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Mittelfranken:Dieser Superhost glaubt an die ursprüngliche Idee von Airbnb

Heinz und Lydia Gruber in Kehl bei Weißenburg, die jeden Tag mehrere Airbnb-Gäste aus aller Welt beherbergen

Heinz Gruber und seine Frau Lydia haben viele Zimmer frei, seitdem die Kinder aus dem Haus sind.

(Foto: www.roggenthin.de)

333 Gäste aus 26 Ländern haben im vergangenen Jahr bei Heinz Gruber aus Kehl bei Weißenburg übernachtet. Die Rolle des Herbergsvaters gefällt ihm, auch weil er so die Stille aus seinem Haus vertrieben hat.

Von Julia Huber, Kehl

Heinz Gruber, 67, hat bunte Filzstifte genommen und Strichmännchen gemalt. Ein Männchen im Bett, eins in der Badewanne, eins auf dem Klo. Solche Zettel hängen jetzt an allen Türen im Haus, zur Orientierung: Schlafzimmer, Badezimmer, Toilette. Gruber sagt: "Das versteht jeder, egal aus welchem Land er kommt."

Gruber hat Übernachtungsgäste aus der ganzen Welt. Der Rentner im braunen Pulli, das Haar schon etwas schütter, ist ein Superhost. So nennt die Internetplattform Airbnb ihre erfolgreichsten Nutzer. Wer daheim ein Zimmer oder auch nur ein Sofa frei hat, kann es über die Plattform vermieten. Gruber und seine Frau Lydia haben viele Zimmer frei, seit die sechs Kinder aus dem Haus sind.

Im Gästebuch von Lydia und Heinz Gruber haben sich schon viele Besucher aus der ganzen Welt verewigt. Den Besuchern aus Vietnam hat es gut gefallen in Kehl.

(Foto: Julia Huber)

Vergangenes Jahr hatten sie 333 Gäste aus 26 Ländern. Darunter fünf Chinesen, sechs Amerikaner, vier Südkoreaner, zwei Kanadier. An diesem Tag guckt Doktorand Floris aus Belgien zur Küchentür rein. Gruber winkt ihn an den langen Küchentisch, auf dem Kaffee und Kuchen stehen. "Take a cake", sagt Gruber in seinem alten Schul-Englisch, nimm' dir ein Stück Kuchen.

Airbnb - das verbindet man inzwischen mit Immobilienspekulation. Mit dem Schwund von bezahlbarem Wohnraum und mit Touristen, die ganze Stadtviertel verändern. In der Münchner Innenstadt werden Luxus-Lofts für mehr als 400 Euro pro Nacht vermietet. Zum Oktoberfest kosten manche Wohnungen mehr als 900 Euro pro Nacht. In weite Ferne scheint da die Idee gerückt zu sein, mit der Airbnb Werbung macht: Eine Plattform, mit deren Hilfe Reisende bei Einheimischen unterkommen können. Gastfreundschaft organisiert via Internet.

Im 120-Einwohner-Ort Kehl bei Weißenburg in der Fränkischen Alb hängt Heinz Gruber noch an dieser Idee. "Übernachten bei Freunden", nennt er das. 17 Euro kostet bei ihm die Nacht. Inklusive Frühstück mit selbstgepresstem Apfelsaft und hausgemachtem Holunder-Gelee. Gruber bezieht Betten, organisiert Extra-Kissen und schmeißt den Herd an, wenn die Gäste abends noch Heißhunger bekommen. Die Rolle des Herbergsvaters gefällt ihm.

Floris aus Belgien macht es sich vor dem warmen Kachelofen gemütlich. "Du kannst noch mehr haben", sagt Gruber und lädt dem kleinen Mann im Trainingsanzug noch ein Stück Käsekuchen auf den Teller. Floris ist vor zwei Wochen mit dem Fahrrad im belgischen Städtchen Sint-Martens-Latem nahe Gent aufgebrochen. Er will bis nach Japan radeln. Laut seiner Rechnung muss er jetzt losfahren, mitten im Winter, - sonst wird es zu heiß, bis er die Wüstenregionen im Mittleren Osten erreicht.

