Mietstreit über Tagungshaus Wie die CSU den Kampf um Kreuth verlor

Dieses Licht, diese Stimmung - auf diesem Winterwunderbild wird der viel beschworene "Geist von Kreuth" quasi sichtbar.

(Foto: Frank Leonhardt/dpa)
  • Wildbad Kreuth wurde einfach zu teuer - die Hanns-Seidel-Stiftung kann sich den gestiegenen Preis für das Tagungsgebäude nicht mehr leisten.
  • Für die CSU ist Kreuth von großer Bedeutung. Dort wurden Putsche geplant und die Abspaltung von der Schwesterpartei beschlossen.
  • Doch vielleicht hat die CSU eine Lösung parat.
Von Heiner Effern und Wolfgang Wittl

Am Ende hatte die Situation sogar etwas Komisches, nur zum Lachen war in der CSU keinem mehr zumute. Das Zimmer, in dem die Vorstandsspitze der Hanns-Seidel-Stiftung (HSS) am Montagnachmittag abschließend über die Zukunft von Wildbad Kreuth befand, trug den Namen: "Raum Kloster Banz". Ein Vorzeichen?

Kloster Banz ist neben dem früheren Sanatorium in Kreuth das zweite traditionsreiche Tagungsgebäude, in dem sich die CSU-Abgeordneten zu ihren Sitzungen versammeln, in dem sie oft kleine, manchmal große Politik machen und nicht selten personelle Weichen stellen. An die mythische Bedeutung von Kreuth reichte das fränkische Banz allerdings nie auch nur annähernd heran. Doch jetzt wird die CSU sich umstellen müssen: Denn Wildbad Kreuth, diesen sagenumwobenen Ort am Tegernsee, wird es für die CSU in dieser Form nicht mehr geben, so viel steht nun fest.

Der bis 31. März 2016 laufende Mietvertrag werde "im Einvernehmen mit den Eigentümern (Haus Wittelsbach) nicht weiter verlängert", teilte der Vorstand der CSU-nahen HSS nach seiner Sitzung mit. Wildbad Kreuth habe sich "in vier Jahrzehnten zu einem Zentrum für politische Diskussionen und für politische Bildungsarbeit entwickelt, aber auch zu einem geistig-kulturellen und politisch geprägten Ort". Mehr als 20 000 Teilnehmer fanden sich hier jährlich zu Seminaren ein. Vor allem aber war Kreuth der Ort, der das Selbstverständnis der CSU prägte wie kein anderer.

Der Mythos von Kreuth

Bereits 1976, nur ein Jahr, nachdem die HSS sich hier eingemietet hatte, löste die CSU mit ihrem Trennungsbeschluss ein politisches Beben aus. Franz Josef Strauß legte bei der Klausurtagung der Landesgruppe fest, dass Bayern für die CSU zu klein geworden sei. Die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU wurde aufgekündigt, die Christsozialen sahen sich - neben SPD, FDP und CDU - bereits als vierte Partei im ganzen Lande. Zwar wurde der Beschluss nur wenige Wochen später auf Druck der Schwesterpartei wieder zurückgenommen, doch der Mythos Kreuth war geboren. Das Selbstbewusstsein der renitenten Christsozialen hatte einen geografischen Fixpunkt gefunden.

Wo der Mythos der CSU geboren wurde

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Winter für Winter pilgerten die Abgeordneten aus der Landesgruppe im Bundestag und der Landtagsfraktion zu diesem Gebäude an den Tegernsee, stapften durch den tiefen Schnee und freuten sich, dass ganz Medien-Deutschland daran Anteil nahm. Der PR-Mehrwert war für die CSU unbezahlbar. Das nachrichtenarme Jahr hatte gerade begonnen, da war es fast schon egal, was die da unten in Bayern wieder ausbrüteten. Die Bilder jedenfalls stimmten: Vor verschneiter Alpenkulisse ließen die CSU-Granden kein Mikrofon stehen, luden namhafte Gäste aus aller Welt ein und nutzten den politischen Winterurlaub, um ihre Botschaften abzusetzen. Und manchmal, ja, da passierte ja sogar wirklich etwas, wie im Winter 2007, als die Partei all ihre Vorsätze vergaß.

Die Dynamik von Kreuth

Ihres Parteichefs und Ministerpräsidenten Edmund Stoiber überdrüssig, ließ sich die Fraktion tatsächlich zu einem Putsch hinreißen. Anfangs, so berichten Teilnehmer von damals, habe eigentlich nichts darauf hingedeutet. Doch es gehört wohl zu den Geheimnissen von Kreuth, dass Dinge hier eine Dynamik gewinnen können, wie sie andernorts nicht vorstellbar wäre. Einkaserniert in einem Haus, dem es an jedem Luxus mangelt, entwickelte sich der Unmut gegen Stoiber erst zum Zorn und schließlich zu dessen Sturz. In den Hinterzimmern wurde die künftige Aufgabenverteilung festgezurrt: Stoibers frühere Vertraute Erwin Huber und Günther Beckstein begruben ihre Rivalität und teilten sich die Macht - ein weiteres Kapitel in der Geschichte dieser mitunter anarchischen Partei war geschrieben, wenn auch ein kurzes.

Edmund Stoiber vor seinem Sturz.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Angesichts der Bedeutung dieser Stätte hatte so mancher in der CSU immer noch die Hoffnung, alles werde sich schon irgendwie zum Guten wenden. Dabei hatte CSU-Chef Horst Seehofer die Partei bereits vor Wochen darauf eingestimmt, dass ihr der Abschied aus Kreuth blühen könnte. Um sich mit dem Vermieter zu einigen, müsse schon ein Wunder geschehen, sagte Seehofer. Er selbst schien offenbar fest entschlossen, es herbeizuführen. Den Auszug aus der hässlichen Parteizentrale in München, der diesen Herbst erfolgt, hatte die Partei klaglos mitgetragen. Aber Kreuth?