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Asylpolitik:Flüchtlinge in Niederbayern: Und weg sind sie

Bischof Stefan Oster

Bischof Stefan Oster sorgt sich um die Stimmung in der Gesellschaft.

(Foto: Armin Weigel / picture alliance)

Vor vier Jahren zogen Flüchtlinge in eine Unterkunft neben der Wallfahrtskirche auf dem Gartlberg in Pfarrkirchen. Groß war die Hilfsbereitschaft der einen und der Protest der anderen. Nun ziehen die Asylbewerber aus. Es bleibt eine gewisse Ernüchterung.

Es war vor knapp vier Jahren, im Oktober 2014. Da saß Hans Eder, der Stadtpfarrer von Pfarrkirchen oben in seiner prächtigen Wallfahrtskirche und dachte nach. Wie man nur all der Aufregung Herr werden könne, weil hier, einen Steinwurf entfernt, gerade ein Flüchtlingsheim eröffnet worden war. Für Fremde, Muslime, so viele Leute, von überall her - hier, auf dem heiligen Berg im katholischen Niederbayern. Unfassbar für viele.

Im August 2018, in diesem heißen Sommer, weht nur ein Lüftchen aus dem Rottal hoch. Ansonsten ist es still, sehr still. Das Flüchtlingsheim Gartlberg wird geschlossen. Tag für Tag ziehen die letzten 30 Bewohner aus. Weil nur noch wenige Flüchtlinge kommen in diesen Landstrich nahe der österreichischen Grenze, braucht man die Unterkunft nicht mehr.

So einfach ist das jetzt. Und so schwierig war es, als alles anfing.

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In diesen vier Jahren hat sich viel bewegt in den Herzen und Köpfen der Menschen im Rottal und weiter südlich in Simbach am Inn. Sie mussten ja mit Extremen klarkommen. Bei ihnen standen tatsächlich geflüchtete Familien frühmorgens in den Vorgärten, erschöpft vom Weg zu Fuß von der nahen deutschen Grenze. Das war, als die Balkanroute noch offen war. Extrem war bei den Einheimischen dann auch die Hilfsbereitschaft ausgeprägt - aber ebenso die Ablehnung den Fremden gegenüber. Heute holen sie alle mal ein bisschen Luft im schönen Rottal, dem Postkartenidyll.

In diesen vier Jahren fügten sich viele Schicksale unter dem Dach des Klostertrakts. Die große Welt fand im Kleinen zusammen. Ein desertierter syrischer General lebte da, in Sorge um seine Frau in Damaskus; eine Großfamilie aus Serbien, die immer kurz vor der Abschiebung plötzlich keine Papiere mehr hatte; junge Eritreer, die vor Heimweh verzweifelten, und nigerianische Frauen, die wohl ihr ganzes Leben auf der Flucht sind.

Sie alle sind weg. Der Stadtpfarrer auch. Hans Eder wurde Ende Juli mit Würstl, Hendl und Festbier in den Ruhestand verabschiedet. Eine Hoffnung vom Seelsorger damals, im Jahr 2014, hat sich ganz offensichtlich nicht erfüllt. Mit Blick auf die bemalten Votivtafeln in der Wallfahrtskirche hatte Pfarrer Eder gesagt: "So viele Dankesgaben haben wir hier von Menschen, die verzweifelt waren. Vielleicht hängen da ja in ein paar Jahren Bilder von Schiffen, die über das Mittelmeer kommen." Bilder mit orangeroten Rettungswesten und Schlauchbooten sieht man nicht hinter dem Altarraum, wo die historischen Tafeln vor sich hindunkeln. Nur die Gebeine der heiligen Märtyrerin Theodora, die hier seit 1678 unter italienischem Stuck liegen.

Aber etwas ist dann doch neu in der Wallfahrtskirche: An den Beichtstühlen stehen wieder Namen, nach langer Zeit. Pater Jacek. Pater Jakob. Kurz nach dem Einzug der Flüchtlinge hatte es das Bistum Passau geschafft, auch den südlichen Klosterteil wiederzubeleben. Es sind drei Mönche vom Paulinerorden eingezogen. Sie kommen aus Polen, also auch aus der Fremde, irgendwie. Die katholische Kirche in Deutschland schafft es ja nicht mehr, freie Pfarrstellen und Klosterzellen mit eigenem Nachwuchs zu besetzen.

Die drei Patres aus Polen, so hört man, kamen gut mit den Nachbarn aus aller Welt klar. Die Flüchtlinge halfen bei Prozessionen, schleppten auch mal die schwere Erntekrone in die Wallfahrtskirche. Einmal, als die Polizei ins Asylbewerberheim gekommen war, duckte sich hier eine sehr alte Frau aus Syrien zwischen den hölzernen Kirchenbänken, versteckte sich zitternd vor Angst. Sie hatte illegal im Heim übernachtet, war zuvor von Schleusern mit ihren Söhnen hergebracht worden - zum Ausruhen auf der Flucht. Die Bundespolizei entdeckte sie, holte die Familie ab zur Registrierung nach Deggendorf.

