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Stiftsarchiv Laufen:Ein Rabatt aufs Fegefeuer

Das Stiftsarchiv Laufen gleicht einem Schatz für Historiker.

(Foto: Matthias Köpf)

Im Stiftsarchiv in Laufen lagern 700 Jahre Geschichte: Außer einem faszinierenden Ablassbrief finden sich dort Urkunden, Grundbücher und Dokumente. Bei manchen Exemplaren gleicht es einem Wunder, dass sie noch existieren.

Von Matthias Köpf

Das Schriftstück ist nicht nur schwer, es muss auch eines von Gewicht sein. Immerhin hängen 14 in Metall gefasste Siegel an der Unterkante der großen, querformatigen Urkunde. Es sind die Siegel von stolzen 14 Kardinälen, von Oliverius, Kardinalbischof von Sabina, über Ludovicus Johannes, Kardinalpriester von Santi Quattro Coronati, bis hin zu Julianus, Kardinaldiakon von St. Sergius und Bacchus, allesamt höchste Würdenträger der Kirche in Rom. Der katholischen Kirche natürlich, denn im Jahr 1500, aus dem die Urkunde stammt, war von einer evangelischen Kirche noch gar nicht die Rede. Die Reformation rüttelte das christliche Abendland erst einige Jahre später durch - wegen genau solcher Urkunden wie dieser hier.

Denn was die 14 hochwürdigsten Herren da einst in rotem Wachs besiegelt haben, ist ein Rabatt von 100 Tagen auf das Fegefeuer. Eine gewisse Anna von der Albm hatte in Rom diesen Ablassbrief bestellt, er sichert allen Gläubigen, die an bestimmten Festtagen den Altar St. Anna und St. Mauritius in der Stiftskirche Unser Lieben Frau zu Laufen an der Salzach besuchen, einen Ablass auf hundert Tage zu. Das Dokument ist heute bei Weitem das spektakulärste Stück des Laufener Stiftsarchivs, selbst erfahrene Kirchenarchivare dürften so etwas kaum je im Original zu Gesicht bekommen haben.

Dass dieser Ablassbrief und fast 1000 weitere Urkunden sowie unzählige Grundbücher, Rechnungen, Protokolle, Schuldbücher und allerlei andere Akten aus mehr als 700 Jahren erhalten geblieben sind, kann als historischer Glücksfall gelten. Und der war in der alten Salzschifferstadt Laufen immerhin ein kleines bisschen wahrscheinlicher als an den meisten anderen Orten in Bayern.

Denn zu Bayern hat die Stadt am heutigen Grenzfluss Salzach die längste Zeit ihrer Geschichte gar nicht gehört. Bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts war der ganze Rupertiwinkel Teil des Erzstifts Salzburg, des weltlichen Herrschaftsbereichs der Salzburger Erzbischöfe. Und einer dieser mehr oder weniger geistlichen Fürsten, Paris Lodron, ein Graf mit italienischen Wurzeln, hat weit über ein Jahrhundert nach Ausstellung des Ablassbriefs kluge Entscheidungen getroffen. Längst gab es Protestanten, und beide Konfessionen waren Teil eines großen Machtkampfs geworden. In dem stellte Paris Lodron zwar pflichtschuldigst Truppen für die Katholische Liga, doch ansonsten hielt er sich und sein Fürstbistum aus dem Dreißigjährigen Krieg heraus, so gut es ging.

Und es ging gut. Das grabartige Versteck für die wichtigsten Wertsachen, das im Laufener Kollegiatsstift zu jener Zeit unter den Bodenplatten ausgehoben worden sein muss, wurde wohl gar nicht gebraucht. Der Schwede blieb ebenso fern wie sonstige plündernde und zündelnde Soldateska. Und wiederum mehr als eineinhalb Jahrhunderte später wurde 1803 zwar das Erzstift Salzburg als Staat säkularisiert, eine Säkularisation einzelner Kirchenbesitzungen gab es dort aber nicht in der Form wie in Bayern.

