Süddeutsche Zeitung

Mietstreit über Tagungshaus:Wie die CSU den Kampf um Kreuth verlor

  • Wildbad Kreuth wurde einfach zu teuer - die Hanns-Seidel-Stiftung kann sich den gestiegenen Preis für das Tagungsgebäude nicht mehr leisten.
  • Für die CSU ist Kreuth von großer Bedeutung. Dort wurden Putsche geplant und die Abspaltung von der Schwesterpartei beschlossen.
  • Doch vielleicht hat die CSU eine Lösung parat.

Von Heiner Effern und Wolfgang Wittl

Am Ende hatte die Situation sogar etwas Komisches, nur zum Lachen war in der CSU keinem mehr zumute. Das Zimmer, in dem die Vorstandsspitze der Hanns-Seidel-Stiftung (HSS) am Montagnachmittag abschließend über die Zukunft von Wildbad Kreuth befand, trug den Namen: "Raum Kloster Banz". Ein Vorzeichen?

Kloster Banz ist neben dem früheren Sanatorium in Kreuth das zweite traditionsreiche Tagungsgebäude, in dem sich die CSU-Abgeordneten zu ihren Sitzungen versammeln, in dem sie oft kleine, manchmal große Politik machen und nicht selten personelle Weichen stellen. An die mythische Bedeutung von Kreuth reichte das fränkische Banz allerdings nie auch nur annähernd heran. Doch jetzt wird die CSU sich umstellen müssen: Denn Wildbad Kreuth, diesen sagenumwobenen Ort am Tegernsee, wird es für die CSU in dieser Form nicht mehr geben, so viel steht nun fest.

Der bis 31. März 2016 laufende Mietvertrag werde "im Einvernehmen mit den Eigentümern (Haus Wittelsbach) nicht weiter verlängert", teilte der Vorstand der CSU-nahen HSS nach seiner Sitzung mit. Wildbad Kreuth habe sich "in vier Jahrzehnten zu einem Zentrum für politische Diskussionen und für politische Bildungsarbeit entwickelt, aber auch zu einem geistig-kulturellen und politisch geprägten Ort". Mehr als 20 000 Teilnehmer fanden sich hier jährlich zu Seminaren ein. Vor allem aber war Kreuth der Ort, der das Selbstverständnis der CSU prägte wie kein anderer.

Der Mythos von Kreuth

Bereits 1976, nur ein Jahr, nachdem die HSS sich hier eingemietet hatte, löste die CSU mit ihrem Trennungsbeschluss ein politisches Beben aus. Franz Josef Strauß legte bei der Klausurtagung der Landesgruppe fest, dass Bayern für die CSU zu klein geworden sei. Die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU wurde aufgekündigt, die Christsozialen sahen sich - neben SPD, FDP und CDU - bereits als vierte Partei im ganzen Lande. Zwar wurde der Beschluss nur wenige Wochen später auf Druck der Schwesterpartei wieder zurückgenommen, doch der Mythos Kreuth war geboren. Das Selbstbewusstsein der renitenten Christsozialen hatte einen geografischen Fixpunkt gefunden.

Winter für Winter pilgerten die Abgeordneten aus der Landesgruppe im Bundestag und der Landtagsfraktion zu diesem Gebäude an den Tegernsee, stapften durch den tiefen Schnee und freuten sich, dass ganz Medien-Deutschland daran Anteil nahm. Der PR-Mehrwert war für die CSU unbezahlbar. Das nachrichtenarme Jahr hatte gerade begonnen, da war es fast schon egal, was die da unten in Bayern wieder ausbrüteten. Die Bilder jedenfalls stimmten: Vor verschneiter Alpenkulisse ließen die CSU-Granden kein Mikrofon stehen, luden namhafte Gäste aus aller Welt ein und nutzten den politischen Winterurlaub, um ihre Botschaften abzusetzen. Und manchmal, ja, da passierte ja sogar wirklich etwas, wie im Winter 2007, als die Partei all ihre Vorsätze vergaß.

Die Dynamik von Kreuth

Ihres Parteichefs und Ministerpräsidenten Edmund Stoiber überdrüssig, ließ sich die Fraktion tatsächlich zu einem Putsch hinreißen. Anfangs, so berichten Teilnehmer von damals, habe eigentlich nichts darauf hingedeutet. Doch es gehört wohl zu den Geheimnissen von Kreuth, dass Dinge hier eine Dynamik gewinnen können, wie sie andernorts nicht vorstellbar wäre. Einkaserniert in einem Haus, dem es an jedem Luxus mangelt, entwickelte sich der Unmut gegen Stoiber erst zum Zorn und schließlich zu dessen Sturz. In den Hinterzimmern wurde die künftige Aufgabenverteilung festgezurrt: Stoibers frühere Vertraute Erwin Huber und Günther Beckstein begruben ihre Rivalität und teilten sich die Macht - ein weiteres Kapitel in der Geschichte dieser mitunter anarchischen Partei war geschrieben, wenn auch ein kurzes.