Das war in der Hochphase der so genannten Flüchtlingskrise. Als in den Landkreisen Passau und Rottal-Inn tagtäglich Tausende, Zehntausende Menschen strandeten, fix und fertig vom langen Weg. Knapp zehn Prozent aller Asylbewerber, die nach einem Verteilungsschlüssel Niederbayern zugewiesen wurden, sollten Obdach finden zwischen Rott und Inn. Im Oktober 2014, als das Heim auf dem Gartlberg eröffnet wurde, hatte das Landratsamt acht Unterkünfte für 460 Menschen organisiert. Ende 2015 der Höhepunkt: 1159 Asylbewerber waren in 20 Unterkünften untergebracht. Das Kunststück, in leerstehenden Wirtshäusern oder Supermärkten eine menschenwürdige Bleibe zu schaffen, versuchten die Leute im Landratsamt täglich aufs Neue, oft gegen Widerstände.

Franz Wasmeier versuchte, mit Herz und viel Handwerkszeug Ordnung zu halten.

(Foto: Catherina Hess)

Der CSU-Landrat Michael Fahmüller musste sich beispielsweise gegen einen Parteifreund, den ehemaligen Pfarrkirchner Bürgermeister, zur Wehr setzen. Dieser hatte ihm vorgeworfen, die Gefühlslage der Menschen zu ignorieren. Die Marienwallfahrtsstätte sei ein zu sensibler Ort, um dort Flüchtlinge unterzubringen. Und wenn schon, dann wenigstens "brutal verfolgte Christen". Im Büro des Landrats riefen Pfarrkirchner an, die Angst hatten, der Islam überrenne das Christentum.

Fahmüller behielt damals die Ruhe. Er appellierte wärmstens an seine Wähler, Respekt vor dem Schicksal der Flüchtlinge zu haben. Er hielt Kontakt zum Passauer Bischof Stefan Oster, der unbeirrt den Weg zum Gartlberg freimachte. Als im Sommer darauf ein katastrophales Hochwasser Simbach am Inn heimsuchte, bedankte sich der Landrat per Handschlag bei den vielen Flüchtlingen unter den Helfern. Neben Fahmüller im Schlamm watete der damalige bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer, der jetzt so stolz darauf ist, als Bundesinnenminister möglichst viele Flüchtlinge abzuschieben zu können.

Fast stolz berichtete der CSU-Landrat damals von den vielen Helfern überall. Im Dorf Schönau etwa, wo 31 Einheimische sich um 35 Flüchtlinge kümmerten, mit ihnen sogar gemeinsam ein Theaterstück aufführten. In all den vier Jahren öffnete Fahmüller Tür und Tor der Heime, um Verständnis für die Arbeit der Heimleiter, der Verwaltung im Landratsamt und für die Flüchtlinge zu wecken.

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Jetzt, nach vier Jahren ist der CSU-Mann nicht mehr so offen. Er klingt nüchterner, wenn nicht ernüchtert: "Es sind viele gute Strukturen im Bereich Migration entstanden. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich die Lage zunehmend entspannt, und das spürt auch die Bevölkerung." Sachlich informieren seine Mitarbeiter darüber, dass derzeit im Landkreis noch zwölf dezentrale Unterkünfte in Betrieb seien. 18 Unterkünfte konnten in den vergangenen Jahren geschlossen werden. Insgesamt leben jetzt, im August, noch 581 Flüchtlinge hier. Eine Besuchsgenehmigung für das Heim verwehrt das Landratsamt jetzt, ebenso die Erlaubnis, mit dem Heimleiter zu sprechen, der ein paar Jahre die Seele des Flüchtlingsheims war. Franz Wasmeier hatte dort geschrubbt, geschraubt und organisiert, damit alles schön sauber und friedlich bliebe. Inzwischen arbeitet er als Hausmeister in einem Schulzentrum. Geht Wasmeier über den Stadtplatz, grüßen Flüchtlinge mit: "Hello Chief!"

"Ich glaube nicht, dass so viele Menschen grundsätzlich fremdenfeindlich sind"

Woher nun die Zurückhaltung, die Vorsicht? Was war passiert? Es ist eine Entwicklung, die vielerorts in Deutschland zu besichtigen ist. Da sind einerseits die rohe Ablehnung und die Angst vor dem Fremden einer freundlichen Neugier und echten Hilfsbereitschaft gewichen. Und andererseits sind der Umgang miteinander und die Wortwahl noch roher geworden. Auch hier, im Rottal, kamen die Veränderungen und die Ernüchterung wohl eher schleichend. Nicht im klaren Schwarz-Weiß-Kontrast, eher verschwimmend im Grau. Anfangs war da ein großer Helferkreis, der Sprachunterricht organisierte. Der Frauenbund half mit Babykleidung. Ein Mäzen zahlte den Wlan-Anschluss im Flüchtlingsheim. Dann entdeckten die Rechten das Heim an diesem sensiblen Ort. Flugblätter gegen Asylbetrug wurden verteilt. Irgendwann musste der neue Bürgermeister von Pfarrkirchen einen Handwerker-Bereitschaftsdienst organisieren, um schnell die ausländerfeindlichen Parolen an den Hausmauern übertünchen zu lassen.