Zu dem kamen Laufen und der ganze Rupertiwinkel dann erst nach dem Wiener Kongress 1816. Das einst üppig ausgestattete Kollegiatsstift, eine Art frühe WG für Seelsorger, verlor dabei seine durchweg jenseits der Salzach gelegenen Güter an die Österreicher, doch das Archiv bliebt nahezu unversehrt.

Wissenschaftlich ausgeschöpft ist der Bestand des Stiftsarchiv noch lange nicht

Genau darum haben der heutige Stadtpfarrer Simon Eibl und seine ehrenamtlichen Helfer nun so viel Arbeit mit so vielen Archivalien. Eibl hat sich des Archivs erst vor einigen Jahren angenommen, und zwar "völlig unbedarft", wie er selber sagt. 2016 war Hans Roth gestorben, der lange Bayerns oberster Heimatpfleger war. Roth sei regelmäßig ins Pfarramt gekommen, habe sich den Schlüssel für das Archiv geholt, ihn ein paar Stunden später wieder zurückgebracht und dann gelegentlich neue Fundstücke präsentiert, erzählt Eibl. Ergebnis von Roths Besuchen waren viele Aufsätze im lokalhistorischen "Salzfass" und anderswo.

Wissenschaftlich ausgeschöpft ist der Bestand deswegen noch lange nicht. So bieten sich im Stiftsarchiv auch viele Einblicke in ganz alltägliche Geschäfte. Neben etlichen Notenhandschriften gibt es dort zahlreiche weltliche Kaufverträge oder Rechnungsbücher von Bruderschaften, die einst auch eine ähnliche Funktion wie heute Versorgungskassen und Versicherungen hatten.

714 Jahre alt

ist die älteste Urkunde im Laufener Stiftsarchiv. Darin überschreibt ein Adeliger namens Seibot von Lampoting seiner Frau Gedraut 100 Pfund Pfennige. Einst gab es im Archiv eine noch ältere Urkunde von 1301, doch diese hat der damalige Laufener Pfarrer etwa im Jahr 1890 in einem Antiquariat in Salzburg versetzt.

Roth und einige andere historisch interessierte Laufener hatten schon Teile dieser Bestände erschlossen und mit Stichwörtern versehen. Eibl und andere führten die Arbeit fort, Ministranten fotografierten Originale ab, und inzwischen ist der größte Teil der Urkunden auf der Homepage des Pfarrverbands verzeichnet und nach Stichworten durchsuchbar. Die Originale liegen käfersicher in säurefreien Archivkartons.

Im Stiftsarchiv liegen mehr als 700 Jahre alte Dokumente.

(Foto: Matthias Köpf)

Nur wo nun diese Kartons ihren Ort finden sollen, macht Eibl und der ehrenamtlichen Kirchenverwalterin Monika Gaiser Sorgen. Neulich haben sie die Kostenschätzung für die Sanierung der beiden Räume bekommen, die mit ihren meterdicken Mauern auch für weitere Jahrhunderte beste klimatische Bedingungen böten. 250 000 Euro soll das alles kosten, und die staatlichen Denkmalpfleger sowie die Ordinariate in München und Salzburg haben schon signalisiert, dass auch ihnen dafür das Geld fehle.

Eibl hofft ohnehin, dass es mit viel Eigenleistung günstiger wird - gerne mit seiner eigenen, denn vor seinem Theologiestudium hat er zwölf Jahre lang als Schlosser gearbeitet. Zum Thema Ablass, den es in der katholischen Kirche immer noch gibt, macht er sich seine eigenen Gedanken. Aber wenn einer zu ihm kommt und meint, dass das dem Seelenheil dient, dann tut Eibl eben das Nötige. Den Ablassbrief von 1500 will er auch wieder verkaufen - aber nur als Faksimile: Wer 100 Euro oder mehr für die Archivsanierung spendet, darf sich eine Reproduktion davon neben den Kamin hängen. Fegefeuer erspart das nicht, denn die Kirche hat wohlweislich festgelegt, dass so ein Ablass exklusiv bei ihr erhältlich ist und nicht weiterverkauft werden darf.

© SZ vom 05.12.2020/lfr
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