Angesichts der Bedeutung dieser Stätte hatte so mancher in der CSU immer noch die Hoffnung, alles werde sich schon irgendwie zum Guten wenden. Dabei hatte CSU-Chef Horst Seehofer die Partei bereits vor Wochen darauf eingestimmt, dass ihr der Abschied aus Kreuth blühen könnte. Um sich mit dem Vermieter zu einigen, müsse schon ein Wunder geschehen, sagte Seehofer. Er selbst schien offenbar fest entschlossen, es herbeizuführen. Den Auszug aus der hässlichen Parteizentrale in München, der diesen Herbst erfolgt, hatte die Partei klaglos mitgetragen. Aber Kreuth?

Der Kampf um Kreuth

Seehofer soll persönlich bei Franz Herzog von Bayern vorgesprochen haben, dem Oberhaupt der Familie Wittelsbach. Auch bei dessen Bruder Max soll er angeklopft haben. Doch beide hielten sich heraus und verwiesen auf Helene, die Tochter von Max. Die Herzogin alleine entscheide über die Verhandlungen zu Kreuth - und sie war offensichtlich nicht bereit, der CSU in dem Maße entgegenzukommen, wie die es erhofft hatte.

Eigentümerin Helene dürfte von der Entscheidung der Stiftung daher nicht wirklich überrascht gewesen sein. "Wir bedauern das, aber es ist, wie es ist. Es hat sich bei den sehr konstruktiven Gesprächen schon angedeutet, dass man nicht zusammenkommt", sagt ihr Anwalt Christian Nunn. Denn die 11 000 Quadratmeter an Räumen im früheren Sanatorium müssten ja nicht nur zu den beiden CSU-Klausuren im Januar belegt werden, sondern 365 Tage im Jahr. Die Pacht des gesamten Ensembles konnte sich die HSS offensichtlich nur zu Bedingungen leisten, wie sie im Vertrag von 1974 festgeschrieben sind. Von einem Euro pro Quadratmeter war die Rede, insgesamt angeblich 84 000 Euro im Jahr.

Die Preissteigerung von Kreuth

Die kolportierten 630 000 Euro, die Helene in Bayern jetzt verlangt haben soll, weist ihr Anwalt Nunn zurück. Diese Zahl habe mit den Verhandlungen nichts zu tun. Für eine Neuauflage des mehr als 40 Jahre alten Vertrags wurden zwei Modelle durchgesprochen. Beiden Parteien war da schon klar, dass am alten Gebäude einiges an Sanierungsbedarf anfällt. So pittoresk es von außen aussieht - innen verströmt es den Charme einer Jugendherberge: Im ersten Modell hätte Helene in Bayern die Sanierung übernommen, dafür aber eine höhere Pacht verlangt. Im zweiten hätte die Hanns-Seidel-Stiftung investiert und dafür deutlich weniger an Pacht überwiesen.

Beide Varianten konnte oder wollte sich die Stiftung nicht leisten. Er könne finanzielle Lücken größeren Ausmaßes nicht hinnehmen, sagte Seehofer am Montag. Fast drei Millionen Euro soll die HSS im vergangenen Jahr für das Gebäude aufgewendet haben, inklusive Bauunterhalt und Raumkosten. Man kann davon ausgehen, dass dem Stiftungsvorstand die Entscheidung nicht leicht fiel: Theo Waigel, Alois Glück, Stoiber, Seehofer, ehemalige und aktuelle Minister gehören ihm an - trotzdem soll der Beschluss bei einer Enthaltung einstimmig ausgefallen sein.

Eine Lösung mit Kreuth?

Doch die CSU wäre nicht die CSU, wenn sich vielleicht nicht doch eine Lösung finden ließe: Seine Mandantin werde nun Pläne ohne die Hanns-Seidel-Stiftung forcieren, sagt Anwalt Nunn. Es gebe mehrere Interessenten. Denkbar sei etwa, dass ein Tagungshotel entstehe, in das sich die CSU mit ihrer Landesgruppe und Landtagsfraktion jederzeit einmieten könne. Bislang hatte sich die CSU für die schönen Winter-Bilder stets bei der HSS eingebucht.

Der Kreuther Bürgermeister Josef Bierschneider (CSU) war trotzdem erst einmal enttäuscht, als er die Nachricht hörte. "Das ist für uns ein schwerer Schlag", sagte er. Die Seminare hätten dem Ort Gäste beschert, die Bilder seien beste Werbung gewesen. Ob der Geist von Kreuth für immer verschwindet? "Schauen wir mal", sagt Bierschneider. Im Januar wird CDU-Chefin Angela Merkel nach Kreuth kommen, als vorerst letzter Gast. Ob es diesmal ein endgültiger Trennungsbeschluss war, wird wohl erst später feststehen. Die Hoffnung ist gering: "Am 31. März 2016 gehen für uns dort die Lichter aus", sagt ein einflussreicher CSU-Mann.

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SZ vom 14.07.2015/axi
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