Die Hilfsbereitschaft ist geblieben, natürlich. Die soziale Wohnungsgenossenschaft in Pfarrkirchen hat schöne Häuser gebaut, in denen viele geduldete oder anerkannte Flüchtlinge untergekommen sind. Einige von ihnen haben Arbeit gefunden, im nahen Bäderdreieck als Koch, als Zimmermädchen. Es sind Freundschaften zu Helfern entstanden. Es haben sich aber auch einige nach der ersten Euphorie abgewandt. "Da herrscht oft Ernüchterung, weil die Helfer merken, dass da auch Menschen mit Fehlern gekommen sind, die auf ihrer Flucht gelernt haben, sich selbst der Nächste zu sein", sagt einer aus dem Kreis.

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Der Passauer Bischof Stefan Oster, der vor vier Jahren so zuversichtlich war, dass die Menschen den Fremden gegenüber offener geworden seien, verfolgt die Schließung des Heims genauso aufmerksam wie dessen Eröffnung. "Es macht mir jetzt auch Sorgen, dass ich die Gesellschaft damals vielleicht insgesamt überschätzt habe. Wir merken, wie die Stimmung gekippt ist seit der Grenzöffnung 2015." Die Polarisierung auch im politischen Diskurs sei schlimmer geworden - und nicht besser. "Auf einmal ist die größte Oppositionspartei in Berlin eine Partei, die mit fremdenfeindlichen Artikulationen Geschmacksgrenzen unterschreitet", sagt der Bischof. Er saß oft an Runden Tischen, wo Behörden, Kirche, Organisationen und Helfer die Unterbringung der Flüchtlinge koordinierten: "Ich glaube nicht, dass so viele Menschen grundsätzlich fremdenfeindlich sind. Viele sind eher frustriert und enttäuscht." Und eigentlich lebe man ja hier immer noch im ländlichen Gebiet. Die Flüchtlinge wollten gar nicht hierbleiben, sie ziehe es in die Ballungsräume.

Die Familie Agha aus Syrien beispielsweise. Mann, Frau, Schwiegermutter, vier Töchter. Nach der Flucht über den Sudan und Libyen lebten sie ein Jahr im Heim in Dorf Schönau. Unter einem Dach mit 21 Männern aus Afrika. Sie hatten Angst, verzweifelten an den schlechten Busverbindungen in die Stadt - sie leben inzwischen nahe Berlin bei Verwandten.

Der desertierte syrische General wartete lange, quälende Monate auf seine Duldung, nahm nur selten Kontakt zu seiner Familie auf. Heimleiter Wasmeier war sein wichtigster Gesprächspartner in dieser Zeit. Keiner durfte wissen, wo der General ist. Seine Frau in Damaskus war ja regelmäßig zum Verhör geholt worden. Der Sohn, im Krieg verletzt, durfte nachkommen. Die Familie lebt jetzt in einer Großstadt.

Die Großfamilie aus Serbien war einen Winter lang da. Sie bekamen noch ein Baby, eine Frühgeburt, die Abschiebung wurde darum immer wieder verschoben. Manchmal kam der Gerichtsvollzieher hoch zum Gartlberg, weil die Eltern im Supermarkt anschreiben ließen - und nicht zahlten. Die Beschaffung von Ersatzpapieren zog sich über Monate hin. Dann waren sie weg - und wollten den Winter darauf wiederkommen, sagten sie. Das Heim aber gibt es nicht mehr.

Momo M. aus Nigeria ist mit ihrem Mann und vier Kindern umgezogen auf den Griesberg, das letzte verbliebene Asylheim in Pfarrkirchen. Sie waren unter den ersten Bewohnern, kamen direkt aus Italien, wo sie vorher sieben Jahre gewohnt hatten. Ihr Asylverfahren läuft noch. Wie es weitergeht? Ungewiss. Die Kinder sprechen schon gut Deutsch.

Unten in Pfarrkirchen fallen die Kinder nicht mehr auf. Das Stadtbild ist in diesen Jahren ein anderes geworden. Neue Gesichter, viele Hautfarben. Denn vor drei Jahren wurde Pfarrkirchen auch noch Hochschulstadt: Am European Campus studieren jetzt 500 junge Menschen aus 70 Ländern. Aus Brasilien, Indien, Libanon, Korea, Pakistan, Mexiko, USA, Simbabwe. Wer da mit dem Schlauchboot oder ganz bequem mit dem Flugzeug kam, lässt sich nicht leicht auseinanderhalten.

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