Heinz und Lydia Gruber in Kehl bei Weißenburg, die jeden Tag mehrere Airbnb-Gäste aus aller Welt beherbergen

Gruber schmeißt den Herd an, wenn die Gäste abends noch Hunger bekommen.

(Foto: www.roggenthin.de)

Das Haus der Grubers ist für die meisten Zwischenstation. Kein Gast kommt, weil er Kehl sehen will. Manche wollen nur ein paar Stunden schlafen auf dem Weg nach Italien, Kroatien - oder Japan. Andere nutzen Grubers Haus als Startpunkt, um Deutschland zu erkunden. Die Großfamilie aus Malaysia zum Beispiel, die sich durch die deutsche Küche probierte. Gruber empfahl Altmühltaler Bratwürste und Schäufele. Die Russen, die mit ihren Luxuskarossen zum Shoppen ins Outlet nach Ingolstadt fuhren. Oder die vietnamesischen Studenten, die drei Tage zum Oktoberfest pendelten und am letzten Abend ihre Trophäen zeigten: Schnappschüsse von FC-Bayern-Spielern in Lederhosen.

Gruber lacht laut, wenn er diese Geschichten erzählt. Manchmal schüttelt er den Kopf und sagt "unglaublich" oder "faszinierend". Es gefällt ihm, wenn was los ist im Haus. Er hat sechs Kinder großgezogen und war 30 Jahre lang Lehrer an einer Sonderschule. Ein Leben voller Krach und Gewusel.

Vor vier Jahren war das auf einmal vorbei. Heinz Gruber war Anfang 60 und in Rente, die Kinder waren ausgezogen. Er blieb mit seiner Frau Lydia übrig im großen Haus mit all den leeren Kinderzimmern. "Es war einfach zu ruhig hier plötzlich", erzählt Gruber. Er war unterfordert.

"So liebe Kerle, die könntest du alle knuddeln"

Dann kam ihm die Idee mit den Zimmervermietungen. Er schnappte sich seine Digitalkamera und knipste die Küche, das Schlafzimmer, das Bad. Sein Sohn half ihm, ein Inserat auf Airbnb zu veröffentlichen. Gruber gab ihm die Überschrift "In der Mitte Bayerns Natur erfahren". Seitdem kommen sie, die Naturliebhaber und Low-Budget-Urlauber. Die jüdische Folklore-Band, die um acht Uhr morgens das erste Ständchen spielte. Die Physiotherapeutin, die Gruber eine japanische Shiatsu-Massage gab. Die litauische Motorradgang, die literweise Schnaps trank und die Küche trotzdem blitzblank hinterließ. Und der israelische Bio-Händler, der mit einer fettreichen Diät experimentierte und Gruber ein vor Kokosöl triefendes Omelette zubereitete.

Die Stille hat Gruber vertrieben. Manchmal wird es seiner Frau Lydia und seiner Tochter Becky, die vorübergehend wieder eingezogen ist, zu viel. Wenn die Gäste stundenlang in der Küche stehen und Fleischgerichte schmoren. Oder wenn Gruber es nicht über sich bringt, nein zu sagen auf die Frage, ob drei Leute mehr kommen können. Gruber freut sich über jeden Gast. Über den belgischen Radler genauso wie über die italienische Heavy-Metal-Band "Stormlord" - elf Bandmitglieder mit Tattoos, langen Haaren und Lederkluft, von denen Gruber schwärmt: "So liebe Kerle, die könntest du alle knuddeln."

Sogar eine Werbepostkarte hat Gruber inzwischen drucken lassen. Darauf sind Fotos zu sehen. Und er hat seine Kernbotschaft auf Englisch übersetzt. "Make a stop and sleep here", steht da: Macht einen Zwischenstopp und schlaft hier. Und: Ihr seid willkommen, "you are welcome". Als Gruber seinen Kindern die Karte zeigte, sagten die: Hättest uns die englischen Übersetzungen ja vorher mal zeigen können. Aber da waren die Karten schon hundertfach ausgedruckt. Gruber lacht laut und zuckt mit den Schultern. "Versteht doch jeder."

© SZ vom 07.03.2018/amm

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