Wildbad Kreuth:Wo der Mythos der CSU geboren wurde

Es sollte die einzige Revolte in der Geschichte der CSU bleiben: der Trennungsbeschluss von Wildbad Kreuth vor 40 Jahren. Doch seither verbindet die Partei einige Schlüsselereignisse mit dem idyllischen Ort in Oberbayern.

Von Birgit Kruse

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CSU Winterklausur in Wildbad Kreuth

Quelle: dpa

Sicher, CSU-Chef Horst Seehofer und Kanzlerin Angela Merkel streiten seit Monaten. Nicht einmal zum CSU-Parteitag war die CDU-Chefin eingeladen worden. Schlechte Stimmung zwischen den Schwestern. Sicher. Nicht zum ersten Mal. Doch nur einmal kam es in der Geschichte der Union zu einer Revolte.

Der einstige CSU-Chef Franz Josef Strauß zettelte sie vor 40 Jahren an: 1976 kündigt die CSU die Fraktionsgemeinschaft mit der Schwesterpartei CDU im Bundestag auf. Zuvor ist es der Union unter Kanzlerkandidat Helmut Kohl nicht gelungen, die sozial-liberale Koalition unter Helmut Schmidt abzulösen. Kohl verpasst knapp die absolute Mehrheit. Strauß erhofft sich vom Kreuther Trennungsbeschluss mehr Eigenständigkeit und als eigene Fraktion im Bundestag mehr Einfluss. Womit er nicht rechnet: Sein politischer Rivale Kohl lässt sich von der Drohung nicht beeindrucken, sondern droht sogar damit, in Bayern einen eigenen CDU-Landesverband zu gründen.

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Der Mythos von Kreuth

Fraktionstrennung von CDU und CSU, 1976

Quelle: AP

Strauß knickt nach 23 Tagen ein. Schon am 12. Dezember 1976 wird der Trennungsbeschluss wieder zurückgenommen. Die Fraktionsgemeinschaft zwischen den beiden Parteien besteht bis heute.

Was geblieben ist: der Mythos von Kreuth, der Mythos einer rebellischen CSU - und der Anspruch auf Eigenständigkeit, den die Partei bis heute pflegt. Denn seit jenen Tagen sehen sich CSU und CDU als gleichberechtige Partner mit dem Recht auf eigene Meinungen und Positionen.

Auch wenn die Revolution nur wenige Wochen dauerte. Der Mythos von Kreuth war geboren. Seither verbindet die CSU mit dem Ort, der idyllisch in einem Hochtal über dem Tegernsee liegt, so manch historischen Moment in der Parteigeschichte. Ein Rückblick.

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Stoibers Aufstieg

Sondierungsgespräch CDU/CSU - SPD

Quelle: dpa/dpaweb

Es soll der Höhepunkt seiner politischen Karriere werden: die Kanzlerkandidatur. Ein Bayer in Berlin. Der Traum von Edmund Stoiber, zum Greifen nahe. Es ist bei der Klausur der CSU-Landesgruppe 2002, als der damalige Landesgruppenchef Michael Glos Parteichef Edmund Stoiber zum Kanzlerkandidaten der CSU ausruft - gegen den Willen der Schwesterpartei CDU. Drei Tage später lädt Stoiber CDU-Chefin Angela Merkel zum legendären Wolfratshauser Frühstück. Merkel verzichtet auf ihre Kandidatur, Stoiber zieht in den Wahlkampf - und verliert. Am Wahlabend kann er sich nach den ersten Hochrechnungen zwar als Wahlsieger fühlen, allerdings nur für wenige Stunden. Am Ende gewinnt die SPD und Gerhard Schröder wird Kanzler. Stoiber kehrt als Verlierer nach Bayern zurück.

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Stoibers Sturz

Rücktritte bei der CSU - Stoiber

Quelle: dpa

Die Stimmung ist schlecht in der CSU im Jahr 2007 - und der Medienrummel um die Kreuther Klausur so groß wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Denn es geht um viel, um die Zukunft der CSU und um die von Edmund Stoiber. Partei-Rebellin Gabriele Pauli fordert den Parteichef und Ministerpräsidenten öffentlich zum Rücktritt auf. Alle Versuche, die Nachfolge mit Stoiber innerparteilich und einvernehmlich zu regeln, scheitern. Stoiber will weitermachen - bis sich die Ereignisse überschlagen: Am 17. Januar bekennt sich die Fraktion noch zu ihrem Parteichef, bereits am nächsten Tag macht das Gerücht die Runde, Stoiber mache den Weg frei für mögliche Nachfolger. Um 14.15 wird klar: Stoiber tritt in der Staatskanzlei vor die Presse und erklärt seinen Rücktritt. In Kreuth wird sein Erbe aufgeteilt.

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Das Unglücks-Duo

CSU Parteitag - Huber und Beckstein

Quelle: dpa

Eigentlich glaubte Edmund Stoiber nicht daran, dass sich die CSU einig werden kann ob seiner Nachfolge. Doch die CSU kann. Während Stoiber in der Staatskanzlei seinen Rücktritt als Ministerpräsident und Parteichef verkündet, einigen sich in den Hinterzimmern von Kreuth Günther Beckstein und Erwin Huber auf eine Doppelspitze. Auch Horst Seehofer kann das Blatt in einer Kampfabstimmung um den Parteivorsitz auf dem Wahlparteitag nicht wenden. Für die CSU bringt das Duo keinen Segen. Die Umfragewerte fallen in den Keller, bei der Landtagswahl 2008 fährt die CSU ein historisch schlechtes Wahlergebnis ein: 17 Prozentpunkte weniger und der Verlust der absoluten Mehrheit. Die Tage des Unglücks-Duos sind gezählt, es schlägt die Stunde von Horst Seehofer. Er übernimmt ihre Posten und führt die Partei wieder in eine erfolgreichere Zukunft.

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Der Abschied

Auftakt Winterklausur CSU-Landesgruppe

Quelle: dpa

Die CSU und Wildbad Kreuth - seit Jahrzehnten untrennbar miteinander verbunden, in der Wahrnehmung, in der Historie. Doch damit ist Schluss. Die Eigentümer, die Herzöge des Hauses Wittelsbach, wollen in der oberbayerischen Bergidylle ein Gesundheits- und Wellnesszentrum errichten lassen. Platz für größere Tagungen wäre dann nicht mehr. Im Mai 2016 lief der Mietvertrag mit der CSU aus. Der Mythos hat seine Heimat verloren.

© SZ.de//sim/ebri
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