Das Stadtbild ist in diesen Jahren ein anderes geworden. Neue Gesichter, viele Hautfarben. Denn vor drei Jahren wurde Pfarrkirchen auch noch Hochschulstadt: Am European Campus studieren jetzt 500 junge Menschen aus 70 Ländern. Aus Brasilien, Indien, Libanon, Korea, Pakistan, Mexiko, USA, Simbabwe. Wer da mit dem Schlauchboot oder ganz bequem mit dem Flugzeug kam, lässt sich nicht leicht auseinanderhalten.

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